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Militärtransporter als Milliardengrab?: Airbus fürchtet wegen A400M um Existenz

Im Milliardenpoker um die Finanzierung des Militärtransporters A400M baut Airbus-Chef Tom Enders eine düstere Drohkulisse auf. Sollten die europäischen Auftraggeber nicht zu Zugeständnissen bereit sein, sei das gesamte Unternehmen in Gefahr. Dabei fliegt Airbus derzeit von Rekord zu Rekord.

Kann ein Konzern in Existenznot geraten, der einen Produktionsrekord nach dem anderen aufstellt, neun Milliarden Euro auf der hohen Kante hat und technologisch Weltspitze ist? Aber sicher, meint Airbus. Man kann "den Bogen überspannen", wenn man zu viele Großprojekte gleichzeitig meistern muss und die Kosten nicht mehr beherrscht. Dann läuft die pralle Kasse im Handumdrehen leer und die Ressourcen reichen nicht, um die Zukunft vorzubereiten. Genauso sei das derzeit mit Airbus und dem Milliarden verschlingenden Militärtransporter A400M, verkündet der Airbus-Konzern EADS.

An diesem Donnerstag wollen die A400M-Kundenstaaten in London über das heikle Thema der Finanzierung brüten. Deutschland vertritt dabei ganz klar die härteste Linie. Frankreich und die Türkei, aber auch die Briten wollen auf Europas "strategisch wichtigen" Flugzeugbauer zugehen. Bis zum 31. Januar soll ein Kompromiss stehen. "Alle versuchen mit Macht, die Deutschen an den Verhandlungstisch zu zwingen", erklärte ein Insider in Sevilla.

In der Zwickmühle

Zwei Tage vor dem Londoner Treffen luden EADS und Airbus am Dienstag die Weltpresse in das A400M-Werk in Sevilla, um unter den Schwingen des Supervogels ihre Position im Milliardenpoker darzulegen. EADS-Chef Louis Gallois und Airbus-Chef Thomas Enders bemühten sich dabei, Einigkeit zu demonstrieren - und zeigten doch Nuancen in der Kernfrage: Würde Airbus das Projekt notfalls kippen?

Enders erklärte klipp und klar, er dürfe Airbus nicht mit einem "weiter so" gefährden. Dagegen bemerkte sein Chef Gallois, dass auch ein Projektstopp teuer käme. Selbst bei einer Einstellung stünde man vor langen, schwierigen Verhandlungen mit den Staaten, erklärten Konzernmanager am Rande. Wenn der Vertrag platzt, sind nicht nur 6,4 Milliarden Rückzahlungen an die Kunden fällig, sondern auch riesige Abschreibungen. Und die Zulieferer müssen für ihre Milliardeninvestitionen entschädigt werden. Mit einem Schlag wäre EADS sein komfortables Geldpolster von wohl neun Milliarden Euro los.

Konkurrenz aus China sitzt Airbus im Nacken

Dabei braucht Airbus das Geld in den nächsten Jahren dringend. Der Super-Airbus A380 wird auf Jahre hinaus Geld kosten, wie Enders zugibt. Französische Gewerkschafter schätzen die Verluste pro Flugzeug auf 50 bis 100 Millionen Euro und die Gewinnschwelle ist von einst 180 Flugzeugen in Richtung 500 gerutscht. Milliarden wird auch der Langstreckenjet A350 kosten, der in die heiße Phase der Entwicklung tritt. Mitte 2011 soll die Montage anlaufen. Außerdem ist nicht sicher, wann und wie die Kunden endlich aus ihrer schwersten Branchenkrise seit dem Krieg kommen.

Doch das ist nicht alles. Ausgerechnet dem Goldesel von Airbus droht Gefahr: der A320. Eigentlich will Airbus einen Nachfolger für den Verkaufschlager erst für die Zeit um 2022 entwickeln. Und Boeing sah das für sein Konkurrenzmodell 737 genauso. Doch jetzt kommen die Chinesen und sprengen das lukrative Duopol. Schon 2014 soll die chinesische C919 abheben. Sie zielt mit 170 bis 190 Plätzen genau auf die A320 und 737. Und sie dürfte konkurrenzlos billig werden und die Preise kaputtmachen. Airbus muss reagieren.

Vor allem Paris dringt auf Zugeständnisse

"Ich bin nicht so versessen darauf, ständig neue Programme zu entwickeln", sagte Enders in Sevilla. Die A320 will er aber nachbessern, um die Chinesen auf Distanz zu halten. Der Mittelstreckenjet wird jetzt mit Treibstoff sparenden "Winglets" am Flügelende angeboten. Und Airbus will in diesem Jahr über eine völlig neue Motorisierung der A320 entscheiden. Auch das kostet Geld, und ob es reicht, bleibt ungewiss.

Aber könnte Airbus wegen all dieser Risiken in Existenznot geraten, falls die A400M zum teuren "Schrecken ohne Ende" würde? Die Experten von PricewaterhouseCoopers (PwC) meinten nach der Bewertung der Mehrkosten, der Konzern könne das verkraften. Die französische Regierung dringt dagegen auf Zugeständnisse, um den Konzern nicht zu gefährden. Noch sind drei Wochen Zeit. Eine neue Verlängerung des Stillhalteabkommens soll es nicht mehr geben.

Hans-Hermann Nikolei, DPA / DPA