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Kriminalität: Ermittler häufiger in den Chefetagen

Mit dem Platzen der Spekulationsblase am Neuen Markt begann auch das Interesse der Staatsanwälte an den Ex-Stars des Börsenparketts. Die prominenten Fälle in den Medien häufen sich.

Die Verdächtigen gehören zu den besten Kreisen der Gesellschaft: Ob Reemtsma, Refugium, Babcock, Trienekens oder EM.TV - wenn Polizisten und Staatsanwälte im Morgengrauen an Türen klopfen, zählen diese immer häufiger zu bekannten Namen aus der Wirtschaft - und die Liste wird länger.

Nicht mehr die üblichen Verdächtigen

Ob Babcock-Aufsichtsratschef Friedel Neuber, Ex-Babcock-Chef Klaus Lederer, Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann, TUI-Vorstandschef Michael Frenzel, Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser oder IG Metall-Chef Klaus Zwickel - sie alle werden von deutschen Staatsanwaltschaften derzeit als Verdächtige geführt - andere, wie die Brüder Haffa (EM.TV), stehen als Angeklagte vor Gericht.

Enormer Gesamtschaden

Die Zahl der Wirtschafts-Straftaten ist im Jahr 2001 im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent gestiegen. Zwar beträgt ihr Anteil an der gesamten Kriminalität mit 110.000 Fällen nur 1,7 Prozent - aber der Anteil an den Gesamtschäden durch Verbrechen liegt mit mehr als 60 Prozent oder 6,6 Milliarden Euro um ein Vielfaches darüber.

Meist männliche Täter

Gangster im Nadelstreifen richten in Deutschland Jahr für Jahr mehr Schaden an als alle Ladendiebe, Einbrecher und Bankräuber zusammen. Die Täter sind in mehr als 80 Prozent der Fälle Männer und verfügen über ein überdurchschnittliches Einkommen.

Wer sucht, der findet...

Dennoch warnen die Experten unisono vor einer Überbewertung der Polizeistatistik. Ein Komplex mit mehreren tausend Einzelfällen kann die bundesweite Bilanz verzerren und: «Es ist wie beim Rauschgift - je mehr Personal ich einsetze und ermittle, desto mehr finde ich auch», berichtet Norbert Reckers von der Polizei-Führungsakademie in Münster. Vor einigen Jahren seien spezielle Polizei-Dienststellen für Wirtschaftkriminalität geschaffen worden. Auch das könne den Trend beeinflusst haben.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter vermutet dennoch weiterhin eine hohe Dunkelziffer und schätzt den tatsächlichen Schaden auf 36 Milliarden Euro jährlich. Hinzu kommt der erhebliche, aber nicht in Summen bezifferbare Vertrauensschaden bei den Anlegern. Die Ermittler wollen ihren Verfolgungsdruck nun erhöhen: Seit Jahresbeginn beraten Experten des Bundeskriminalamtes und der Länder über Ansätze zur gezielten Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität und Korruption.

Unrechtsbewusstsein verloren

«Das sind jetzt zum Teil die Auswirkungen des Goldfiebers am Neuen Markt», sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, über die Ermittlungswelle. «Da hat manch einer das Unrechtsbewusstsein verloren.» Aber auch die Wirtschaftsflaute selbst sorgt für Strafverfahren, etwa durch Insolvenzdelikte wie im Fall Babcock: «Einige haben vielleicht nicht geglaubt, dass es soweit kommt», vermutet Kurz. Auf der anderen Seite sei auch das Aktienrecht mit dem Transparenz- und Publizitätsgebot deutlich verschärft worden - somit sei es heute leichter, im Gesetzesdickicht zu straucheln. «Die Strafverfolger scheinen sich inzwischen stärker für Wirtschaftskriminalität zu interessieren», sagt Jörg Kinzig, Kriminalitätsforscher am Max-Planck-Institut in Freiburg und sieht ebenfalls gute Erfolgschancen wegen der hohen Dunkelziffer.

Spezialgebiet Wirtschaftsrecht hat Zulauf

Des Anlegers Leid ist des Rechtsanwalts Freud: Die Geschäfte von Advokaten mit Spezialgebiet Wirtschaftsstrafrecht laufen glänzend. Der Düsseldorfer Verteidiger Sven Thomas, der Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser, Florian Haffa und Friedel Neuber vertritt, hat derzeit viel zu tun. Er führt dies zu einem Teil auf «die Ausweitung von Strafbarkeitsvorschriften» an.

Suche nach dem Sündenbock

Hinzu kommt eine Art Sündenbock-Mentalität nach dem Verlust der Anlegergelder: «Wenn die Spekulationsblase platzt, wie im Bereich der Telekommunikation, wird nach Schuldigen gesucht.» Auch wenn zuvor beim Feuerwerk der Aktienkurse alle kräftig mitgemischt hätten.