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Martin Richenhagen: Jetter, Schlepper, Bauernfänger

Der einzige Deutsche, der eine große US-Firma führt, ist der ehemalige Religionslehrer Martin Richenhagen. Für sein boomendes Geschäft mit Landmaschinen düst der Treckerkönig rastlos um den Globus.

Von Wolfgang Röhl

"Zum Glück waren wir nicht bewaffnet", sagt Martin Richenhagen. Es hätte entspannt sein können beim Lunch mit Senor José Luis Cutrale. Der besitzt in der südbrasilianischen Region Araraquara die größte Orangensaftfabrik des Planeten. Halb Amerika und halb Europa schlürfen Ausgepresstes von seinen Plantagen. Mit dem Orangenbaron zu speisen kann nicht falsch sein für einen wie Richenhagen, der in Traktoren reist. Leider saßen auch noch ein paar arrogante Typen von Coca-Cola mit am Tisch. "Gut, dass wir nicht bewaffnet waren", wiederholt er, scheinbar launig. Kann aber kaum kaschieren, dass er stinksauer ist. Und das will was heißen. Gewöhnlich kommt der Mann aus Köln, ein rheinisches Temperament, mit den unterschiedlichsten Charakteren klar. Das ist sein Kapital, damit hat er es nach ganz oben geschafft. Big und small talken, Charme versprühen, Witze machen, dozieren, philosophieren, zuhören - Richenhagen klimpert gekonnt auf der sozialen Klaviatur.

Aber diese Limonadenvertreter, die haben sogar ihn geschafft. Auf die Frage, worin der Unterschied zwischen dem Orangensaft bestehe, den sie verkaufen, und dem, der von der Plantage zu Abnehmern wie Aldi gehe, haben sie giftig geschnappt: "Und was ist der Unterschied zwischen Ihren Traktoren und denen der Konkurrenz?" Noch auf der Rückfahrt zum Flugplatz, wo die Bombardier Challenger 604 seiner Firma auf ihn wartet, schüttelt der Manager den Kopf. "Was für ein Haufen eingebildeter Affen!" Immerhin ist beim Essen ein hübscher Traktorendeal abgefallen. Schmerzensgeld. Richenhagen ist Männerdurchschnitt auf zwei Beinen, optisch. 55 Jahre, Dreiviertelglatze, korpulent. Begegnete man dem im Treppenhaus und hätte er einen Hausmeisterkittel an, man würde ihn vielleicht bitten, mal nach dem leckenden Klokasten zu schauen. Sein Titel lautet "Chairman, President und Chief Executive Officer (CEO)" des Landmaschinenkonzerns Agco. Boss von weltweit 13.000 Mitarbeitern, Jahresgehalt eine Million Dollar, plus Bonus-Optionen auf weitere vier Millionen.

Samthandschuhe gehören nicht zu seinen Reiseutensilien

Mit den für 2007 angepeilten 6,5 Milliarden Dollar Umsatz ist Agco drittstärkster Landausrüster der Welt. Zur Firma gehören die Allgäuer Edeltreckerschmiede Fendt und die Weltmarke Massey Ferguson. Er hat den Aktienkurs verdreifacht, seit er Agco leitet. Das Business ist hart wie die Kurbelwelle eines Traktorenmotors. Richenhagen hat sich ein Haus am Firmensitz in Duluth bei Atlanta gebaut. Flexibel muss man sein, bei dem Gehalt, findet er. Er ist der einzige Deutsche, der eine von den 500 größten US-Firmen leitet, den "Fortune 500". Vom Hauptquartier aus jettet er um den Globus. Besucht Werke, Vertriebspartner und Kunden, schwingt Reden auf Englisch, Deutsch oder Französisch vor Börsianern, Mitarbeitern, Journalisten. Klettert wieder in seine edelholzfurnierte Jetkabine, nächtigt dort auf einer Couch inmitten fürchterlicher Kitschkissen, liest nach dem Aufwachen Geschäftsakten, schreibt E-Mails. "Die sammele ich und schicke sie en bloc ab", sagt er. "Ist ja zu teuer, die ganze Flugzeit eine Satelliten- Telefonverbindung aufrechtzuhalten."

