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Ölkonzern Elf: "Noch viele offene Fragen"

Eva Joly deckte die größte Korruptionsaffäre Europas auf: ein Gespräch über den Elf-Skandal, ihre Figur im Film und das Versagen der Staatsanwälte.

Frau Joly, Sie sind mit Ihren Ermittlungen im Skandal um den französischen Ölkonzern Elf berühmt geworden, bei dem 300 Millionen Euro unterschlagen wurden. Vor kurzem kam Claude Chabrols Film "Geheime Staatsaffären" ins Kino. Dort geht es um den Elf-Skandal, und Sie sind das Vorbild für die Heldin des Streifens, gespielt von Isabelle Huppert. Trotzdem haben Sie den Film scharf kritisiert. Warum?

Chabrol ist intellektuell unehrlich. Er müsste ganz klar sagen, dass sein Film ein Stück Fiktion ist, inspiriert von der Realität. Tatsächlich hat sich Chabrol in allen seinen Interviews so über mich geäußert, als ob der Film eine Art Dokumentation sei. Er bedient sich der Affäre Elf und meiner Person, nur um seinen Film besser zu verkaufen. Es ist ein schlechter Film, aber mit diesem Trick wurde es sein erfolgreichster seit Jahren.

Chabrol erweckt den Eindruck, dass sich Ihr Mann umgebracht hätte, weil Sie ihn vernachlässigt hätten.

Chabrol weidet sich an meinem Privatleben, das ihn nichts angeht und über das er nichts weiß. Er zeigt die Untersuchungsrichterin im Ehebett, die nicht mit ihrem Mann schlafen will, weil sie Kopfschmerzen hat. Das ist eine Verletzung der Privatsphäre. Natürlich hat Chabrol jedes Recht, einen Film zu drehen. Aber er hat nicht das Recht zu behaupten, es gehe um Eva Joly.

Sie haben sich nicht wiedererkannt?

Ich habe den Eindruck, einige Leute in Frankreich würden den Elf-Skandal gern im Nachhinein herunterspielen - als sei es nur um einige Frauen in der Meno-pause gegangen, die ihre Frustration auslebten.

Sie werden als gnadenlose Ermittlerin präsentiert, die ihre eigene Macht genießt.

Wer sich falsch verhält, sind doch viel eher die Staatsanwälte, die ihre Befugnisse nicht nutzen und keine Ermittlungen vornehmen, obwohl es dafür gute Gründe gäbe - so wie die deutschen Staatsanwälte, die sich geweigert haben, wegen Elf und dem Kauf der Raffinerie in Leuna zu ermitteln. Die Motive solcher Staatsanwälte sollte man mal untersuchen! Wollten sie lieber in Ruhe in Urlaub fahren? Wollten sie einem Freund helfen? Wollten sie ihre Karriere nicht behindern?

Welche Ermittlungen hätten die deutschen Behörden anstellen sollen?

Hat Elf zu Recht die hohen Subventionen für die Modernisierung der Raffinerie in Leuna kassiert? Wurden die Zuschüsse korrekt verwendet? Wofür flossen die Millionen-Provisionen, die der deutsche Geschäftsmann Dieter Holzer vom Elf-Konzern bekam? Es gibt so viele offene Fragen.

Sie trafen in Deutschland mit dem Staatsanwalt Winfried Maier zusammen, der ermitteln wollte . . .

Er wollte ermitteln. Er hat selbst von dem Druck erzählt, unter den er gesetzt wurde, um nicht zu ermitteln. Das Problem in Deutschland ist, dass die Staatsanwälte nicht unabhängig sind. Ohne unabhängige Staatsanwälte gibt es keinen echten Kampf gegen die Korruption.

Während Ihrer Ermittlungen wurde in Ihre Wohnung eingebrochen, in die Ihres Sohnes, in Ihr Büro. Sie erhielten Todesdrohungen. Wie haben Sie das verkraftet?

