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Warenverkehr Rekordzahl von Frachtschiffen steckt vor L.A. fest – und die Amerikaner bangen um ihre Weihnachtsgeschenke

Reihenweise liegen Containerschiffe vor Long Beach und Los Angeles vor Anker und warten darauf, entladen zu werden
Reihenweise liegen Containerschiffe vor Long Beach und Los Angeles vor Anker. Angesichts einer rekordverdächtigen Nachfrage nach Importgütern und eines Mangels an Containern und Lkw-Fahrern sind die beiden Häfen derzeit so überlastet wie nie zuvor.
© Mario Tama / AFP
Noch nie haben vor den Häfen vor Los Angeles und Long Beach so viele Frachter auf ihre Abfertigung gewartet wie derzeit. Die Folgen könnten sich auch unter dem Weihnachtsbaum bemerkbar machen – so es denn einen gibt.

Verkehrsstaus sind für Los Angeles alles andere als ungewöhnlich. Doch was die Millionenmetropole im US-Bundesstaat Kalifornien derzeit erlebt, übersteigt alles bisher Dagewesene – und spielt sich zudem noch auf dem Wasser ab. Die Rekordzahl von 73 beladenen Frachtschiffen wartete am vergangenen Sonntag vor den Häfen von Long Beach und L.A. auf ihre Abfertigung. Am Montag waren es nach Angaben der gemeinnützigen Organisation zur Förderung des Seehandels, Marine Exchange of Southern California, noch 70 und am Mittwoch 62.

Die Ladekapazität der wartenden Frachter betrugt dem Logistik-Analysten Freightwaves zufolge am Montag 432.909 TEU, die Abkürzung steht für das englische Twenty-Foot Equivalent Unit und meint das Equivalent eines 20-Fuß-Standardcontainers. Zur Einordnung der Zahl: 432.909 TEU sind mehr als das eingehende Containervolumen, das im Hafen von Long Beach im gesamten Monat August umgeschlagen wurde. Der kombinierte Importumschlag von Los Angeles und Long Beach betrug im August 893.118 TEU.

Kaum Lkws und Fahrer, aber gewaltige Nachfrage

Der Hafen von Los Angeles veröffentlicht auch die durchschnittliche Wartezeit, die ein Schiff benötigt, um einen seiner Liegeplätze zu erreichen. Am Dienstag stieg der Wert demnach auf ein Allzeithoch von neun Tagen.

Angenommen, die vor der Küste wartenden Schiffe seien alle entsprechend ihrer Kapazität voll beladen und die Terminals in der Lage, sie im gleichen Tempo wie im August abzufertigen, so könnte die Warteschlange nur vollständig geräumt werden, wenn 14 Tage lang keine weiteren Frachter ankämen, analysiert Freightwaves die Lage. Nicht nur, dass das ohnehin nie geschehen werde, es sei auch kein Nachlassen der Ankünfte in Sicht. Stattdessen zeigten die Daten des Tracking-Dienstes Marine Traffic einen anhaltenden Strom von Containerschiffen auf dem Weg über den Pazifik nach Los Angeles.

Der Megastau vor Amerikas verkehrsreichstem Hafenkomplex, in dem 40 Prozent der Einfuhren des Landes abgewickelt werden, resultiert Medienberichten zufolge aus einem Mangel an Lastwagen und Fahrern für den Weitertransport von Waren und einer zeitgleichen überwältigenden Nachfrage nach importierten Konsumgütern. Der Schiffsverkehr sei im Vergleich zur Zeit vor der Corona-Pandemie um 50 Prozent gestiegen, berichtet der US-Sender CBS Los Angeles.

"Die Kaufkraft der Amerikaner ist so stark und monumental, dass wir nicht in der Lage sind, all diese Fracht in die inländische Lieferkette aufzunehmen", zitiert CBS den Direktor des Hafens von Los Angeles, Gene Seroka.

Spielzeug und künstliche Weihnachtsbäume könnten knapp werden

Für Händler und Verbraucher in den USA könnte das bedeuten, dass sie gewünschte Waren nicht in der gewünschten Zeit bekommen werden, insbesondere wenn es um das Weihnachtsgeschäft geht. Experten warnen nach Angaben des US-Senders ABC News schon vor möglichen Engpässen und Verspätungen bei allen Produkten, von Spielzeug bis hin zu künstlichen Weihnachtsbäumen. "Es ist ein Problem, das von den Laderampen in China bis zu den Laderampen der Einzelhändler in den Vereinigten Staaten reicht", erklärte Steve Pasierb, Präsident der Toy Association, der Handelsvereinigung für die US-amerikanische Spielzeugindustrie, bereits vergangene Woche ABC News. "Der größte Teil des Problems ist, dass der Seetransport außerordentlich teuer ist und viel länger dauert als je zuvor."

Und die Einzelhandelsanalystin Hitha Herzog stellte fest: "Die globale Lieferkette ist so ziemlich zerbrochen. Wir stellen einen Mangel an Produkten fest, die ursprünglich für die Verschiffung vorgesehen waren. Und wir sehen auch eine Verzögerung, wenn diese Produkte in die Läden kommen." Kleinere Einzelhändler hätten sich in der Vergangenheit auf eine sehr schnelle Lieferkette verlassen, erklärte Herzog gegenüber ABC News. Doch nun bereiteten sowohl die Lieferkette als auch die Lieferungen Probleme.

Pasierb rät den Konsumenten deshalb zur Eile: "Was auch immer in den nächsten ein oder zwei Monaten das angesagte Spielzeug der Saison sein wird, es wird vielleicht nicht in großen Mengen verfügbar sein", warnte der Toy-Association-Präsident. "Jetzt, in der Urlaubssaison, vom Tag der Arbeit bis Anfang Oktober, gibt es die beste Auswahl und die besten Einkaufsmöglichkeiten."

Quellen: Marine Exchange of Southern CaliforniaFreightwavesMarine TrafficCBS Los AngelesABC News


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