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Österreich: Heuschrecke fährt Riesenrad

Um Österreich haben Hedge-Fonds und Finanzinvestoren bislang einen Bogen geschlagen. Jetzt will sich mit Blackstone einer der prominentesten Vertreter der Branche eines der populärsten Wahrzeichen des Landes schnappen.

Von Christian Höller, Wien

Das Wiener Riesenrad zählt zu den bekanntesten Wahrzeichen Österreichs. Dessen rote Gondeln drehen schon seit mehr als 100 Jahren über den Dächern der österreichischen Hauptstadt ihre Runden. Jetzt hat der Finanzinvestor Blackstone sein Interesse an der Übernahme des Touristenmagnets angemeldet. Der Kaufpreis könnte nach Schätzungen von Experten im dreistelligen Millionenbereich liegen. Das Wiener Wahrzeichen befindet sich seit dem Zweiten Weltkrieg im Familienbesitz.

Viele Wiener sind geschockt

Blackstone will die Wiener Touristenattraktion in die britische Tochter Merlin Entertainment eingliedern. Merlin ist weltweit der zweitgrößte Freizeitparkbetreiber und plant, Disney die Führung streitig zu machen. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg. Merlin zieht jedes Jahr 33 Millionen Besucher an. Disney kommt auf 100 Millionen.

"Vertreter von Merlin waren bei uns und haben ihr Interesse an einer Übernahme des Riesenrads bekundet", bestätigt Peter Petritsch, Betreiber und Miteigentümer des Riesenrads - ein Schock für viele Wiener.

"Finger weg vom Riesenrad"

Nur wenige können sich vorstellen, dass ein als "Heuschrecke" titulierter Finanzinvestor das Riesenrad übernimmt. Manche spötteln, dass sich Kaiser Franz Joseph I., zu dessen Thronjubiläum die Attraktion errichtet wurde, im Grab umdrehen würde. Lokalpolitiker befürchten, dass ein neuer Eigentümer zur Ertragssteigerungen Teile des Wahrzeichens mit Werbeflächen zupflastern könnte. "Finger weg von unserem Riesenrad", forderte Heinz-Christian Strache, Chef der oppositionellen Freiheitlichen Partei.

Eine Übernahme durch den Merlin-Konzern sei "durch und durch inakzeptabel". Strache begründet dies mit der britischen Inselkultur, die nicht zur Wiener Tradition passe. Die Briten hätten in London ihr eigenes Riesenrad. "Sie sollen unseres daher in Ruhe lassen", so Strache. Auch eine Vermietung des Riesenrads komme für ihn nicht infrage. Wenn das Beispiel Schule mache, würden als Nächstes Franzosen die Wiener Hofburg kaufen wollen.

Nach einer Schrecksekunde sagte eine Sprecherin der Stadt Wien, dass die Eigner des Riesenrads grundsätzlich frei verfügen können. Allerdings müsse sich auch ein neuer Besitzer an Auflagen des Denkmalschutzes halten. So sei darauf zu achten, dass sich das Riesenrad auch künftig harmonisch in das Stadtbild einfüge.

Weitere Attraktionen geplant

Merlin Entertainment will in Wien weitere Attraktionen aufbauen. Die Blackstone-Tochter betreibt derzeit 58 Freizeitparks auf drei Kontinenten. Zum Unternehmen gehört auch das Londoner Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds. Betreiber Peter Petritsch zeigt sich über eine Kooperation mit Merlin aufgeschlossen. "Ich begrüße es, wenn ein so anerkannter Betreiber kommt." Petritsch hält es für denkbar, dass vor dem Riesenrad ein Wachsfigurenkabinett von Madame Tussauds errichtet wird. Damit könnten Synergieeffekte mit dem Riesenrad erzielt werden. Vorstellbar wäre etwa eine Zusammenarbeit beim Ticketverkauf sowie bei der Werbung.

Einen Verkauf des Riesenrads schließt Petritsch derzeit aus. Es sei aber möglich, dass Merlin die Attraktion mietet. Beobachter gehen davon aus, dass die Besitzer des Wiener Riesenrads zunächst die Reaktionen in der Öffentlichkeit abwarten, bevor ein Abkommen mit Merlin geschlossen wird. Für die Blackstone-Tochter wäre die Partnerschaft mit dem Wiener ein wichtiger Schritt bei den Vorbereitungen für den Börsengang.

Der Freizeitparkbetreiber hatte im Vorjahr angekündigt, innerhalb der nächsten drei Jahre an die Börse zu gehen. Experten schätzen den Wert von Merlin auf mehr als drei Milliarden Euro.

FTD