Besuch im Valtra-Traktorenwerk bei São Paulo. Mit der finnischen Marke liegt Agco in Brasilien vorn. Das Land, in dem 85 Prozent der Fahrzeuge mit Ethanol-Sprit aus Zuckerrohr fahren können, hat riesigen Bedarf an Landmaschinen. Trotzdem arbeitet Valtra in Brasilien nicht besonders profitabel, im Gegenteil. Fast 2.000 Arbeitnehmer wurden seit Richenhagens Antritt gefeuert. Abends kommt er bei einem Fest für die Belegschaft in seiner Ansprache zügig zur Sache. Zu wenig Gewinn, zu viel Leerlauf, muss sich ändern, aber flott! Diese Tonalität hört man selten auf einer brasilianischen Betriebsfeier. Richenhagen scheint das schnurz zu sein. Samthandschuhe gehören nicht zu seinen Reiseutensilien. Die Caipirinha strömt unterdessen. Bunt befederte Sambatänzerinnen wackeln mit unglaublichen Hintern. Richenhagen hat ein paar stramme Caipis intus, hält sich aber klug abseits. "Ich weiß, dass mich Ihr Fotograf gern mit den Mädels auf dem Schoß abschießen würde", ruft er dem stern-Reporter zu. "Keine Chance!"

"Die Landwirtschaft hat einen ungeheuren Rückenwind gekriegt"

Am nächsten Morgen lässt sich der 100- Kilo-Mann wieder in den crèmefarbenen Lederfauteuil seiner Challenger plumpsen, die wie ein Dartpfeil von São Paulos Stadtflughafen Congonhas abhebt. Er wirkt entspannt, ungeachtet der Tatsache, dass hier im Juli ein Airbus crashte. Ungeachtet auch des Umstands, dass ein Firmenjet 2002 in England abstürzte und den damaligen Agco- Vorstandschef in den Tod riss. Von oben blickt Richenhagen auf ein irres Konglomerat von Hochhäusern, dazwischen Favelas. Der Großraum São Paulo, 20 Millionen Einwohner, ist die Megalopolis Lateinamerikas. Zeit für sein "Warum man unbedingt Agco-Aktien kaufen muss"- Mantra. Er könnte es im Schlaf aufsagen: Wachstum der Menschheit von heute 6,6 Milliarden auf neun Milliarden im Jahre 2050, anspruchsvollere Essgewohnheiten in den Schwellenländern. Als Folge steil ansteigender Nahrungsmittelbedarf, was steil ansteigende Nachfrage nach Treckern (Fachbezeichnung: Schlepper) nach sich zieht. Gleichzeitig Verteuerung der fossilen Brennstoffe, was Biotreibstoffe boomen lässt. Ergebnis: noch mehr Nachfrage nach Schleppern.

Er wiederholt den Sermon an jedem Ort, zu jeder Zeit, vor jedem Publikum. "Die Landwirtschaft hat einen ungeheuren Rückenwind gekriegt", sagt Richenhagen. Der Firmenjet landet in der Region von Ribeirão Preto. Flaches Zuckerrohrland, nicht enden wollende Felder. Richenhagen besucht die Ethanolfabrik Santa Elisa und die Kooperative Coopercitrus, wo Valtra-Maschinen Dienst tun. Die Ernteschlachten in brütender Hitze schlauchen Mensch und Material aufs Äußerste. Kaum je werden die Motoren kalt; Wartung, Reparatur, Ersatzteilversorgung, alles muss reibungslos funktionieren. Richenhagen hat sich filigrane Kenntnisse über seine Produkte zugelegt. Mit der Inbrunst des Autodidakten friemelt er sich in technische Finessen hinein. "Das hier ist ein Challenger-Raupenschlepper mit 320-PS-Caterpillar-Motor", erklärt er, auf ein martialisch anmutendes Vehikel deutend. "Durch den Kettenantrieb gibt’s keinen Schlupfverlust, und wegen der Gewichtsverteilung ist die Bodenverdichtung minimal. Sie könnten das Ding praktisch über Ihre Hand fahren lassen, ohne dass was passiert."

Der deutsche Bauer, weiß Richenhagen, findet Trecker sehr sexy

Auf Kundentour 10.000 Kilometer östlich. Ein wichtiger Fendt-Händler ist die Firma Fricke im niedersächsischen Heeslingen. Wie läuft das Geschäft? "Seit die Künast weg ist, bewegt sich der Markt", freut sich Hans- Peter Fricke. "Jetzt investieren die Bauern wie wild, wegen dem Agrarboom." Fendt komme mit den Lieferungen kaum nach. Probleme? Kabelprobleme hätten sie öfter, klagt ein Mechaniker. Moderne Schlepper sind keine Lanz-Bulldogs; sie sind aufwendiger konstruiert als ein Mittelklassewagen. Auch die Einspritzpumpen geben manchmal den Geist auf. Dann stehen Schlepper mitten in der Erntezeit still, die Ersatzteile lassen auf sich warten. "Eine Katastrophe", klagt Herr Fricke. Der Fendt sei der Mercedes unter den Treckern. "Aber wehe, es gibt Probleme. Dann machen uns die Bauern die Hölle heiß." Richenhagen hört zu, wiegt den Kopf. Auch bei den Reifen, hört er, gebe es Lieferengpässe. Da muss er wohl persönlich ran. Er hat in so einem Fall mal den alten Michelin angerufen, ihn nach Amerika eingeladen, die Probleme geschildert. Der versprach Abhilfe und hielt Wort.

