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Schwarzbuch Deutsche Bahn: Teure Tickets und brechende Achsen

Details zur Datenaffäre, Sicherheitsmängel und Klüngelei: ZDF-Journalisten haben in Schwarzbuch Deutsche Bahn schwere Vorwürfe gegen den Konzern erhoben. Die Bahn kontert: Die "angeblichen Enthüllungen" seien größtenteils aufgearbeitet.

Als der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix die Deutsche Bahn wegen der Datenaffäre zu einem Bußgeld von 1,1 Millionen Euro verdonnerte, zögerte der neuen Konzernchef nur kurz. Dann zahlte Rüdiger Grube - und verkündete das Ende der Affäre. Die Bahn habe "tiefgreifende Umstrukturierungen im Unternehmen vorgenommen, so dass derartige Fehlentwicklungen künftig ausgeschlossen sind", sagte er. Doch die Bahn kommt nicht aus der Kritik: Die Probleme mit den ICE-Achsen halten im Winter an, und die Berliner S-Bahn fährt noch lange nicht nach Fahrplan. In ihrem "Schwarzbuch Deutsche Bahn" erheben zwei ZDF-Journalisten nun schwere Vorwürfe gegen den Konzern.

Es ist ein großes Puzzle, das im Schwarzbuch vor allem aus Interviews mit Bahn-Mitarbeitern und internen Unterlagen des Unternehmens zusammengetragen ist: Pikante Details zur Datenaffäre, Berichte über die häufige Überlastung der Mitarbeiter und über Kumpanei zwischen Gewerkschaften und Bahn-Spitze. Es sind Berichte, die vermuten lassen, dass es zur neuen Unternehmenskultur, die Bahn-Chef Grube versprochen hatte, noch ein weiter Weg sein dürfte. Und die Autoren beschreiben auch, warum Bahnfahrer nicht nur in Ausnahmefällen mit Verspätungen oder Zugausfällen leben müssen und ihnen regelmäßig falsche oder zu teure Fahrkarten verkauft werden.

Eine Reservierung verkaufen, obwohl der Zug leer ist

So berichtet ein Schalterangestellter der Bahn im Schwarzbuch über die strikten Vorgaben für die Ticketverkäufer. "Wir sollen zum Beispiel jedem Kunden möglichst ein Erste-Klasse-Ticket verkaufen - auch wenn der Kunde nur eine Zweite-Klasse-Bahncard hat", sagt er. Es gebe die Anweisung, immer eine Reservierung zu verkaufen - "auch wenn klar ist, dass der Zug gähnend leer sein wird". Weitere Vorgaben gebe es etwa zum Verkauf von Reiseversicherungen. Würden auf diese Weise höhere Umsätze erzielt, erhielten die Vorgesetzten höhere Prämien.

Das Schwarzbuch greift zudem die - oft schon geäußerte - Kritik an mangelhafter Sicherheit bei der Bahn auf. Ein führender Gutachter etwa kritisiert, die bei aktuellen ICE-Modellen verwendeten Achsen seien "unterdimensioniert": Für die aktuellen Belastungen seien die Achsen nicht ausgelegt, sagt der frühere Vizechef des Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit, Vatroslav Grubisic. Er wirft der Bahn vor, aus dem Zugunglück von Eschede 1998 mit 101 Toten "nichts gelernt" zu haben. Die Bahn sei seit Jahren vor den risikobehafteten Achsen gewarnt worden, sagte Grubisic, der auch Gutachter der Staatsanwaltschaft für Eschede war.

Sicherheitsprüfer seien "ständig unterbesetzt"

Die Autoren des Schwarzbuchs Deutsche Bahn werfen der Bahn außerdem vor, die Wartungsintervalle bereits ab 2003 deutlich verlängert zu haben. Sie zitieren aus einem "streng vertraulichen Dokument", nach dem dadurch "die Leistung um 24 Prozent gesteigert" und die "Neuanschaffung von fünf ICE-Zügen vermieden" worden sei. Ein Wartungsingenieur der Bahn beklagt im Schwarzbuch, die Sicherheitsprüfer seien "ständig unterbesetzt". "Es wird auch nicht so gern gesehen, wenn man zu genau hinschaut", beschreibt er in dem Buch seine Arbeit. "Ich habe immer weniger Zeit für meine Arbeit, natürlich kann es da passieren, dass ich etwas übersehe."

Die Bahn wollte sich am Montag zu einzelnen Vorwürfen aus dem Schwarzbuch nicht äußern. Ein Konzernsprecher sagte lediglich, das Buch sei "sehr einseitig und ignoriert viele Fakten". Die "angeblichen Enthüllungen" seien bekannt und größtenteils auf- und abgearbeitet. Gerade der neue Bahn-Vorstand bestreite nicht, "dass bei der Bahn vieles besser werden kann und muss". Tatsächlich hat die neue Führung der Bahn unter Konzernchef Grube sich in vielen Fällen offiziell von den beschriebenen Missständen distanziert. Die Autoren des Schwarzbuchs kritisieren jedoch, der Konzern gehe die Probleme nicht mit der notwendigen Konsequenz an. Und viele im Schwarzbuch genannte Missstände gehen auf Sparmaßnahmen des Unternehmens zurück - den mit Blick auf den weiter geplanten Börsengang auch die neue Konzernführung fortsetzen muss.

Florian Oel/AFP / AFP