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Leo Kirch: Das Ende einer Ära

Mit dem Ende der Ära Leo Kirch tritt eine der letzten großen Unternehmerpersönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte ab.

Aus dem Nichts baute der fränkische Winzersohn einen der mächtigsten Medienkonzerne Europas mit fast 10.000 Beschäftigten auf. Wie bei kaum mehr einem anderen deutschen Unternehmen war der Name des Gründers verknüpft mit dem seines Konzerns. Lange Zeit konnte er aus seinem Büro in der Firmenzentrale in Ismaning bei München eigenmächtig und ohne moderne Kontrollmechanismen Milliarden bewegen und die deutsche Medienkonkurrenz in Angst und Schrecken versetzen. Nun ist der Mythos Kirch am Ende. Nach einem verzweifelten Überlebenskampf um sein Lebenswerk muss der 75-Jährige die Regie an die Banken übergeben.

Größte Firmenpleite

Der studierte Betriebswirtschaftler und Mathematiker muss nun damit leben, bezogen auf den Schuldenstand die größte Firmenpleite in der deutschen Nachkriegsgeschichte verursacht zu haben. Dennoch geht der Patriarch aufrecht. Kirch trage sein Schicksal tapfer, sagt einer der ihm nahe steht. Er sei stärker um die Mitarbeiter besorgt als um seinen guten Ruf. Trotz gesundheitlicher Probleme kam er auch auf dem Höhepunkt der Krise fast täglich ins Büro und hielt die Fäden in der Hand. Nur einmal meldete er sich in der Öffentlichkeit persönlich zu Wort. »Der Herr hat?s gegeben, der Herr hat?s genommen«, meinte er lakonisch.

Seinen Geschäftssinn hatte Kirch bereits im Alter von 29 Jahren bewiesen. Damals sicherte er sich mit geliehenem Geld in Italien die Rechte an dem Filmklassiker »La Strada«. Mit viel Mut zum Risiko und unternehmerischem Gespür für die weitere Entwicklung des Fernsehens in Deutschland baute er in den folgenden Jahrzehnten ein lange Zeit undurchschaubares Geflecht von Beteiligungen rund um Fußball, Film, Fernsehen und die Formel 1 auf. Bei der rasanten Expansion ging ihm immer wieder einmal das Geld aus. Doch mit Hilfe seiner guten Kontakte in die obersten Etagen von Banken und politischen Schaltstellen beschaffte er sich immer wieder milliardenschwere Kapitalspritzen. Besonders auf seine guten Beziehungen in Bayern konnte er sich jahrzehntelang verlassen.

'Herr der Filme'

Auch wegen seiner selten öffentlichen Auftritte mischte sich in die Bewunderung für den »Herrn der Filme« mit zunehmender Größe seines Konzerns schleichend eine Furcht vor dem übermächtigen »Big Brother« aus Bayern.

Ausgerechnet sein größter Traum wurde ihm zum Verhängnis und läutete schon vor mehr als zehn Jahren das Ende ein: Die Vision vom Monopol im Bezahlfernsehen in Deutschland. Fast verbissen investierte er - gegen die Empfehlung enger Berater - Unsummen in den Bezahlsender Premiere. Das Milliardengrab brachte sein Imperium ins Wanken. Zudem erkannte Kirch die Zeichen der Zeit zu spät. Erst in den letzten Jahren versuchte er, sein Reich zu ordnen und durch mehr Transparenz reif für die Kapitalmärkte zu machen. In diesem Sommer sollte die KirchMedia nach der Verschmelzung mit ProSiebenSAT.1 an die Börse gehen. Doch die Finanzkrise war mittlerweile schon so weit fortgeschritten, dass dieser Schritt sich nicht mehr umsetzen ließ.

Kein kriminelles Verhalten

Mit der Pleite des Immobilien-Imperiums von Jürgen Schneider, bisher gemessen an der Verschuldung die größten Pleite, ist der Fall des Leo Kirch nach Einschätzung von Experten nicht zu vergleichen. Anders als im Fall Schneider wird dem 75-Jährigen bisher kein kriminelles Verhalten vorgeworfen. Kirch hat hoch gepokert und jetzt viel verloren. Persönlich ist in seiner Umgebung noch immer kaum ein schlechtes Wort über ihn zu hören. Seine Vertrauten schwärmen von seinem Witz und Charme sowie seiner bedingungslosen Loyalität gegenüber seinen Ziehkindern. Die zweite Führungsriege im Kirch-Imperium hat sich bereits größtenteils nach neuen Jobs umgesehen. Vielen von ihnen nützte dabei das immer noch intakte Netzwerk, das Leo Kirch über Deutschland gesponnen hatte.

Angesichts der Pleite boten die Banken Leo Kirch selbst eine Ehrenposition an, um ihm einen würdigen Abgang zu ermöglichen. »Man muss ihm Brücken bauen«, hieß es. Leo Kirch wird sie allerdings kaum überschreiten. Er wird sein Imperium wohl ganz den Banken und Gesellschaftern überlassen. Schon Tage vor dem Insolvenzantrag soll er gesagt haben: »Von mir aus können Pygmäen mein Unternehmen führen.«

Daniela Wiegmann und Axel Höpner/DPA / DPA