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LEUNA-AFFÄRE: Die Spur des Geldboten

Also doch! Von den Millionen, die beim Verkauf der Raffinerie in Leuna geflossen sind, landete ein Großteil auf Konten in Deutschland. Drahtzieher Dieter Holzer soll in dieser Woche vor dem Untersuchungsausschuss aussagen. Aus stern Nr. 26/2001.

Also doch! Von den Millionen, die beim Verkauf der Raffinerie in Leuna geflossen sind, landete ein Großteil auf Konten in Deutschland. Drahtzieher Dieter Holzer soll in dieser Woche vor dem Untersuchungsausschuss aussagen

Durch die verwilderte Auffahrt kämpften sich die Staatsanwälte vor bis zum Portal des Jagdschlosses Schwarzhorn in Wendisch Rietz. Hier, am Scharmützelsee südöstlich von Berlin, hofften sie einem der größten Skandale der Republik auf die Spur zu kommen: dem Verkauf der ostdeutschen Leuna-Raffinerie an den französischen Staatskonzern Elf Aquitaine. 80 Millionen Mark Schmiergeld sollen dabei geflossen sein. Der Schwarzhorner Schlossherr Dieter Holzer, Multilobbyist und Multimillionär, steht seit Jahren im Verdacht, den größten Teil des Geldes verteilt zu haben. Aber bei der Durchsuchung des Schlosses fanden die Ermittler wieder nichts – außer einer vergammelten Straßenkarte im Kellergewölbe. Am selben Tag – und mit ähnlich magerem Ergebnis – durchstöberte die Justiz eine Luxusvilla im saarländischen Quierschied, ein feines Appartement in Berlin und ein Hotel in Lech in Österreich.

Lange schienen die Ermittler dem Mann nichts anhaben zu können. Auch der Verbleib der gigantischen Geldsummen, die von Elf auf Holzers Konten flossen, blieb ein Rätsel. Hat am Ende die CDU dafür kassiert, dass der umstrittene Deal mit den Franzosen zustande kam? Oder gar Helmut Kohl? Wurden Treuhand-manager bestochen? Oder Gewerkschafter und Landespolitiker bedient? Die Staatsanwaltschaften in Genf und Paris konnten auch nach jahrelangen Ermittlungen Holzer und die Backschisch-Schieber des Elf-Konzerns nicht überführen. Doch nun, zeitgleich zu Holzers Auftritt vor dem Berliner Untersuchungsausschuss in dieser Woche, gerät der Millionen-Jongleur unter Druck. Gefahr droht ihm ausgerechnet aus Vaduz in Liechtenstein, wo sich bislang die Spur der Elf-Millionen verlor.

Die Justiz des Fürstentums

Die Justiz des Fürstentums, von den Ermittlern in Genf und Paris um Rechtshilfe gebeten, ist bei ihrer Suche nach den Geldflüssen von Holzer fündig geworden. Die Ermittlungen im Schmierenstück Leuna stehen vor einem Durchbruch. Holzer ließ zweistellige Millionenbeträge, gestückelt in kleinere Tranchen, zu knapp 20 Bankfilialen nach Deutschland auf insgesamt über 50 Konten und Un-terkonten transferieren – möglicherweise die lange gesuchten Schmiergeldzahlungen. Die Gelder sind Teil der Überweisungsbeträge von Elf auf die Konten von Holzers Liechtensteiner Treuhandfirmen. Die Ermittler in Vaduz können die Zahlungsvorgänge exakt mit Überweisungsunterlagen belegen. Die Papiere waren bei einer Durchsuchungs- und Beschlagnahmeaktion in sieben Liechtensteiner Kanzleien und drei Banken sichergestellt worden.

Die Funde könnten auch die Aufklärung in Deutschland einen großen Schritt voranbringen. Denn von den deutschen Konten sind nun womöglich auch die Fährten zu den Schmiergeldempfängern leichter auszumachen. Holzer hatte bisher immer behauptet, bei den Geldern in Vaduz handele es sich um seine eigenen Honorare für umfangreiche Berater- und Vermittlerdienste beim Bau der Raffinerie.

Die Justiz in Vaduz sieht das anders. Sie hat, wie der Fürstliche Landrichter Lothar Hagen dem stern bestätigte, »gegen zwölf verdächtige Personen« Ermittlungen eingeleitet. Darunter auch gegen Holzer, seinen Schwager Ibrahim Sahyoun und seine beiden Vaduzer Treuhänder Werner und Wolfgang Strub. Sie stehen in dem Verdacht des Betruges, der Urkundenfälschung und der Untreue.

Die Fahnder in Liechtenstein

Die Fahnder in Liechtenstein haben ein raffiniertes System des Geldversteckens entdeckt. Großlobbyist Holzer, der über Jahre hinweg viel Geld mit dem Handel von Palmkernöl verdiente, einem teuren Rohstoff für die Waschmittelproduktion, hat sich für seine Leuna-Aktivitäten eine schwindelerregende Konstruktion von Treuhandfirmen, Nummernkonten mit Unterkonten und diversen Bankverbindungen einfallen lassen. Zentrum seiner Finanzoperationen war die Delta International, zu der auch schon die Untersuchungsrichter in Paris und Genf vorgedrungen waren.

