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EuGH-Urteil: Neue Arbeitszeiterfassung – und was ist mit den Raucherpausen?

Künftig muss in Europa die gesamte Arbeitszeit erfasst werden. Überfällig, sagen die einen, bürokratisch, die anderen. Doch wie genau wird sich die Regelung auswirken - zum Beispiel auf die Raucherpause oder den Gang zur Kaffeemaschine.

Rauchpause

Regelmäßige Pausen (manchmal auch mit Tabak) helfen, bei der Arbeit leistungsfähig zu bleiben

DPA

Wann ist Arbeit Arbeit? Zählt die reine Anwesenheit? Oder nur das Ergebnis – auch wenn dafür Überstunden geschoben werden müssen? Was macht der Arzneimittel-Kurier, der mit seiner Runde schneller fertig ist als geplant? Wie zählt die zündende Job-Idee in der Mittagspause? Oder die Mail, der Anruf, die SMS abends um halb elf? Was ist mit Home-Office, wenn man auf die Rückmeldung eines Kollegen wartet und dabei den Abwasch erledigt? Diese und mehr Fragen werden sich in Zukunft Chefs, Angestellte und Freiberufler stellen müssen, denn der Europäische Gerichtshof hat geurteilt, dass die komplette Arbeitszeit künftig dokumentiert werden muss. Für Gewerkschafter ein Durchbruch, für Arbeitgeber ein "Bürokratiemonster".

Ist Vertrauensarbeitszeit Selbstausbeutung?

Klar ist, die Zahl der Überstunden hat in den vergangenen Jahren wieder zugenommen, viele Angestellte müssen zudem mehr in gleicher Zeit und für gleiches Geld leisten, manche Chefs erwarten von ihren Untergebenen Erreichbarkeit auch nach Feierabend, neue Organisationsformen vermischen Arbeit und Freizeit und die oft beschworene Vertrauensarbeitszeit entpuppt sich nicht selten als Selbstausbeutung. "Die Arbeitszeiterfassung dient dem Schutz der Beschäftigten vor undokumentierter Mehrarbeit und Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit", sagt etwa Marta Böning vom DGB. Florian Nöll dagegen, Vorsitzende des Start-ups-Verbands: "Die Flexibilität, die Arbeitnehmer selbst einfordern, wird durch solche Vorgaben eingeschränkt."

Wochenarbeitszeit: Neue Zahlen: So viele Stunden verbringen wir Deutschen durchschnittlich auf der Arbeit

Was sich genau durch das EuGH-Urteil ändern wird, muss die Bundesregierung nun regeln. Das Arbeitszeitgesetz sieht bislang nur vor, dass Überstunden dokumentiert werden müssen. Entsprechende Systeme dafür gibt es zuhauf: Vom einfachen Blatt Papier, über digitale Stechuhren bis zu Apps, die die Arbeitszeit sekundengenau protokollieren. Rein technisch ist die Arbeitszeiterfassung also kein Problem. Dagegen schon eher, dass Chefs ihre Angestellten auf Schritt und Tritt überwachen könnten oder womöglich auf den Gedanken kommen, jede Abwesenheit minutengenau von der Arbeitszeit abzuziehen, wie

zum Beispiel Kaffee- Rauch und sonstige -Pausen

  • Streng genommen müssten sich Raucher auch jetzt schon für jede Zigarette abmelden – denn die kleine Nikotin-Auszeit sieht der Gesetzgeber nicht vor. Grund: Rauchen am Arbeitsplatz ist verboten. Raucher werden also auch in Zukunft von der Kulanz ihres Arbeitgebers abhängig sein.
  • Am Gang zur Kaffeemaschine oder auf die Toilette sollte sich in Zukunft nichts ändern. Denn jede Pause, die kürzer ist als 15 Minuten gilt nicht als Pause sondern als Arbeitszeit. Und nach Ansicht des Kölner Arbeitsgerichts sind selbst 30 Minuten auf dem stillen Örtchen pro Tag kein Problem. In den USA ist es übrigens zulässig, den Klobesuch von Beschäftigten per Chipkarte zu überwachen. Davon ist Deutschland aber weit entfernt.

Elf Stunden Ruhe am Stück

Die Seite "Arbeitsrechte.de" weist darauf hin, dass eine "richtige Arbeitszeiterfassung keine minutiöse Überwachung der Arbeitnehmer zum Ziel hat". Es gehe vielmehr darum, dass die tägliche Arbeitszeit von acht Stunden, maximal 48 Wochenstunden nicht überschritten und die Ruhezeit von elf Stunden am Stück eingehalten würden.

Die meisten Arbeitsrechtsexperten freuen sich über das Urteil aus Luxemburg, auch wenn es eine Reihe von Grenz- und Sonderfällen geben wird: Vor allem für Führungskräfte und in Berufen, die sich auch orts- und zeitunabhängig ausüben lassen: wie etwa Jobs im Außendienst, der IT oder in der Wissenschaft. Angestellte im Home-Office müssen künftig darauf achten, dass sie zwischen dem Kartoffelschälen und der nächsten Mail ihre Stechuhr ausschalten. Und: Anrufe aus dem Büro abends um 11 Uhr sind ebenfalls zu protokollierende Arbeitszeit. Bequemer wird die neue Arbeitswelt offenbar nicht, aber möglicherweise gerechter.

Quellen: Arbeitsrechte.de, DPA, Kanzlei Hasselbach, DLF, Statista, T-Online,

nik