Die Ermittlungsarbeit hat mir die Kraft gegeben. Es wäre mir ungerecht erschienen, wenn die Schuldigen davongekommen wären, weil sie mich bedrohen. Hätte ich die Sache fallen gelassen, hätte ich all die Zeugen enttäuscht und gefährdet, die Risiken auf sich nahmen, um uns zu helfen. Und sehr wichtig war die Solidarität in unserer Ermittlergruppe.

In einem Ihrer Bücher erwähnen Sie, dass ein hoher französischer General Ihnen gedroht habe, Sie würden es höchstens 48 Stunden überleben, wenn Sie sich auch noch um Waffengeschäfte kümmerten. In der Affäre um die Pariser Firma Thomson und die französischen Fregatten für Taiwan, bei der mehrere Milliarden Franc an Schmiergeldern geflossen sein sollen, haben Sie nicht ermittelt. Wegen der Drohungen?

Wenn man Risiken auf sich nimmt, dann sollte man das nicht blind tun, sondern kalkuliert. Ich war offiziell nur mit einem kleinen Teilaspekt der Fregatten-Affäre befasst. Es ist wahr, ich habe nicht darum gebeten, diese Zuständigkeit zu erweitern.

Vor einigen Jahren klagten Sie, dass man aus dem Elf-Skandal nichts gelernt habe. Stimmt das immer noch?

Ich glaube, die Welt ändert sich. Frankreich ist vielleicht das letzte Land, in dem man das spüren wird. Mit Jacques Chirac gibt es dort einen Staatspräsidenten, der die Ernennungsurkunden der Staatsanwälte und Richter unterzeichnet, obwohl er selbst von mehreren Ermittlungen betroffen ist. Das schafft ein ungesundes Klima. Selbst in vielen Entwicklungsländern gibt es dagegen sehr ermutigende Entwicklungen. Ich finde es sehr bezeichnend, dass die Korruptionsermittlungen gegen Thomson - die heutige Firma Thales - in Südafrika sehr viel weiter fortgeschritten sind als in Frankreich.

Seit vier Jahren arbeiten Sie jetzt als Beraterin für das Entwicklungsministerium Ihres Heimatlandes Norwegen. Eine große Umstellung?

Was ich jetzt mache, ist in der Tat etwas radikal anderes - und etwas, das mir große Befriedigung verschafft. In meiner jetzigen Arbeit geht es darum, die Armut zu bekämpfen - aber mit den richtigen Mechanismen, sodass das Geld nicht den korrupten Eliten in den Empfängerländern zugute kommt.

Was genau machen Sie?

Ich helfe beim Aufbau von Anti-Korruptions-Stellen in den Ländern, die Hilfe von Norwegen bekommen. Ich kümmere mich zum Beispiel um ein Programm der norwegischen Entwicklungshilfeagentur in Madagaskar - einer ehemaligen französischen Kolonie. Ich helfe bei der Reform des Justizsystems. Der Präsident persönlich lässt sich von mir beraten. Es geht zum Beispiel darum, dass die Staatsanwälte und Richter nicht mehr gegen ihren Willen versetzt werden können. Oder um die Häftlinge in den Gefängnissen: Manche waren 19 Jahre eingesperrt, ohne Gerichtsurteil. Pro Tag bekamen sie im Schnitt nur 600 Kalorien zu essen. Norwegen hat eine Anti-Korruptions-Einheit in der madagassischen Hauptstadt Antananarivo finanziert. Dort helfe ich bei der Ausbildung der Ermittler.

Seit Sie Frankreich verlassen haben: Fehlt Ihnen etwas?

Ich habe Frankreich nie wirklich verlassen. Aber man hat mir diese hochinteressante Arbeit in Norwegen angeboten. In Frankreich dagegen hätte man mir meinen Erfolg in der Affäre Elf nicht vergeben. Die Justiz hätte mir keinen angemessenen Posten angeboten. Es ist nun mal so, dass man einen hohen Preis bezahlen muss, wenn man gegen diejenigen ermittelt, die die Macht haben. Das ist in Deutschland sicher nicht anders.

Interview: Hans-Martin Tillack / print