Die Ermittler in Liechtenstein kamen weiter. Sie haben nun das Überweisungs-gestrüpp hinter Delta aufgedeckt. Es besteht aus weiteren Stiftungen, zwischen denen die Leuna-Gelder häufig hin und her geschoben wurden. Der kurzlebige Bunch Trust etwa zeigt das Ausmaß der Schiebereien und die Methoden: Er verbuchte am 1. April 1993, kurz nach seiner Gründung, einen Eingang von knapp 34 Millionen Mark. Viel Geld, dessen Verbleib sorgfältig verschleiert wurde. Im September 1994 wurde der Trust in Euro Alliance umbenannt. Trotz aller Vertuschungsmanöver fanden die Fahnder in den Belegen die Abflüsse zu den deutschen Konten; ein weiterer Teil wurde nach Österreich und eine kleine Marge nach Frankreich transferiert, zum Beispiel auf das Konto einer Stiftung des französischen Elf-Beraters Hubert Le Blanc Bellevaux.

Schmiergeldstaat Deutschland?

Schmiergeldstaat Deutschland? Der Leuna-Deal, so viel scheint heute festzustehen, konnte nur mit Hilfe von Bestechungsgeldern eingefädelt werden. »Afrikanische Methoden« nennt man so was bei den einstigen Kolonialherren in Paris. Der ehemalige Elf-Chef Loïk Le Floch-Prigent musste bei seinem Prozess in Frankreich zugeben, dass Staatspräsident François Mitterrand den »Lobbying-Maßnahmen« in Deutschland – sprich dem Bestechen mit insgesamt 80 Millionen Mark – zugestimmt hat. So sollten zwei Milliarden Mark an Subventionen für das Leuna-Projekt aus der deutschen Staatskasse lockergemacht und zugleich verhindert werden, dass die Konkurrenz das Geschäft durch den Bau einer Pipeline verdirbt.

Die Deutschen sprachen bei den Verhandlungen mit Elf ihre Begehrlichkeiten offen an. »Soweit ich verstanden habe«, sagte der einstige Elf-Manager André Tarallo in einer Vernehmung aus, »kamen die Ansprüche von der CDU.« Ähnlich äußerte sich auch sein Kollege Jean-Claude Vauchez. »Wir haben«, sagte der Ex-Manager, »zum Zeitpunkt des Leuna-Geschäfts Spot-Zahlungen zugunsten deutscher Persönlichkeiten geschaffen.«

Die Manager von Elf haben sich auch selbst bedient. Le Floch und sein Genfer Statthalter Alfred Sirven wurden wegen Untreue und Unterschlagung zu Haftstrafen verurteilt. Von der Tochterfirma Elf International S. A. in Genf waren jahrelang im Zusammenhang mit Großprojekten in aller Welt Riesensummen an Schmiergeldern verteilt worden. Le Flochs Nachfolger Philippe Jaffré hatte nach seinem Amtsantritt 1993 in den Konzernkassen einen Fehlbetrag von rund einer Milliarde Mark entdeckt und mit einer Strafanzeige die Affäre ins Rollen gebracht.

Die deutsche Justiz

Was aber macht die deutsche Justiz? Die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Saarbrücken ist bisher nicht durch Arbeitseifer aufgefallen. Erst nach langem politischen Druck hatten die Saarbrücker Fahnder im Oktober 2000 den Fall Holzer übernommen – dreieinhalb Jahre nach Bekanntwerden der Leuna-Affäre. Ungewöhnlich: Die Ermittler gewährten Holzer gleich zu Anfang Akteneinsicht.

Das Angebot des Bundeskriminalamtes zur Mitarbeit seiner versierten Geldwäsche-Experten lehnten die Staatsanwälte ab. »Wir brauchen das BKA nicht«, sagt deren Sprecher Raimund Weyand. Auch an den Erkenntnissen ihrer Kollegen in Düsseldorf waren sie nicht interessiert. Die ermitteln im Zusammenhang mit den Honorarzahlungen des Thyssen-Konzerns in Höhe von einer Million Mark an dessen Leuna-Lobbyistin Agnes Hürland-Büning, Ex-Staatssekretärin aus dem Verteidigungsministerium. In Vaduz fragten die Saarbrücker Staatsanwälte ebenfalls nicht nach Akten. Im Fall Elf/Leuna, bestätigt Richter Lothar Hagen dem stern, »sind bis jetzt keine Rechtshilfeersuchen aus Deutschland eingetroffen«. Das stümperhafte Vorgehen der Saarbrücker Fahnde – Absicht oder Unfähigkeit?