Besuch beim Endverbraucher. Richenhagen sitzt bei Kaffee und Kuchen in der guten Stube des Lohnunternehmers Heinrich Hauschild in Rosengarten-Nenndorf. Der Niedersachse beackert mit elf Fendt-Schleppern fremde Felder. Er schätzt die Allgäuer Stahlrösser. Sie seien stabiler als die Konkurrenten, dazu günstiger im Verbrauch. Muss ein Schlepper eigentlich gut aussehen? "Aber klar!", sagt Hauschild, der Schleppermodelle sammelt. Richenhagen hat die Antwort erwartet. Dem Traktorendesign zollt man bei Fendt große Beachtung. Die Firma baut gerade rundliche Schutzbleche und schnittigere Motorhauben in ihre Modelle ein. Der deutsche Bauer, weiß Richenhagen, findet Trecker sehr sexy. Er selbst auch, mittlerweile. Seine Laufbahn war kurvig. Wächst als Ältester von fünf Kindern in einem katholischen Volksschullehrerhaushalt auf, in dem es weder Telefon noch Fernseher noch Auto gibt. Während andere auf der Sexwelle surfen, muss er Geige spielen lernen. Zwar hat auch er die linke Pflichtlektüre jener Tage konsumiert, "Spiegel", "Konkret", "Pardon". Doch mental ist 1968ff. komplett an ihm vorbeigerauscht. Vermisst er nicht, behauptet er. Aber eine gewisse Faszination übt die Szene bis heute auf ihn aus. Er war mal durch Zufall in der Wohnung von Wolfgang Neuss, erzählt er, als der sich langsam zu Tode kiffte.

"Nur mit persönlichen Kontakten läuft es"

Richenhagen erinnert sich lebhaft an die magische Präsenz des alten Stadtindianers. Er kann sogar Klassiker des linken Barden Franz Josef Degenhardt summen. Dessen wunderbare Ballade vom geschmeidigen Filou Horsti Schmandhoff etwa, der immer wieder auf die Füße fällt. Würde ein Psychologe herauskitzeln können, was ihn, Richenhagen, ausgerechnet mit Degenhardt oder gar mit diesem Horsti verbindet? "Einmal bin ich der Uschi Obermaier begegnet, in Berlin", sagt er. "War das einzige Mal, dass ich bedauert habe, kein 68er gewesen zu sein." Richenhagen studiert auf Lehramt, verdient Geld mit einem kleinen Reitstall. Fünf Jahre lang unterrichtet er als Gymnasiallehrer, unter anderem Religion. Dann rüttelt ihn einer seiner Reiter-Kunden, der heutige BDI-Präsident Jürgen Thumann, aus dem drohenden Unkündbarkeits-Tran, verschafft ihm einen Job in der Stahlbranche. Richenhagen wird Geschäftsführer, studiert nebenbei - diesmal Betriebswissenschaft -, wechselt zum Aufzügehersteller Schindler und später zum westfälischen Landmaschinenfabrikanten Claas. Da lernt er, was man können muss im trickreichen Treckermilieu. Den Umgang mit schlitzohrigen Politikern aus Ex-Sowjetrepubliken zum Beispiel. Und er lernt Branchengrößen kennen, wie den Agco-Gründer Robert Ratliff.

Der sucht 2003 einen Nachfolgekandidaten für seinen verunglückten Vorstandschef. 15 Amerikaner und ein Deutscher namens Richenhagen kommen auf die Liste. Duluth entscheidet sich für den Kraut. Amis lieben "chequered careers", bunte Lebensläufe. Außerdem stammt Richenhagen aus Europa, wo Agco die Hälfte der Gewinne generiert. Ist, anders als Amerikaner, mehrsprachig, willens und imstande, sich in fremde Mentalitäten zu versenken. Mit finnischen Firmenpartnern winters in eingeschneiten Hütten zu sitzen, trinkend, redend, saunierend. "Weil man nur so rauskriegt, was die wirklich denken." Russen versteht er, Chinesen bleiben ihm ein Rätsel. Oder Indien: "Wir sind da an einem Traktorenwerk beteiligt, das mein Vorgänger einfach ignoriert hat. Bin gerade mit Macht dabei, die Beziehungen zu reanimieren." Einfach sei das nicht. Wenn man Indern eine E-Mail schreibe, bekomme man die Antwort frühestens nach einer Woche. "Nur mit persönlichen Kontakten läuft es." Als er 2004 bei Agco anfing, galt die Firma als Übernahmekandidat.

