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Günstigeres Einkaufen Mancherorts boomt der Grenzhandel in Deutschland – Mehrwertsteuersenkung sei Dank

Ein Einkaufswagen voller Getränkedosen wird über den Parkplatz geschoben
Ein Einkaufswagen voller Getränkedosen wird auf dem Gelände des Scandinavianparks in Handewitt bei Flensburg über den Parkplatz geschoben
© Carsten Rehder/ / Picture Alliance
Über Wochen waren die Grenzen zu unseren Nachbarländern geschlossen, nun fließt der Grenzverkehr wieder. Doch offene Grenzen und die gesenkte Mehrwertsteuer sorgen für deutlich mehr Grenzhandel, etwa an der dänischen Grenze. In den Nachbarländern sieht man dies nicht gerne.

Die deutschen Grenzen sind wieder geöffnet. Doch das sorgt nicht nur für mehr Urlauber, sondern auch für Tages- und Einkaufstouristen. "Der Grenzhandel ist wieder in vollem Gange", hieß es von drei der großen Grenzgeschäftsketten, nachdem die Grenzen zu Dänemark Mitte Juni wieder geöffnet wurden, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk Danmarks Radio (DR) berichtet.

Noch Ende Mai, als die Grenzen geschlossen waren, litten Händler und grenznahe Kommunen in Schleswig-Holstein unter coronabedingten Einschränkungen. Die Umsätze seien um 80 bis 85 Prozent zurückgegangen.

Inzwischen sieht es anders aus. "Wir können sehen, dass wir wieder auf dem gleichen Niveau wie vor Corona sind", sagt Lars Mose Iversen, Chef des Grenzshops Fleggaard bei Flensburg. Ein Trend, den man auch in den Grenzläden Otto Duborg und Poetzsch bemerke. "Die ersten Tage haben gezeigt, dass deutlich mehr Kunden zu uns kamen als im Juni 2019", sagt Bernd Christiansen, Geschäftsführer beider Filialen zu DR. 

Verkauf von typischen Grenzhandelswaren geht zurück

Dass viele Dänen nun wieder zum Shoppen von Waren wie Bier, Schnaps, Limonade, Tabak, Schokolade und Süßwaren über die Grenze fahren, macht sich auch in den Märkten daheim bemerkbar, wie dänische Handelsketten berichten. Diese hätten während der Grenzschließung einen steigenden Absatz bei den typischen Grenzhandelsprodukten verzeichnet. Doch nun gehe dieser Absatz wieder deutlich zurück.

Nach Angaben des Konzerns Coop, der hinter Supermarktketten wie Kvickly, SuperBrugsen und Fakta steht, sind die zusätzlichen Verkäufe von Süßwaren, Alkohol und Co. in der Region Südjütland sowie auf den Inseln Lolland und Falster von 32 Prozent um die Hälfte auf 16 Prozent gefallen. Laut Jonas Schrøder, Kommunikationsmanager bei der Handelskette Rema 1000, sei man im Grenzland wieder auf Normal-Niveau. Manche dänische Märkte senkten als Gegenmaßnahme ihre Preise auf Getränke, berichtete die Zeitung "Jydske Vestkysten"

Dänen fordern neues Pfandsystem

Die gesenkte Mehrwertsteuer in Deutschland ist momentan eine Herausforderung für Geschäfte auf der dänischen Seite der Grenze. Die Bundesregierung hatte zum 1. Juli die Abgabe von 19 auf 16 Prozent gesenkt, den ermäßigten Steuersatz von sieben auf fünf Prozent.

Sowohl Coop als auch der dänische Supermarktbetreiber Salling Group fordern daher ein Einlenken von Kopenhagen: "Es ist wichtig, die Mehrwertsteuer zu senken, da wir derzeit in Deutschland eine Lebensmittelsteuer von fünf Prozent und in Dänemark eine Mehrwertsteuer von 25 Prozent haben", sagt der CEO der Salling Group, Per Bank, dem Sender TV2.

Bei Coop hingegen fordere man ein neues Pfandsystem in Deutschland für Dosen, so der Sender. Im deutsch-dänischen Grenzhandel sind Getränkedosen für Kunden aus nordischen Ländern pfandfrei, sofern diese nicht in Deutschland konsumiert beziehungsweise nicht dorthin zurückgebracht werden.

Laut der Wirtschaftsorganisation Dansk Erhverv kauften Dänen 2018 rund 600 Millionen pfandfreie Dosen auf deutscher Seite. 45 Prozent der Dänen würden demnach mindestens ein Mal im Jahr nach Deutschland fahren, um an der Grenze günstiger einzukaufen. Dabei kaufen sie pro Jahr für rund vier Milliarden dänische Kronen ein – umgerechnet 537 Millionen Euro. 

Auch Niederländer wollen niedrigere Steuern

Das dänische Steuerministerium schätzte Anfang des Jahres, dass ein neues Pfandsystem circa eine halbe Milliarde Kronen Umsatz nach Dänemark bringe – und damit auch Steuereinnahmen und Arbeitsplätze, wie Medien berichten. Die Forderungen gibt es allerdings seit 25 Jahren, im Umweltministerium werde daran gearbeitet. Die rechts-liberale Oppositionspartei Venstre hingegen habe eine Halbierung der Mehrwertsteuer in Dänemark vorgeschlagen, was von der sozialdemokratischen Regierung allerdings abgelehnt wurde.

Auch an der niederländischen Grenze werden Maßnahmen gegen die deutsche Mehrwertsteuersenkung gefordert. Dort wolle man auf niederländischer Seite einen Steuernachlass, wie das "Handelsblatt" berichtete. "Menschen hier lockt es nun möglicherweise schneller über die Grenze für ihre Einkäufe, zum Tanken oder für eine größere Anschaffung", sagte Lokalpolitiker Klaas Buigel. Die deutsche Mehrwertsteuersenkung könne sich negativ auf den niederländischen Handel auswirken. Die Gemeinde Westerwolde wolle daher eine Eingabe an das Kabinett in Den Haag schicken. Die Mehrwertsteuer in den Niederlanden beträgt 21 Prozent und ermäßigt 9 Prozent.

Quellen: Danmarks Radio, TV2, "Jydske Vestkysten", "Handelsblatt", DPA

rw

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