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Meinung

Arbeitszeiterfassung: Warum die Rückkehr der Stechuhr nicht antiquiert, sondern genau richtig ist

Arbeitgeber müssen künftig die Arbeitszeit von Mitarbeitern erfassen - das ist der Tod der Vertrauensarbeitszeit. Für Angestellte war sie in der Vergangenheit eh ein Mittel zur Selbstausbeutung. 

Überstunden

Überstunden wird es weiterhin geben - selbstverständlich werden sie nicht mehr sein.

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Der Europäische Gerichtshof ließ am Dienstag eine Bombe platzen: Künftig sind Arbeitgeber dazu verpflichtet, die Arbeitszeit ihrer Angestellten zu erfassen. Auch wenn die Richter keine Vorgaben machten, wie das auszusehen hat, sind die Arbeitgeber auf der Zinne: Sie fürchten nach der DSGVO ein neues Bürokratiemonster. Die Rückkehr der Stechuhr hätte mit modernem Arbeiten ja so gar nichts zu tun! Die Gewerkschaften hingegen sind entzückt. Was beide Seiten wissen: Die bisherigen Mechanismen, die vor allem Unternehmen zu Gute kamen, könnten bald der Vergangenheit angehören. Also ein guter Tag für Arbeitnehmer? Nur wenn sie lernen, dass der Chef wieder die Verantwortung für die Arbeitszeit trägt. Und nicht sie selbst.

Zum einen begräbt diese höchstrichterliche Entscheidung die Vertrauensarbeitszeit, ein Vehikel, das vor allem zu Gunsten der Unternehmen ausgelegt wurde. Die grundlegende Idee, jeder Mitarbeiter arrangiere seine Arbeitszeit nach den Erfordernissen - und nehme sich dann im Gegenzug auch die nötigen Freiräume und Ausgleichszeiten - ist faktisch immer auf dem Rücken der Arbeitnehmern ausgelegt worden. Wenn es der Job erfordert, wurde gebuckelt. Wer aber dann auch die Zeit abbummeln wollte, hatte selten diese Möglichkeit. Das Vertrauen in die Arbeitszeit war das Vertrauen der Chefs, dass sich die Mitarbeiter schon reinknien werden.

New Work und Homeoffice: Überstunden sind Standard

Und spätestens mit dem Einzug neuer Arbeitsformen und flexibleren Arbeitszeiten, wie dem Homeoffice oder der ständigen Erreichbarkeit durch Smartphone, ist schnell klar gewesen: Besser nicht die genauen Arbeitsstunden niederschreiben. Denn dann hätte sich bei vielen Arbeitnehmern ein saftiges Überstundenkonto angehäuft. Die neue Flexibilität ist zwar bei vielen Mitarbeitern beliebt, sie schätzen die Eigenverantwortung, mit der sie auch mal von zu Hause aus arbeiten können. Oder beantworten eben mal schnell ein paar Emails nach Feierabend. Das entlastet die Morgenstunden. Das gefällt natürlich auch den Firmenlenkern, denn diese Mitarbeiter übernehmen damit nicht nur die Verantwortung für ihr eigenes Arbeiten, sondern auch ein wenig für das Unternehmen - prima! Die Kehrseite dieser Medaille ist eine enorme Arbeitsverdichtung. Die Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit. Gearbeitet werden kann immer, Freizeit nehmen ist hingegen nicht jederzeit möglich.

Nun kann man sagen: So schlimm ist das ja nun auch alles nicht. Wem sein Job Spaß macht, der ackert halt ein wenig mehr - was soll's? In den Jahren 2017 und 2018 haben Arbeitnehmer in Deutschland jeweils eine Milliarde (!) Überstunden geleistet, für die sie nicht entlohnt wurden. Ein Geschenk an die Unternehmen - und ein Höchststand seit zehn Jahren. Mit der neuen Freiheit in der Arbeitswelt ist kaum zu erwarten, dass dieser Wert künftig sinkt. Die neue Kontrolle der Arbeitszeit würde also in erschreckendem Maße die Selbstausbeutung von Arbeitnehmern dokumentieren. 

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Arbeitzeiterfassung: Der Arbeitgeber trägt die Verantwortung

Mit der neuen Dokumentationspflicht wäre eine solche Flut an Überstunden künftig nicht mehr so möglich - allerdings bringt es für Arbeitnehmer auch nicht nur Entlastung. Denn wer dann abends noch mal den Rechner anschmeißt, um die Präsentation für den nächsten Morgen noch mal aufzuhübschen, und sich brav per App einloggt, um die Arbeitszeit zu erfassen, wird sehr gut möglich am nächsten Tag nicht bei der Präsentation dabei sein können. Denn die Arbeitszeitschutzregeln besagen: 11 Stunden Ruhezeit zwischen den Arbeitstagen sind einzuhalten. Wer also bis Mitternacht am Rechner sitzt, braucht erst gegen 11 Uhr am nächsten Tag wieder die Arbeit aufnehmen. 

Der Mitarbeiter hat dann also zwei Möglichkeiten: Die Arbeitszeiterfassung umgehen und somit wieder Arbeitszeit unentgeltlich leisten - übrigens ein verbotenes Vorgehen. Oder die Ruhezeiten ignorieren. Auch das untersagt der Gesetzgeber. Beides kann nicht Sinn der Sache sein. Denn die Verantwortung für Einhaltung der maximalen Arbeitszeit trägt der Arbeitgeber. Das vergisst er nur ganz gerne.

Der Europäische Gerichtshof hat sicherlich mit einem nachvollziehbaren Hintergedanken dieses Urteil gefällt. Doch es könnte auch zum Dilemma für Angestellte werden. Denn einen Sinneswandel in den Unternehmen kann man eben nicht richterlich erreichen. Aber die Vorgaben auf EU-Ebene können die Wahrnehmung auf die eigene Arbeitszeit verändern. Wann lese ich Mails - und wann beantworte ich sie? Arbeite ich schon vom Frühstückstisch aus? Wie oft wurde die Mittagspause abgekürzt oder ganz gestrichen? Ein Blick auf die zukünftige Stechuhr-App mag antiquiert erscheinen. Doch wer sieht, wie viel er geleistet hat und wie viel Zeit eigentlich Arbeitszeit ist, wird ein neues Selbstverständnis seiner Arbeit entwickeln. Auch das macht den Mitarbeiter mündiger und eigenständiger - ganz wie es sich Firmen wünschen. 

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