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ProSieben Sat1-Übernahme: Die Angst vor dem Medien-Kartell

Der größte Zeitungsverlag Europas schließt sich mit der größten Fernsehgruppe Deutschlands zusammen. Für Fachleute eine bedenkliche Entwicklung, die die Medienvielfalt gefährden könnte. Das Kartellamt jedenfalls wird den Deal sehr genau unter die Lupe nehmen.

Es war ein Paukenschlag in der deutschen Medienlandschaft: Am Donnerstag verkündete der Chef des Axel-Springer-Verlags ("Bild", "Welt", "Hörzu") die Übernahme der ProSieben Sat1-Gruppe - das größte Zeitungshaus Europas verleibt sich die größte deutsche Fernsehgruppe ein. Ein Coup, der nicht nur die deutschen Medien verändern werde, wie Fachleute orakeln.

Und das nicht unbedingt zum Besten, wie eine Reihe von SPD-Politikern glaubt. Sie haben sich besorgt über die geplante Fusion des Springer-Konzerns und der Privatsendergruppe geäußert. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Ludwig Stiegler, sagte dem "Spiegel", dies sei "eine sehr bedenkliche Konzentration von Meinungsmacht in einem konservativen Verlagshaus". Auch seine Fraktionskollegin Monika Griefahn sieht die Medienvielfalt in Deutschland gefährdet.

"Italienische Verhältnisse vermeiden"

Die Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien ist, sprach sich im Norddeutschen Rundfunk mit Nachdruck für eine stärkere Kontrolle der kommerziellen Sender aus: "Ich möchte auf jeden Fall vermeiden, dass wir Verhältnisse wie in Italien bekommen." Vor allem falle es ihr schwer, sich vorzustellen, dass es nach einer Übernahme von ProSieben Sat1 durch Springer nur noch zwei große private Medienunternehmen in Deutschland gebe.

Auch der Hamburger Journalistik-Professor Siegfried Weischenberg sieht die Übernahme skeptisch: Die "Verbindung von Fernseh- und Zeitungsmacht sehe ich sehr kritisch", sagte er der "Berliner Zeitung". Die Fusion werde zu einer international beispiellosen Medienkonzentration führen.

Sie gebe Springer "jetzt die Möglichkeit, mit Kampagnen und wechselseitiger Promotion zwischen Fernsehsendern und Tageszeitungen bestimmte Themen hochzuziehen und damit die öffentliche Meinung stark zu beeinflussen oder auch bestimmte Interessen zu vertreten". Bedenken kommen von den Mediengewerkschaften DJV und Verdi. "Eine solche Medienmacht in einer Hand ist verheerend für die Meinungsvielfalt in Deutschland", sagte der Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Michael Konken. Die Gewerkschaft Verdi forderte Regelungen der Konzentrationskontrolle für die gesamte Medienwirtschaft über Branchengrenzen hinweg.

Der Medienprofessor und SPD-Politiker Peter Glotz sieht durch die Übernahme dagegen keine medienrechtlichen Probleme. "Man kann in Deutschland keine medienökologische Insel in einem medienpolitischen Ozean machen", sagte Glotz der Tageszeitung "Die Welt". Er gehe davon aus, dass Bertelsmann und Springer künftig "heftig miteinander rivalisieren".

Kartellamt wird "vertieft prüfen"

Das Bundeskartellamt allerdings, das die Übernahme endgültig genehmigen muss, wird den Kauf ProSieben Sat1 durch den Springer-Verlag "vertieft prüfen". Der Präsident des Bundeskartellamts, Ulf Böge, sagte der "Süddeutschen Zeitung", es lägen zwei Sachverhalte vor, "die wir uns kartellrechtlich genau anschauen müssen". Dabei gehe es darum, welche Auswirkungen die Übernahme und Fusion auf den Werbemarkt im Fernsehen und den Lesermarkt bei Kaufzeitungen haben könne. Neu an diesem Vorhaben sei "eine crossmediale Verflechtung, die wir bisher in Deutschland so nicht kannten".

Der Fernsehwerbemarkt werde von zwei Familien dominiert - der RTL-Gruppe und der ProSieben Sat1-Gruppe. Da dürfe es keinerlei Verflechtungen geben, weil sonst selbst potenzieller Wettbewerb wegfiele. Nun habe aber die Europäische Kommission bei Druckereien Springer und Bertelsmann die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens erlaubt. Somit könnte also eine mittelbare Verflechtung der beiden TV-Familien entstehen, sagte Böge.

Mit Material von DPA/AP/Reuters / AP / Reuters