HOME

Märklin in der Krise: Auf der Jagd nach den Pufferküssern

Die Firma ist ein Mythos, die Produkte legendär. Und dennoch. Der Modelleisenbahnhersteller Märklin ist insolvent, pleite. Kunden müssen her und ein Käufer - und Weihnachten 2009 könnte entscheidend sein.

Von Thomas Krause

Der kleine Junge mit den blonden Locken klatscht beide Hände an das Schaufenster. Mit offenem Mund bleibt er stehen und starrt durch die Scheibe. Dahinter dreht ein Zug im Format H0 seine Runden: eine silberne Lok, Typ BR 185, dahinter ein dunkler Kesselwagen und ein Waggon mit Baumstämmen. Vorbei am Bahnsteig geht es durch die Kurve, die Steigung hoch, durch den Tunnel, bergab durch die Kurve, vorbei am Bahnsteig. Immer wieder. Auf einem Schild in der Vitrine steht der Name des Herstellers der Modelleisenbahn: Märklin. Der Name steht für einen deutschen Unternehmensmythos, er ist Zauberwort für unzählige technikbegeisterte Söhne und deren nicht minder technikbegeisterte Väter. Bei dem Namen kriegen alle Eisenbahnfans, augenzwinkernd Pufferküsser genannt, feuchte Augen.

Allein: Seit Februar 2009 ist Märklin insolvent, pleite - und auf der Suche nach einem starken Investor, einem, der das schwäbische Unternehmen dauerhaft rettet. Und dabei kommt es besonders auf diese Weihnachtstage an. Ist das Geschäft gut gelaufen, macht das Märklin attraktiver. Ist es mies gelaufen, schwinden die Chancen, dass die Firma noch gerettet werden kann. "Das Weihnachtsgeschäft trägt bei Märklin einen wesentlichen Teil zum Gesamtergebnis bei", sagt der Ulmer Anwalt Michael Pluta, seit Februar Insolvenzverwalter von Märklin. Es sind entscheidende Wochen für das Unternehmen.

Als Märklin im Februar 2009 in die Insolvenz ging, hatte sich Pluta erst einmal einen Überblick über die Geschäftszahlen verschaffen müssen: Das Amtsgericht Göppingen hatte ihn zum Insolvenzverwalter bestimmt. Acht Mitarbeiter seiner Kanzlei wälzten Bilanzen, schauten sich die Produktionsabläufe an und verschafften sich einen Überblick über den Schuldenstand. Im April war klar: Märklin hat Außenstände von 110 Millionen Euro angehäuft. Seit das Unternehmen 2006 an die Finanzinvestoren Kingsbridge Capital und Goldman Sachs verkauft wurde, hatten sich die Verluste der Firma gesteigert statt verringert. Dabei brach das Unternehmen einige Tabus, um wieder vorwärts zu kommen. Unter der Leitung der Finanzinvestoren nahm Märklin sogar Kriegsspielzeug ins Programm: Auf der Nürnberger Spielwarenmesse im Februar 2007 präsentierte das Unternehmen etwa den Flakpanzer Gepard im Maßstab 1:87, den Geländewagen "Wolf" und den Kampfpanzer "Leopard 2" in Bundeswehr-Lackierung. Für die Fans war das ein Schock, hatte Märklin doch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht einmal ein Modellauto in Tarnlackierung im Programm.

Der Märklin-Klassiker heißt "Krokodil"

Märklin hatte 1859 als Manufaktur für Haushaltsgegenstände und Puppenküchen die Produktion begonnen - bis sich 1866 die Witwe Caroline Märklin des Unternehmens annahm: Das Familienunternehmen wurde zum Spezialisten für Blechspielzeug. 1891 nahm Märklin die erste Modelleisenbahn ins Programm. Bald lösten Modelleisenbahnen die Dampfmaschinen als bestverkaufte Produkte ab.

Keinen Artikel hat Märklin seitdem öfter verkauft als das "Krokodil", eine dunkelgrüne Lok, deren langgezogene Form an die Schnauze und die Augen eines Krokodils erinnert. Die Lok, offizielle Bezeichnung "Güterzuglokomotive Serie Ce 6/8 III der Schweizerischen Bundesbahnen", ist bei Märklin seit 1933 im Programm. Kurz vor den Feiertagen 2009 ist sie bei bei Märklin ausverkauft - obwohl sie knapp 400 Euro kostet. Das Märklin-Sortiment orientiert sich inzwischen meist an den Loks und Waggons, deren Originale momentan auf den Gleisen in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterwegs sind: vom neuesten ICE bis zum Nahverkehrszug. Doch unter 200 Euro ist kaum eine Lok zu bekommen.

