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Lebensmittelpreise: Der Hunger bekommt ein neues Gesicht

Die Ladenregale sind voll, dennoch hungern die Menschen. Immer mehr Afrikaner können sich nicht einmal mehr Grundnahrungsmittel leisten - selbst die Hilfsorganisationen stöhnen unter den explodierenden Preisen. Eine Reportage über den Hunger auf dem schwarzen Kontinent.

Von Marc Engelhardt, Nairobi

Auf dem Marché Madina, einem der größten Märkte Westafrikas in Guineas Hauptstadt Conakry, kostete ein Sack Reis im Dezember noch umgerechnet 122 Euro. Heute, nur ein Vierteljahr später, verlangen die Händler mehr als 300. "Früher haben wir morgens und abends Reis gegessen, aber jetzt reicht es oft nur noch für eine Mahlzeit am Tag", beklagt sich Justine, eine Mutter von drei Kindern, die in einem der Armenviertel von Conakry lebt. Vor einem Jahr sind nicht weit von hier Tausende Bewohner des westafrikanischen Landes auf die Straße gegangen, um gegen Präsident Lansana Conté und die rapide steigende Inflation zu protestieren. Bei dem folgenden Generalstreik wurden mindestens 130 Menschen getötet. Jetzt sind viele Guineer verzweifelt, aber zu ängstlich, um erneut zu demonstrieren.

Anderswo sind die Armen, die vor allem in den Städten immer öfter Hunger leiden, nicht so zimperlich. Im Sahelstaat Burkina Faso gingen Ende Februar Zehntausende auf die Straße. Es war die größte Demonstration, die das ehemalige Obervolta seit Langem gesehen hat. In den beiden größten Städten des Landes steckten sie Reifen in Brand, errichteten Straßensperren und lieferten sich Gefechte mit der Polizei. Fast 300 Demonstranten wurden verhaftet. Dabei hatten sie nichts anderes gefordert, als die Lebensmittelpreise zu senken. "Wir haben keine Wahl: Entweder wir demonstrieren, oder wir verhungern", rief einer der Demonstranten.

In Kamerun kamen Ende Februar mindestens 17 Menschen bei gewalttätigen Aufständen gegen die gestiegenen Transportpreise ums Leben. In der Elfenbeinküste hat Präsident Laurent Gbagbo Anfang April Einfuhrzölle gestrichen und Steuern auf Grundnahrungsmittel gesenkt, nachdem bei Demonstrationen in Abidjan ein Mann sein Leben verlor und die Polizei Tränengas einsetzte, um die Menge zu zerstreuen. Doch Gbagbo warnte: "Steigende Lebensmittelpreise sind ein globales Problem, diese Maßnahmen alleine werden es nicht lösen."

Grundnahrungsmittel so teuer wie nie

Überall in Afrika sind Grundnahrungsmittel derzeit so teuer wie nie zuvor. Die Preise für Reis, Weizen, Mais, Zucker oder Pflanzenöl haben sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt, warnt die Direktorin des Welternährungsprogramms, Josette Sheeran. "Der Hunger bekommt ein neues Gesicht - selbst dort, wo die Ladenregale voll sind, hungern Menschen, weil sie sich die Waren nicht mehr leisten können."

Die steigenden Preise treffen die Ärmsten ins Mark: Eine Portion Mais- oder Getreidebrei ist oft das Einzige, was sie sich am Tag leisten können. Wenn auch das wegfällt, haben sie gar nichts mehr. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef warnt zudem vor indirekten Folgen des neuen Hungers: "Wenn Familien immer mehr für Essen ausgeben müssen, müssen die Kinder arbeiten gehen und können nicht mehr in die Schule", so Sprecherin Véronique Taveau.

