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Sergio Marchionne: Der überraschende Tod des Top-Managers - über ein Arbeitstier, das Fiat-Chrysler umkrempelte

Sergio Marchionne war der Manager, der für gleich vier Unternehmen die vergangenen 14 Jahre durcharbeitete. Kurz vor seinem Abschied ist er nun überraschend gestorben. Fiat Chrysler steht vor einer ungewissen Zukunft.

Sergio Marchionne schmiedete Fiat Chrysler zu einem Globalplayer um

Sergio Marchionne schmiedete Fiat Chrysler zu einem Globalplayer um

DPA

Sein höchstes Ziel hat Sergio Marchionne nicht erreicht: Er wollte Fiat zum Apple der Automobilindustrie machen. Trotzdem hat der internationale Topmanager bei dem Konzern Geschichte geschrieben. Er schmiedete aus zwei Sanierungsfällen der Autoindustrie ein gewinnträchtiges Unternehmen unter dem Namen Fiat Chrysler.

Plötzlich rückten seine so berüchtigten Eigenschaften als Spitzenmanager in den Hintergrund, und der Mensch Sergio Marchionne wurde sichtbar - immerhin ein bisschen. Schon Tage bevor sein Tod am Mittwoch mitgeteilt wurde, wurde der Italo-Kanadier gewürdigt, als Visionär, als Menschenversteher. Als einer der zuhört und großzügig ist. Zuvor war der frühere Konzernlenker bei dem italienisch-amerikanischen Autobauer Fiat Chrysler (FCA) und der Tochter Ferrari für seinen kompromisslosen und teils rücksichtslosen Ehrgeiz bekannt. Dass ausgerechnet eine schwere Erkrankung sein Karriereende markierte, schockierte die Wirtschaftswelt. Marchionne wurde 66 Jahre alt. 

Sergio Marchionne rettete das Unternehmen aus höchster Not

Der Abgang des Fiat-Chefs war eigentlich anders geplant: Der gebürtige Italiener mit kanadischem Pass hatte noch Ende Juni die Schuldenfreiheit von Fiat Chrysler verkündet. 2019 wollte er das Unternehmen verlassen und seine Nachfolge geregelt haben. Er hatte gar schon einen Fünf-Jahres-Plan in der Tasche.

2004 kam Marchionne zu dem kriselnden Turiner Großkonzern Fiat und richtete das Unternehmen komplett neu aus. Er baute die Bürokratie ab und halbierte die Entwicklungszeiten für neue Modelle. 2007 sagte er: "Ich will, dass Fiat zum Apple der Autos wird. Und der 500 wird unser iPod." Ganz so weit ist es nicht gekommen - aber die Fusion mit Chrysler 2014 zählt zu einem seiner größten Verdienste. Ihm gelang es, aus den zwei schwer angeschlagenen Konzernen Fiat und Chrysler einen globalen Player der Automobilindustrie zu machen.

Der Italo-Kanadier galt als Arbeitstier. Mit Unmengen von Espressi und Zigaretten soll sich der Manager wachgehalten haben, um das enorme Arbeitspensum zu stemmen. Der Mann war ständig auf Achse, musste er doch zwischen Detroit, Turin und der Fiat Chrysler Zentrale in London im Jet pendeln. Damit nicht genug: Er war auch Chef von Ferrari und leitete den Nutzfahrzeughersteller CNH. Die Familie Agnelli hatte Marchionne zudem in den Vorstand ihrer Holding Exor berufen, um ihre zahlreichen Firmenbeteiligung zu orchestrieren - darunter auch eben Fiat Chrysler.

Sergio Marchionne gab sich nie mit dem momentanen Erfolg zufrieden

Zum Markenzeichen wurden Marchionnes dunkle Strickpullover, die er lieber trug als Anzüge. Einige Kommentatoren bezeichneten ihn deshalb sogar als Stilikone. "Der Tag, an dem ich eine Krawatte tragen werde, wird ein großer Tag sein", sagte er einmal.

Im Juni war es soweit, als Marchionne verkündete, Fiat Chrysler von den Schulden befreit zu haben. Erfolg war für Marchionne, der sich selbst als bodenständig beschrieb, nicht selbstverständlich und vor allem begriff er ihn nicht als dauerhaft, sondern als etwas, das man sich Tag für Tag erarbeiten muss.

Keine eigene Entwicklung für E-Autos

Denn die Zukunft von Fiat Chrysler steht durchaus zur Debatte. Zwar macht  das Unternehmen wieder leicht Gewinne. Dieser Umstand ist aber vor allem der Tochter Jeep zu verdanken. Die hatte Marchionne geschickte als SUV-Marke positioniert. Laut der "WirtschaftsWoche" verfügt der Konzern aber über keine eigenen Entwicklungen im Bereich vernetzte Autos oder E-Mobility. Die Konkurrenz in Deutschland und den USA sei da weiter.

Bis kurz vor seinem Tod soll Marchionne  auf der Suche nach weiteren Partnern gewesen sein, um diese Scharte auszuwetzen. Seine Eigenschaft als jemand, der nie den Status quo akzeptiert hätte und nie mit einem "gut genug" zufrieden war, sei in die Unternehmenskultur von Fiat Chrysler übergegangen, sagte Fiat- und Ferrari-Präsident John Elkann kurz vor Marchionnes Tod.

Die Baustellen für seinen Nachfolger sind gewaltig. Der ist niemand anderes als der bisherige Jeep-Boss Mike Manley. Ob er nach der Sanierung des Konzerns Geld auftreiben kann, um den Rückstand zur Konkurrenz aufzuholen, ist fraglich. Wohin sich der Konzern entwickeln soll, steht in den Sternen. Marchionne gestand noch im Juni ein, dass es eine Gebrauchsanweisung für die Zukunft nicht gebe.

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sos / DPA / AFP