Eine Insolvenz ist nicht das Ende

Ist dieses Traditionsunternehmen also zu retten? Will jemand diese Firma haben? Pluta gibt sich entspannt: "Wir konzentrieren uns darauf, die Firma am Markt zu halten, damit wir nicht in Verkaufsdruck kommen. Das ist uns bisher gelungen", sagt er. Ob das allerdings schon ausreicht, um einen Investor anzulocken, ist ungewiss. Plutas erstes Mittel: Optimismus verbreiten. Sofort nach der Verkündung der Insovenz, noch im Februar, lief er über die Nürnberger Spielwarenmesse und führte Gespräche mit Zulieferern und Händlern. Er wollte deutlich machen: Eine Insolvenz ist nicht das Ende. Märklin macht weiter! Und tatsächlich hat Pluta es bisher geschafft: Er hofft sogar für 2009 auf einen Gewinn - vor Steuern und Zinsen - von fünf bis sieben Millionen Euro. Es wäre ein Zeichen, dass Märklin die Kehrtwende tatsächlich schaffen kann.

"Märklin ... ich bin dabei"

Im Märklin-Stammwerk in Göppingen hält sich der Optimismus noch in Grenzen. Beim Tag der offenen Tür an einem Adventswochenende konnten Fans sich die Produktionsschritte ihrer geliebten Modelleisenbahnen anschauen. Die Angestellten arbeiteten in roten und weißen Polohemden mit dem Schriftzug "Märklin... ich bin dabei!" vor sich hin oder beantworteten die Fragen der Märklin-Enthusiasten - auch die nach der Zukunft des Unternehmens. "Es kommt darauf an, wer Märklin kauft" ist ein Satz, der immer wieder fällt - meist nach einem Moment des Zögerns und einem skeptischen Blick. Wirklich überzeugt, dass es weitergeht, zeigt sich nur eine Märklin-Mitarbeiterin im roten T-Shirt und mit kurzen, dunklen Haaren: "Ich bin sehr optimistisch. Es wäre ja schade, wenn es nicht weiter ginge", sagt sie. Sie alle fürchten inzwischen seit fast einem Jahr um ihre Arbeitsplätze.

Denn es hat harte Einschnitte gegeben. Aktuell arbeiten im Märklin-Stammwerk in Göppingen und im Werk im ungarischen Györ 1020 Menschen, vor der Insolvenz waren es 1417, im Frühjahr wurde zudem ein Werk in Nürnberg mit 60 Mitarbeitern geschlossen. Doch Pluta ist sich sicher, dass diese Entlassungen reichen, um Märklin zukunftsfähig zu machen. "Ich glaube nicht, dass ein Investor darüber hinaus große Maßnahmen ergreifen muss. Ich bin sogar der Meinung, dass man in den Werken in Göppingen und in Ungarn mehr Arbeitsplätze braucht", sagt er.

Pluta hat genaue Vorstellungen von seinem Wunschinvestor: 60 bis 70 Millionen Euro muss er haben und sich langfristig binden wollen. "Natürlich gibt es da welche, die denken nur an Profit. Sowas haben wir ja schon gehabt", sagt Pluta. Die Vergangenheit Märklins soll nicht die Zukunft sein.

Er ist vorsichtiger geworden im Laufe der Monate: Auf einen Zeitpunkt, bis wann die Entscheidung für einen der Investoren fallen soll, möchte Pluta sich nicht festlegen. "Derzeit sieht es so aus, dass wir den Verkauf 2010 erledigt haben wollen. Es wäre aber nicht das Ende von Märklin, wenn es länger dauerte", sagt er. Bis dahin sucht er die Nähe zu den Märklin-Fans: Männer, jenseits der 40, die im Keller oder auf dem Dachboden ihre Modelleisenbahnlandschaften hegen und pflegen. Pufferküsser - auch wenn Pluta das Wort nie in den Mund nehmen würde.

Das größte Wachstumspotenzial für Märklin sieht Pluta, und auch damit will er Investoren locken, im Ausland. "Dass die Bahn jetzt das Schienennetz im Emirat Katar bauen soll, ist eine tolle Chance für Märklin", sagt er. "Wenn die Araber die Züge im Original sehen, wollen sie hoffentlich auch die Miniaturen für zuhause."

Aber diese Zukunft ist noch in der Ferne, das Weihnachtsgeschäft dagegen ist nah, Gegenwart, fast schon vorbei. Nach den Feiertagen wird abgerechnet. Dann kommen die Zahlen. Dann wird's ernst für Pluta.