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Playmobil: Invasion der Mondgesichter

Sie leben mitten unter uns. Zwei Milliarden sind es schon. Und täglich werden es mehr. Wie Playmobil mit seinen Plastikknilchen die Kinderzimmer erobert.

Von Rolf-Herbert Peters

Manche Besucher stelzen auf Zehenspitzen durch die Halle, um ja keines der unzähligen Kleinteile zu zertreten, die auf 5000 Quadratmetern verstreut liegen. Helles Kreischen zerrt an den Nerven, die Luft brodelt trotz Klimaanlage. 8900 Gäste sind heute in die fränkische Provinz gereist, um einmal richtig zu spielen: ein ganz normaler Tag im Playmobil-Funpark Zirndorf bei Nürnberg.

In der Piratenecke kniet eine junge Mutter am Boden und hält einen daumenlangen Playmobil-Seeräuber fest in der Hand. Mit gestrecktem Krummsäbel geht sie auf ihre Söhne los, als wollte sie Johnny Depp in "Fluch der Karibik" an die Wand spielen. Die Opfer verteidigen ihre Schatzkisten mit roten Wangen und einer braunen Kanone: "Peng, peng!" - vergebens. Überall in der überdachten Belustigungshalle beschäftigen sich Eltern und Kinder mit Spielzeug. In der Ritterburg, auf dem Wikingerschiff, im Märchenschloss, selbst an den ketchup-verschmierten Tischen des Restaurants.

Warum die nasenlosen Plastikknilche so anziehend wirken, kann kein Pädagoge überzeugend erklären. Mehr als Kopf und Hände drehen, die Arme einzeln und die Beine gemeinsam bewegen ist nicht drin. Der wahre Wert von Playmobil, so viel ist sicher, entsteht in der Fantasie der Kinder. Wohl deshalb konnte der Hersteller, die Geobra Brandstätter GmbH, binnen 32 Jahren über zwei Milliarden Figuren in alle Welt verkaufen. Somit leben auf der Erde anderthalbmal so viel Playmobil-Geschöpfe wie Chinesen.

Die Franken sind Meister

im Vermarkten. Ihr Systemspielzeug lässt sich spielend erweitern. Aus Elternsicht formuliert: Es ist Quengelware. "Das will ich haben, und das, und das auch", diktieren Kinder bei Durchsicht des Playmobil-Katalogs in den Wunschzettel: die "Große Königsritterburg" (158 Euro) zum Beispiel, das "Neue Puppenhaus" (115 Euro) oder die Eisenbahn "RCE mit Licht" (143 Euro). Wer's einmal hat, braucht stets Ersatz, denn die winzigen Schwerter, Pferdesättel oder Königskronen schluckt garantiert der Staubsauger.

Für Tantenbesuche und den kleinen Plastikhunger zwischendurch schnürt Geobra immer neue Päckchen, die weniger als 15 Euro kosten, Preisschmerzgrenze für Kindergeburtstage. Schenkwillige greifen blind zu: "Mit Playmobil kannst du pädagogisch nichts falsch machen", lautet die zu Allgemeingut mutierte Werbebotschaft.

Der Mann, dem Deutschlands

größter Spielwarenhersteller gehört (Marktanteil: 8,5 Prozent), ist 73 und heißt Horst Brandstätter. Er könnte einem Filmschwank der 60er Jahre entsprungen sein, so brummig, wie er hinter seinem Schreibtisch kauert und über den goldenen Brillenrand blinzelt. "Was wollen Sie?" Sennenhund Dino, der ihm ergeben zu Füßen liegt, blickt kurz auf. Dann kuschelt er sein Maul wieder neben die Badeschlappen, die Brandstätter zu Dutzenden besitzt und nur zum Schlafen auszieht.

