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Mehrwertsteuersenkung: Wird jetzt wirklich alles günstiger?

Die Regierung will die Mehrwertsteuer senken und verzichtet auf viele Milliarden. Theoretisch müssten nun alle Produkte für Verbraucher günstiger werden. Aber kommt das auch so? Der stern hat Ökonomen gefragt, wie sich die Preise entwickeln werden.

Getty Images

Es ist die teuerste Maßnahme in einem beispiellos teuren Konjunkturpaket: 20 Milliarden Euro soll allein die von der Bundesregierung angekündigte Senkung der Mehrwertsteuer kosten. Von 1. Juli bis 31. Dezember dieses Jahres will der Staat bei Waren und Dienstleistungen nur noch 16 statt 19 Prozent Mehrwertsteuer abzwacken, der reduzierte Satz sinkt von 7 auf 5 Prozent.

Das Kalkül dahinter ist klar: Da die Mehrwertsteuer auf praktisch alle Produkte und Dienstleistungen erhoben wird, soll die Senkung die Bevölkerung in der Corona-Krise zum Konsum animieren, um die Wirtschaft anzukurbeln. Wer eben noch eine größere Anschaffung zurückstellen wollte, überlegt es sich nun vielleicht anders. Zudem profitieren vor allem Geringverdiener davon, wenn der wöchentliche Supermarkteinkauf oder der Gang zum Friseur plötzlich ein bisschen günstiger wird.

Die Frage ist nur: Inwieweit können sich Verbraucher wirklich über günstigere Preise freuen? Oder schlagen die Unternehmen die Steuersenkung umgehend auf die Preise wieder drauf und freuen sich einfach über eine höhere Marge?

Vorbild Großbritannien

Ökonomen erwarten, dass beides passieren wird. "Die Preise werden fallen, Unternehmen aber auch ihre Margen erhöhen", sagt Martin Beznoska, Experte für Steuerpolitik am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Er verweist auf das Beispiel Großbritannien, wo es nach der Finanzkrise 2008/2009 ebenfalls eine temporäre Senkung der Mehrwertsteuer gegeben hat – für 13 Monate um 2,5 Prozentpunkte. Eine wissenschaftliche Auswertung habe ergeben, dass die Senkung dort zu 75 Prozent an die Konsumenten weitergegeben wurde, sagt Beznoska.

Ob sich ein solch starker Effekt auch in Deutschland einstellt, sei aber schwierig vorauszusagen. Empirische Auswertungen von Mehrwertsteuersenkungen in Frankreich oder Finnland hätten wesentlich geringere Preissenkungen ergeben.

Ein "psychologisches Signal"

Auch andere Ökonomen warnen vor zu hohen Erwartungen. "Die Mehrwertsteuersenkung ist vor allem ein starkes psychologisches Signal an die Verbraucher. Die Regierung sagt damit: Es wird billiger, geht Einkaufen!", sagt Martin Fassnacht, Marketing-Professor an der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf. Ob es tatsächlich billiger wird, wagt der Experte aber an vielen Stellen zu bezweifeln. "Ich glaube nicht, dass die Preise auf breiter Front signifikant runtergehen werden", sagt Fassnacht. "Viele Branchen machen jetzt ohnehin schon Discountpreise, weil die Läger wegen des Shutdowns voll sind, etwa die Textilbranche. Da wird die Mehrwertsteuersenkung keinen großen Preiseffekt haben."

Spürbare Preisnachlässe aufgrund der Mehrwertsteuersenkung erwartet Fassnacht am ehesten bei hochpreisigen Produkten wie Autos oder Möbeln. Auch bei Produkten des täglichen Bedarfs, die besonders im Preisfokus der Kunden stehen, erwartet Fassnacht Anpassungen. "Im Supermarkt könnten zum Beispiel Fleisch und Milch günstiger werden, ein Großteil des Sortiments aber unverändert bleiben."

Schwierigkeiten bei der Umsetzung

Dass die Unternehmen von heute auf morgen alle Preise senken, darf man auch deshalb nicht erwarten, weil dies mit erheblichen Kosten verbunden sei, betont Martin Gerling, Geschäftsführer des Handelsinstituts EHI. Eine breite Umstellung erfordere erheblichen Arbeitsaufwand und teilweise auch technischen Aufwand. "Die Unternehmen müssen ihre komplette Preiskalkulation überarbeiten. Niemand macht einfach alle Produkte um zwei Prozent billiger. Bei der Milch wird man vielleicht etwas mehr runtergehen, die Fischsauce unverändert lassen." In Supermärkten und Drogerien erwartet Gerling auf jeden Fall Preisanpassungen, weil der Wettbewerb dort generell hart ist.

Enormen Verwaltungsaufwand sieht Gerling beispielswiese auch für Abomodelle. "Wenn ich jedem Abonnenten für ein halbes Jahr die bereits bezahlte Mehrwertsteuer zurückzahlen muss, ist das ein ziemlicher Aufwand." Das Fazit des Experten: "Eine Mehrwertsteuersenkung ist generell eine vernünftige Sache, aber mitten im Jahr und für so einen kurzen Zeitraum sorgt das für große Schwierigkeiten bei der Umsetzung."