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Libyens Wirtschaft: Neue Regierung muss Reformen anschieben

Bald sollen sie wieder arbeiten, die Pumpen in den libyschen Ölanlagen, Begründer des Reichtums des Wüstenstaates. Doch noch sind die Kämpfe nicht ausgestanden. Bis Libyen sein früheres Produktionsniveau wieder erreichen wird, können Jahre vergehen.

Noch sind die Kämpfe in Libyen nicht beendet, doch in den Ölanlagen arbeiten die Ingenieure bereits fieberhaft daran, die Produktion wieder in Gang zu bekommen. Für die libyschen Rebellen hängt viel davon ab, wie schnell es ihnen gelingt, den Export des begehrten Rohstoffs wieder aufzunehmen. Ali Tarhuni, der beim Nationalen Übergangsrat für den Ölsektor zuständig ist, hofft, dass die Förderung in wenigen Tagen wieder beginnt. Der frühere Ölminister Schukri Ghanem warnt jedoch, es könnte bis zu zwei Jahre dauern, bis das frühere Niveau erreicht werde.

Vor dem Konflikt produzierte Libyen bis zu 1,6 Millionen Barrel Öl pro Tag. Davon wurden 1,3 Millionen Barrel exportiert, vorwiegend nach Europa. Nach Angaben von Ghanem, der bis zu seiner Flucht aus Libyen im Mai unter Machthaber Muammar al Gaddafi die Nationale Libysche Ölgesellschaft leitete, sind wichtige Produktions- und Transportanlagen bei den Kämpfen beschädigt worden. Auch hätten Ölfirmen einige Bohrlöcher nicht richtig versiegelt, als sie ihr Personal abzogen. Der Ex-Minister geht daher davon aus, dass erst in drei oder vier Monaten überhaupt die Produktion wieder beginnen kann.

Grundlegende Wirtschaftsreformen notwendig

Bis dahin wird der Übergangsrat Beamte, Polizisten, Soldaten und andere staatliche Angestellte aus seinen Reserven bezahlen müssen. Nach Schätzung des Regierungschefs der Rebellen, Mahmud Dschibril, sind im Zuge der Sanktionen gegen das Gaddafi-Regime 170 Millionen Dollar (118 Milliarden Euro) eingefroren worden. Noch lehnen die UN-Vetomächte China und Russland es aber ab, all dieses Geld den Rebellen zur Verfügung zu stellen. Es könnte daher eine gefährliche Lücke bei den Einnahmen geben, bevor der Ölexport wieder anläuft, warnt der Energiespezialist Cliff Kupchan von der Eurasia Beratergruppe.

Langfristig wird der libysche Staat nach Ansicht von Experten ohnehin nicht um eine grundlegende Reform der Wirtschaft herumkommen. Zwar lag 2010 das Bruttoinlandsprodukt bei 90 Milliarden Dollar und das Pro-Kopf-Einkommen der 6,5 Millionen Libyer betrug 15.000 Dollar. Doch 95 Prozent der Einnahmen stammten aus dem Ölexport, die Wirtschaft wurde fast vollständig vom Staat kontrolliert. Die Erneuerung der Infrastruktur ist seit Jahrzehnten vernachlässigt worden und ein Großteil der staatlichen Einnahmen wurde für die politischen Projekte Gaddafis verwendet.

Gefahr eines Machtvakuums

Nicht nur Straßen und Häfen müssten dringend modernisiert werden, sondern auch in Schulen und Krankenhäuser müsse kräftig investiert werden, sagt Lahcen Achy vom Carnegie Middle East Center in Beirut. Libyen müsse strukturelle Reformen vornehmen, um den Privatsektor zu entwickeln und die Abhängigkeit vom Erdöl zu reduzieren. Auch Experte Kupchan sieht die neue Regierung vor großen Herausforderungen: Libyen sei seit mehr als vier Jahrzehnten ein umverteilender Staat ohne unabhängige Industrie, der rund 70 Prozent seiner Lebensmittel importiere.

Wie schnell die libysche Wirtschaft wieder in Schwung kommt, hängt nicht zuletzt von der weiteren politischen Entwicklung ab. Gaddafi habe alle Macht in seinen Händen konzentriert und nach seinem Sturz gebe es wenig funktionierende Institutionen, die das Land regieren könnten, sagt die Analystin Helima Croft von Barclays Capital Research. Es bestehe daher die Gefahr eines Machtvakuums. Solange die Sicherheitslage nicht stabil sei, würden internationale Ölfirmen zögern, ins Land zurückzukehren, warnt Croft. Nach Ansicht von Achy wird die neue Regierung wieder bei Null anfangen müssen.

Omar Hassan, AFP / AFP