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Fiat-Chef Marchionne: Harter Hund im weichen Pullover

Lässiger geht's nicht: Deutschland bangt um die Arbeitsplätze bei Opel, mit ernsten Mienen mühen sich deutsche Politiker in Nadelstreifen um Rettung. Und dann taucht Fiat-Chef Sergio Marchionne, der vermeintliche Opel-Fresser, mit Maserati und im Pullover auf. Wer ist dieser Mann? Und was für ein Manager ist er? Eine Annäherung.

Von Frank Janßen

Der Pullover ist seine Masche. Sein Markenzeichen. Das des netten Chefs, der sich mal am Kinn kratzt, mal die Nase rubbelt und bei Tisch auch mal die strenge Etikette ignoriert. Er tritt nicht auf wie ein Pfau, das lullt Verhandlungsgegner schon mal ein, bevor es so richtig los geht. Doch die, die ihn kennen, wissen: Der 56-jährige Sergio Marchionne, der im Juni 2004 von Fiat-Präsident Luca di Montezemolo und den Erben der Agnelli-Familie an die Spitze von Italiens größtem Konzern gesetzt wurde, ist ein knallharter Hund. Die ersten zwölf Monate, so erzählt man sich respektvoll, regierte er Fiat mit dem Schwert - nicht mit dem Skalpell. Er hat verkrustete Strukturen aufgebrochen und viele neue, junge Leute installiert. Die seien die Zukunft von Fiat, sagt er. "Ich bin bloß ein alter Knacker."

Das macht sein Charisma aus. Er kann motivieren, ja, verführen. Der Nachwuchs schaut auf zu Führungskräften, die ihre eigene Leistung kleinreden, und die unkonventionell sind, weil sie laut Maria Callas hören und bequeme Pullover tragen statt Nadelstreifenanzügen. Dennoch gibt es in Turin keine Zweifel, wer der Chef im Laden ist. Sergio Marchionne natürlich, der Workaholic, der sich auch in Details einmischt. Wer ihn unterschätzt hat, ist heute nicht mehr dort - oder gehört inzwischen zu seinen Bewunderern.

In der Sache ist Marchionne wohl härter als die meisten Anzugträger, denen er jemals begegnen wird. Keine Konferenz ohne Zahlen. Pressekonferenzen bestreitet er gern allein, auch wenn Führungskräfte, an die er delegieren könnte, gleich dutzendfach anwesend sind. Da kommt er zum Vorschein, der Machtmensch Marchionne. Der 1952 in Italien geborene und in Kanada aufgewachsene Spitzenmanager verkörpert die Mischung aus glasklarer amerikanischer Business-Ansage und italienischer Schlitzohrigkeit.

Dieser Mann weiß, dass sich mit der Übernahme von Opel und Chrysler die einmalige Gelegenheit bietet, Fiat zu festigen. Denn langfristig ist der Konzern zu klein. Marchionne selbst war es, der prophezeit hat, die Zukunft biete nur Platz für sechs große Autokonzerne weltweit. Er wird alles daran setzen, nicht die Nummer sieben zu sein.

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