Kritisch ist die Lage auch auf dem Land, wo die Menschen sich im Regelfall selbst versorgen. Im Fall von Missernten konnten sich die Bauern dort auf Hilfslieferungen von UN und Hilfsorganisationen verlassen. Doch auch die ist gefährdet, so Josette Sheeran. "Wir machen uns ernsthafte Sorgen um unsere Operationen." Denn die global gestiegene Nachfrage nach Lebensmitteln hat erstmals seit Jahrzehnten die Preise so weit steigen lassen, dass Hilfsorganisationen wie das WFP sich die Hilfe schlicht nicht mehr leisten können. Dazu kommen immer höhere Transportkosten wegen des gestiegenen Ölpreises. "Es ist eine sehr schwere Zeit für uns ", bestätigt auch Jeffrey Borns, Direktor der staatlichen Hilfsagentur USAID. Borns zufolge kostet die Fracht für eine Tonne Hilfsgüter inzwischen gut 50 US-Dollar - vor zwei Jahren war es nur knapp halb so viel.

Rückkehr zu Handelsschranken gefordert

Die Ursachen für die steigenden Lebensmittelpreise sind nicht erst seit der Vorstellung des Weltagrarberichts am Dienstag bekannt. In aufsteigenden Ökonomien wie China und Indien wächst die Nachfrage nach Getreide und vor allem nach Fleisch, dessen Produktion im Verhältnis viel mehr Fläche verbraucht. In traditionellen Weizenexport-Nationen wie den USA und Kanada spielt die gestiegene Nachfrage nach Biokraftstoffen eine Rolle - es gibt weniger Fläche für den Lebensmittelanbau.

In Afrika selbst haben Landflucht und Bevölkerungszunahme das Verhältnis von Produktion zu Verbrauch kräftig verschlechtert. Im Sahelgürtel kommt die Ausbreitung der Wüsten hinzu. "Überall in Afrika verschlechtert der Klimawandel die Bedingungen für Kleinbauern", erklärt die kenianische Professorin Judi Wakhungu vom Afrikanischen Zentrum für technologische Studien (ACTS). Geberinstitutionen wie die Weltbank haben die traditionelle Landwirtschaft zudem Jahrzehnte lang vernachlässigt und großflächigen Plantagenanbau für Exportgüter propagiert, von denen die einheimische Bevölkerung nicht leben kann. Im Gegenzug wurden afrikanische Länder mit Getreide und anderen Lebensmitteln aus dem Westen zu Dumpingpreisen überschwemmt, was die letzten Getreidebauern in den Ruin trieb. "Das rächt sich jetzt bei den gestiegenen Preisen", so Wakhungu. Sie fordert die Rückkehr von Handelsschranken anstelle des bedingungslosen Freihandels. "Sonst werden die afrikanischen Länder noch mehr leiden."

Back to the roots

Afrikanische Umweltaktivisten fordern die Rückkehr zu den Wurzeln. "Wir müssen uns auf traditionelle Anbauweisen besinnen, auf natürlichen Dünger und unser altes Saatgut", sagt Melaku Worede von der äthiopischen Gruppe "Save our Seeds". Seit Jahren kämpft der Träger des alternativen Nobelpreises gegen biotechnologisch und genetisch verändertes Saatgut, was Farmer aus seiner Sicht in neue Abhängigkeiten treiben würde. "Wir haben inzwischen Samen aus alten äthiopischen Sorten wieder entdeckt, die so an unser Land hier angepasst sind, dass sie mehr Erträge bringen als diese künstlich hochgezüchteten Industriesaaten."

Dass sich die Wut in so vielen afrikanischen Staaten auf die Regierungen konzentriert, hat zusätzliche Gründe. Bis heute werden viele Grundnahrungsmittel staatlich subventioniert. Regierungsversagen, Korruption und Inflation sorgen aber immer öfter dafür, dass bestimmte Waren nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich sind. Während die einfache Bevölkerung hungert, lassen die gewählten Regierungsvertreter es sich gut gehen. "Was sollen die Leute denn anderes tun, als gewalttätig zu werden?", fragt Kameruns Oppositionsführer John Fru Ndi. Er sieht in den kommenden Monaten viele neue Proteste auf Afrikas Regierungen zukommen.