1876 gründete sein Großvater, der Büchsenmacher Andreas Brandstätter, die Firma und fertigte Beschläge und Schlösser für Schatullen. Sohn Georg folgte ihm 1908, produzierte Spielzeug aus Holz und Metall und taufte das Unternehmen Geobra. Anfang der 50er Jahre übernahm Horst, und somit die dritte Generation, das Ruder. Er entdeckte den Kunststoff. Zunächst setzte er auf Plastikweinregale, -wasserski, -deckenpaneelen, -trettraktoren und -Hula-Hoop-Reifen. 1974, als Kunststoff wegen der Ölkrise teuer wurde, nahm er Figuren namens Playmobil ins Programm. Wenig Material, hoher Verkaufspreis, lautete sein Kalkül. Ursprünglich nannte er die Zwerge Klicky. Die Urgattung bildeten Ritter, Indianer und Bauarbeiter, Bierkästen inklusive.

Brandstätter erzählt, wie ihm seine Großmutter als Bub einmal "ein Fuffzgerl" geschenkt hat. Da ist er gleich runter nach Zirndorf und hat die Münze für ein Eis ausgegeben. Doch noch während er daran schleckte, überkam ihn die blanke Panik: "Jetzt hast du kein Fuffzgerl mehr!" Mit klebrigem Mund schwor er in den Sommerwind, nie mehr in seinem Leben ein Eis zu kaufen. "25 Jahre habe ich durchgehalten", bilanziert er ohne erkennbare Ironie. So etwas hängt nach: Wenn Hob, wie die Mitarbeiter ihn nennen, auf den Golfplätzen der Welt unterwegs ist, stopft er wie besessen herumliegende Tees, die kleinen Abschlagstiftchen, in die Hosentasche: "Es ist mir ein Rätsel, wie die Menschen so etwas wegwerfen können."

"Penny wise, pound foolish"

, lautet Hobs ökonomische Grundlehre, genügsam im Kleinen und doch verschwenderisch. Abgewetzte Tees sammeln, aber Millionen in Prestigeobjekte pumpen, selbst wenn sie sich niemals refinanzieren lassen wie das Hob-Center - die überdachte Playmobil-Halle. Sie ist so groß geraten, dass sechs Brandenburger Tore hineinpassen würden. Jede Themenkulisse darin kostet so viel wie ein Einfamilienhaus. Ein Monument seiner Schaffenskraft soll es sein. Manchmal, verrät ein führender Mitarbeiter, würden sie den alten Kauz am liebsten rücklings auf das Playmobil-Kamel schnüren und in die Wüste schicken. Dann aber schaudert er über seine eigenen Fantasien. Keiner der 2700 Mitarbeiter der Familienfirma weiß so richtig, wie es ohne den Patriarchen weitergehen soll.

Offiziell führt seit dem Jahr 2000 Andrea Schauer, 47, die Geschäfte. Brandstätter setzte die Marketingexpertin ein, weil er keinem seiner beiden Söhne die Aufgabe zutraute. Loslassen kann er deshalb noch lange nicht. Wenn er, wie stets seit 14 Jahren, im eigenen Palais auf der piekfeinen Jupiter-Insel vor Florida überwintert, gleich neben Golf-Champion Tiger Woods, faxt er an manchen Tagen bis zu 50 handgeschriebene Seiten mit Anweisungen und Ratschlägen in das Vorstandsbüro nach Zirndorf. "Ist der Frust am Schreibtisch zu groß", sagt Andrea Schauer, selbst Mutter eines 16-jährigen Sohnes, "gehe ich raus in den Park und schaue mir die rotwangigen Kleinen an. Dann geht's mir wieder gut."

Sie kann auf glänzende

Erfolge verweisen. Playmobil ist schuldenfrei und wächst seit Jahren, während der gesamte deutsche Spielzeugmarkt schrumpft. Große Namen wie Märklin oder Zapf Creation sind in Existenznöte geraten, Lego war ein Sanierungsfall. Die 250 Produkte von Playmobil, die weltweit im Handel sind, werden im laufenden Jahr rund 380 Millionen Euro Umsatz bringen, fünf Prozent mehr als 2005. Und ein mäßiger Gewinn springt trotz steigender Rohstoffpreise auch noch heraus. Kein Wunder, dass immer wieder Heuschrecken an der Tür in Zirndorf zirpen, um den saftigen Bissen zu schlucken. Vergebens - bislang jedenfalls.