Verkehrte Welt: Deutsche Staatsanwälte, scharfe Kritiker der Geldwäschepraktiken in Liechtenstein, haben nun in Vaduz den Ruf, an der Aufklärung der Leuna-Affäre nicht wirklich interessiert zu sein. Tatsächlich müssten sich die Ermittler mit mächtigen

Gegnern anlegen. Der 59-jährige Holzer ging während der Kanzlerschaft Helmut Kohls in den Bonner Zentralen der Macht ein und aus. Bei der Politprominenz von CDU/CSU und FDP genoss der Beziehungskünstler hohes Ansehen. Alle schätzten seine Fähigkeit, heikle Jobs raffiniert und, wenn nötig, auch ohne Spuren zu erledigen. Ob in China, Südafrika, Indonesien oder Europa – Holzers Verbindungen reichen meist bis in die Regierungsspitze. Dort vermittelte er häufig lukrative Aufträge an europäische Konzerne, gegen hohe Provisionszahlungen natürlich.

Vieles über ihn sind Mutmaßungen und Gerüchte. Der Mann mit einem Dutzend Wohnsitzen und Büros in Europa erledigte in den achtziger Jahren unter dem Decknamen Baumholder für den Bundesnachrichtendienst (BND) sensible Missionen im Libanon. Dort verfügt er über exzellente Beziehungen, er ist mit der gebürtigen Libanesin Souade Sahyoun, ei-ner Verwandten des ehemaligen Staatspräsidenten Amin Gemayel, verheiratet. Schwager Ibrahim Sahyoun, Zahnarzt aus Beirut und an Holzers Saarländer Wohnsitz Quierschied gemeldet, ist als Eigentümer der Delta International eingetragen. Auf ein Konto Sahyouns, über das Holzer selbst verfügungsberechtigt war, flossen rund 11,25 Millionen Dollar aus den Leuna-Töpfen.

Ein Geflecht von Beziehungen

Ein Geflecht von Beziehungen und alten Seilschaften, das bis in die Spitze der deutschen Politik reichte – und bis heute untrennbar mit einem der ganz großen Namen verbunden ist: Franz Josef Strauß, dem legendären CSU-Chef und bayerischen Ministerpräsidenten. Strauß sei für ihn, vertraute Holzer Freunden an, die wichtigste Person in seinem Leben gewesen. Das verbindet ihn auch mit Ludwig-Holger Pfahls, dem einstigen Staatssekretär aus dem Bundesverteidigungsministerium.

Die Spur führt von Holzer über Pfahls zu Karlheinz Schreiber, dem notorischen Lobbyisten, dessen Bargeldbündel die CDU-Parteispendenaffäre auslösten.

Wer Holzer nachstellt, trifft auf Menschen, die ein Spiel mit hohem Risiko betreiben und sich dabei gegenseitig stützen und helfen. So auch im Fall von Holger Pfahls. Der Verteidigungsstaatssekretär ist seit Mitte 1999 auf der Flucht. Er soll im Zusammenhang mit der Affäre um den Export der Spürpanzer nach Saudi-Arabien von Schreiber Bestechungsgelder kassiert haben. Ehe Pfahls, der einst das Büro von Franz Josef Strauß leitete, am 6. Juli 1999 in Hongkong abtauchte, hatte er noch eine Begegnung mit seinem Freund Holzer. Wenige Tage später traf beim Notar Joseph Schaefer im lothringischen Bitche eine Sendung mit Pfahls-Dokumenten ein, abgeschickt in Taipeh. Zwei Monate später beurkundete Schaefer, ein enger Freund Holzers, den Verkauf der Pfahls-Villa Mas Rayo an der Côte d¿Azur an den südafrikanischen Diplomaten »Rusty« Evans. Auch der ist durch viele Geschäfte mit Holzer gut bekannt.

Im Fall Leuna, erklärte Holzer dem Genfer Untersuchungsrichter Paul Perraudin, habe Pfahls keine Rolle gespielt, er habe nur »einen Termin im Bundeskanzleramt organisiert«. Für diesen Dienst »habe ich ihm 5000 Mark gezahlt«. Was Holzer bislang verschweigen konnte: Zwischen seinen Briefkastenfirmen und Pfahls flossen die Millionen nur so hin und her. Von den Konten des Pfahls-Briefkastens Vencor Properties Inc. wurden 1994 nach einem Perraudin-Bericht »bedeutende Beträge« in bar abgehoben und an den Notar Schaefer weitergeleitet. Das Geld war bestimmt für den Kauf eines Appartements in Paris. Zuvor aber war das Vencor-Konto in Luxemburg von Holzer aus der Leuna-Kasse mit 8,4 Millionen Francs (rund 2,5 Millionen Mark) aufgefüllt worden.

Trotz der Ermittlungen der Staatsanwaltschaften in Frankreich, Deutschland und der Schweiz fühlte Holzer sich offenbar lange sicher. Geschützt durch ein Kartell des Schweigens und die Diskretion der Liechtensteiner Treuhänder. »Den Leuna-Skandal gibt es nicht«, verkündete Holzer noch vor kurzem. Inzwischen dürfte ihm klar geworden sein, dass diese Legende nicht mehr lange halten wird. Bald werden die Ermittler wissen, wem die Konten in Deutschland gehören. Der Fall Leuna stünde vor der Aufklärung. Denn: Konten lügen nicht.

Leo Müller, Richard Rickelmann, Klaus Wirtgen / Mitarbeit: Paolo Fusi