Er baut gern Drohkulissen auf

Heute ist sie der Darling nicht weniger Wall-Street-Analysten. Langsam könnte sie aber mal anfangen, fettere Renditen abzuwerfen, finden die. Agco erzielt 5,7 Prozent, Konkurrent John Deere fast das Doppelte. Renditen kann man auf verschiedene Weisen steigern. Eine wäre, Leute rauszuschmeißen. Das ist unter Richenhagens Regime bislang nur in Brasilien passiert. Eine andere Methode besteht darin, Leute für gleichen Lohn länger arbeiten zu lassen. Richenhagen hat das im Allgäu probiert, wo die Edelschlepper der Marke Fendt produziert werden, grüne Hightech-Geräte mit roten Felgen. Flaggschiff ist der 936-Schlepper mit 360 PS und Vario-Getriebe. Wenn irgendwo die Heimat der Agro-Technik liegt, dann hier. Die Zukunft, das sind unbemannte Treckerkolonnen, die lasergesteuert auf breiter Front vorrücken, geeignet etwa für die riesigen Kornkammern der Ukraine. Bei Fendt wollte Richenhagen das Arbeitssoll raufsetzen, von 35 auf 40, später auf 38,5 Wochenstunden. Aber die IG Metall schaltete auf stur. Worauf der Boss eine geplante Kabinenproduktion strich. Was - je nach Rechnung - 150 bis 500 neue deutsche Arbeitsplätze verhinderte. Die Kabinen kommen jetzt aus dem Ausland.

Betriebsrätin Monika Hoffmann bedauert Richenhagens Entscheidung: "Man muss fairerweise sagen, dass wir nach den Auseinandersetzungen mit ihm nicht so etwas erlebt haben wie Racheakte gegen die Belegschaft, was einige befürchtet hatten." Richenhagen gibt nicht auf. "Wie soll ich den Amerikanern erklären, dass ich in Deutschland teurer produziere?", fragt er rhetorisch. Der amerikanische Knüppel ist für globale Reiter wie ihn ganz praktisch. Er baut gern Drohkulissen auf. Ja doch, man müsse genau analysieren, wohin Deutschland politisch driftet! Soll man bei Expansionen nicht lieber gleich in Billiglohnländer gehen? Doch weiß auch er: Der Standort im Allgäu ist optimal, die Motivation hoch, der Krankenstand niedrig. Wenn er nur die 40-Stunden-Woche durchdrücken könnte! Sein Lieblingsprojekt hat Richenhagen keineswegs abgeschrieben. "Im Grunde sind Streiks als Kampfmittel im modernen Arbeitsleben anachronistisch", sinniert er. Wie bitte? Meint er wirklich, wenn sich zwei ungleiche Duellanten gegenüberstehen, wäre der Schwächere von ihnen gut beraten, die Knarre wegzuschmeißen?

"So was gibt’s höchstens alle 20 Jahre"

Er, dessen Arbeitskraft sein einziges Produktionsmittel ist? Der Begriff irritiert ihn. Später wird er fragen: "Sie haben "Produktionsmittel" gesagt. Sind Sie ein Linker?" In der Fendt-Zentrale fährt Richenhagen seinen Trumpf auf: der neu entwickelte Supertraktor Tri6, ein Ungetüm mit 600 PS, drei Achsen - zwei davon lenkbar - und zwei Vario-Getrieben. Lässt sich hydraulisch hoch- und runterfahren, kann auf kleinstem Raum wenden, belastet die Böden wenig, weil er auf sechs Riesenreifen fährt. Die Entwicklung hat 50 Millionen Euro verschlungen. Ob das Projekt ein Erfolg wird, entscheidet auch über Richenhagens Zukunft. Er würde Agco gern bis zum Ende seines Arbeitslebens führen. Er posiert vor dem Megaschlepper, guckt ihn an wie frisch verliebt. "Wird der Knaller auf der Agritechnica-Messe in Hannover", schwärmt er. "So was gibt’s höchstens alle 20 Jahre." Er sagt das ohne den Hauch eines Zweifels. Martin Richenhagen, vormals Religionslehrer, gegenwärtig Herr im Traktorenhimmel.

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