"Die Zukunft wird nicht einfacher, wir müssen uns verdammt anstrengen", sagt Andrea Schauer. Playmobil ist für Drei- bis Achtjährige konzipiert, von denen es immer weniger gibt und die immer weniger spielen. Das Wachstumspotenzial liegt vor allem in Asien, in China, Indien und Japan, glaubt sie. Zurzeit verbucht überraschend auch der US-Markt ordentliche Zuwachsraten. Über Jahre hatte Brandstätter die Neue Welt von Jupiter Island aus fruchtlos beackert. Spielzeug für Generationen ließ sich im Wegwerfland USA bislang nur mit Mühe verkaufen.

90 neue Artikel hat Andrea Schauer in diesem Jahr in die Läden gebracht, die letzten im Oktober, darunter einen Tipp-Kick-Klon, ein Krankenhaus und ein Römerheer. 90 laufende Produkte, die am wenigsten erlösen, listete sie dafür aus. Die Innovationszyklen werden immer kürzer. Drei Jahre dauert es, bis eine neue Spielidee im Laden liegt.

In der 56-köpfigen Entwicklungsabteilung greift Maria Seidel zum virtuellen Schnitzmesser und arbeitet an einem Dino. Wenn alle Details am Computermonitor ausgereift sind, schickt sie die Daten auf einen Drucker, der dreidimensionale Handmuster fertigt. Ein paar Stunden dauert das. Früher arbeiteten Modellbauer tagelang an solchen Prototypen.

Der Playmobil-Chefentwickler heißt Bernd Hane, ist 57 Jahre alt und damit mindestens 49 Jahre von seiner Zielgruppe entfernt. Der gebürtige Westfale hat einst das Dekorateur-Handwerk beim Kaufhof gelernt. "Im Augenblick", sagt er, "fragen wir uns: Was bringen wir 2009?" Die Ideen entwickelt Hane mit seinem Team, ohne pädagogisches Fachpersonal zu bemühen. Die meisten, aber nicht alle, zünden: Die Themen Raumschiff und Dschungel verkauften sich schlecht, "die Kinder fanden keine Geschichte dazu". Cowboy und Indianer wiederum liegen in US-Regalen wie Blei.

Manchmal muss Hane außergewöhnliche Wünsche erfüllen. Zum Beispiel, wenn das Harald-Schmidt-Team anruft, weil der Meister bizarrer Inszenierungen in seiner Late-Night-Show Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt", die Nibelungen oder das süffige Leben des Franz Beckenbauer mit Playmobil erklären möchte. Da werden schon mal Sonderteile gefertigt, etwa durchsichtige Halterungen, um die werksmäßig nicht eben standhaften Akteure beim Dreh auf den Beinen zu halten.

60 Prozent der Playmobil-Artikel werden in Dietenhofen gut 20 Kilometer westlich von Zirndorf produziert. In Halle 4 widerfuhr Firmenchef Brandstätter im vergangenen Jahr ein fast religiöses Erlebnis, als die neue Produktionsstrecke eingeweiht wurde: "Ich sah keine Menschen, keine Teile, kein Material - nur Maschinen. Das war der glücklichste Tag in meinem Leben." Fast immer kommt Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymere (ABS) zum Einsatz, ein ungiftiger, über Jahrzehnte haltbarer Werkstoff in 600 verschiedenen Farben. Manchmal benötigen die Entwickler aber auch Spezialkunststoffe, etwa damit die Hand des Ritters "zugreift", wenn der Schwertgriff eingeklickt wird. Insgesamt fressen die Anlagen 16.000 Tonnen Rohmaterial pro Jahr.

