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Milchboykott: Bauern prophezeien Versorgungskollaps

Stehen die Verbraucher bald vor leeren Regalen? Während der Verband der Milchviehhalter den Kollaps der Milchversorgung noch für diese Woche ankündigt, behauptet die Industrie das Gegenteil: Der Boykott habe überhaupt keine Auswirkungen.

Über das Ausmaß des Milchbauern-Streiks in Deutschland machen Bauern und Molkereien völlig unterschiedliche Angaben. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) hat angekündigt, dass die Versorgung an Milch noch in dieser Woche kollabieren wird. Dagegen erklärt die Industrie, nur ein Bruchteil der Milchbauern beteilige sich an dem Lieferstopp, der Ausfall habe wegen des bestehenden Überangebots keine Folgen.

Nach Auskunft des Milchviehhalter-Verbandes solidarisieren sich die europäischen Landwirte mit ihren deutschen Kollegen. "Wir haben viele Solidaritätserklärungen aus dem Ausland erhalten", sagte Stefan Mann, Vizechef des Verbandes der "Frankfurter Rundschau". So hätten die Milchbauernverbände aus den Niederlanden, der Schweiz, Belgien, Luxemburg und Teilen Frankreichs ihre Unterstützung zugesagt. Mit Irland liefen Gespräche. Welche Ausmaße der Lieferboykott letztlich annehme, werde sich aber erst in den nächsten Tagen klären. Mann sagte: "Ich rechne aber damit, dass noch mehr Länder dazukommen."

Dem Bericht zufolge hat Sieta van Keimpema, Vorsitzende des niederländischen Milchbauernverbands und Vizepräsidentin des European Milk Boards, die holländischen Milchbauern aufgefordert, die Milch auf den Acker zu kippen. Die österreichische IG-Milch habe ihre heimischen Erzeuger dazu aufgerufen, die Lieferungen um 50 Prozent zu reduzieren, und auch in der Schweiz wolle man sich solidarisch zeigen.

Die Bauern fordern einen Milchpreis von mindestens 40 Cent pro Liter, regional unterschiedlich werden zwischen 27 Cent und 35 Cent bezahlt.

Verband: Preise steigen schon

Der Lieferboykott der deutschen Milchbauern hat nach Verbandsangaben bereits erste Auswirkungen. "Es tut sich was in der Branche", bilanzierte der Vorsitzende des Bundesverbands deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber, nachdem Tausende Bauern den Molkereien einen Tag lang keine Milch geliefert hatten. Die Preise auf dem Spotmarkt, der den aktuelle Preis auf dem internationalen Markt anzeigt, würden schon anziehen.

Die Erzeuger setzten ihren Protest gegen die aus ihrer Sicht zu niedrigen Preise auch am Mittwoch fort. "Nachdem der erste Tag bereits über unseren Erwartungen lag, sind wir zuversichtlich, dass der Lieferstreik am Tag zwei noch zulegen wird", sagte ein BDM-Sprecher in Berlin.

Der Milchindustrieverband reagierte gelassen. Eine Umfrage bei den Molkereiverbänden in den Niederlanden, Frankreich und Österreich habe ergeben, dass dort von einem Lieferboykott keine Rede sei. Bei den Molkereien hierzulande habe der Ausfall lediglich zwischen fünf und 30 Prozent betragen, sagte Eckhard Heuser, Geschäftsführer des Verbandes. Ein solcher Rückgang könne durch die saisonal bedingte Überproduktion aufgefangen werden, sagte Heuser dem Blatt. Bislang habe auch der Spotpreis für Milch nicht angezogen. "Sollte es aber eine Woche lang einen Lieferausfall von 50 Prozent geben, haben wir ein Problem. Dann wird die Versorgung mit Frischmilch knapp."

AP/DPA / AP / DPA