In der modernsten Fabrik der Firma läuft seit Juni das Weihnachtsgeschäft. 100 blitzsaubere Spritzgussmaschinen, computergesteuert und über Schläuche mit farbigem Kunststoffgranulat gefüttert, spucken rund um die Uhr synthetischen Kleinkram aus. Hier fallen Reifen für das Polizeiauto, dort Rumpfteile für das Flugzeug. Im zweiten Arbeitsgang werden die Elemente bedruckt und schließlich von echten Menschen in Kartons verpackt. Jedes Paket wird am Ende gewogen, um sicherzustellen, dass kein Teil fehlt. Wenn die Waage bei der Burg nicht genau 7227 Gramm anzeigt, geht die Packung zurück zur Kontrolle. Die Playmobil-Männchen - gut 78 Millionen Stück im Jahr - laufen in einer Fabrik auf Malta vom Band.

Playmobil-Figuren sind

ebenso schlicht wie ausgefuchst konstruiert. Sie bestehen aus Kopf, Perücke, zwei Armen, Rumpf mit Innenteil und Beinpaar. Werden sie in der richtigen Reihefolge zusammengesetzt, genügt ein kräftiger Druck auf den Schädel, und alles klickt fest zusammen. Es geht sogar noch pfiffiger: Die neuen Spritzgussmaschinen in Dietenhofen sind so ausgereift, dass sie binnen 40 Sekunden sechs voll bewegliche Mini-Schimpansen in einer einzigen Form gießen können. Inzwischen reisen sogar Entwickler der Automobilindustrie an, um sich dieses Kunststück erklären zu lassen.

Jedes Detail über Playmobil wollen auch die Besucher im 500 Kilometer entfernten Congress-Park Wolfsburg wissen. Die "Playmo-Convention 2006" ist eröffnet, der Jahrestreff plastikverrückter Sammler aus ganz Europa. Sie sind alle gekommen: der Mann, der nächtelang aus zwei Piratenschiffen ein größeres gebastelt hat, das die Fans nun bestaunen. Die Frau, die ihr Gespartes rastlos in Raritäten steckt wie die 500 Euro teure Bestellnummer 3450, eine Ritterburg von 1977, originalverpackt, so muss es sein. Oder die Familie, die in Hunderten von Stunden den amerikanischen Bürgerkrieg detailgetreu mit Playmobil-Figuren nachgestellt hat.

Auch Frank Zilz, 40,

ist besessen. Er organisiert nicht nur den Treff, er zählt auch zu den abgefeimtesten "Customizern" der Szene. Solche Menschen gestalten Playmobil-Spielzeug nach eigenem Gusto um. Gleich am Eingang präsentiert er mit Kumpan Oliver Öhrlein, 38, die "Playmo Airbase", einen Armeeflughafen auf 20 Quadratmetern. Dabei sind Militaria mit zeitgeschichtlichem Bezug im Hause Playmobil tabu. Nicht für Zilz und Öhrlein. Sie haben Feuerwehrmänner zu Soldaten umgespritzt, Safari-Jeeps zu Blauhelm-Autos gewandelt, Kettenfahrzeuge aus Polarraupen gefertigt und Maschinengewehre aus Hausbauteilen zusammengebastelt. "Es sind ausschließlich Originalteile verarbeitet, das ist Customizer-Ehre", sagt Zilz. Nur Panzer, die fehlen noch. Nicht aus moralischen Gründen: "Es gibt schlicht kein Originalteil, das nur annähernd so aussieht."

Zurück in der Zirndorfer Zentrale. Es ist Mittag, als ein alter Mann mit einem Pappkarton unter dem Arm die Empfangshalle verlässt. Horst Brandstätter trägt, wie jeden Tag, einen Stapel Geschäftspost nach Hause. "Meine Hausaufgaben", die er nach dem Golfspiel zu erledigen gedenkt. Vom Funpark gegenüber schallt das helle Kreischen der Kinder herüber. In der Ferne leuchtet das Playmobil Inn in der Sonne, ein Familienhotel, das Hob für die Besucher bauen ließ. Sein Haus liegt gleich hinter dem Indianerdorf. Dort lebt er mit seiner zweiten Frau.

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