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Shell-Chef zu Biosprit-Desaster: "E10 ist unser Stuttgart 21"

Der Deutschland-Chef von Shell, Peter Blauwhoff, macht eine Protesthaltung der Autofahrer für den Boykott des Biosprits E10 verantwortlich. Selbst der Staat meidet das Öko-Benzin: Die Fahrer des Innenministeriums dürfen kein E10 tanken.

Die Mineralölkonzerne werden nach Schätzung des Deutschland-Chefs von Shell, Peter Blauwhoff, nicht die vorgeschriebene Biokraftstoff-Quote erreichen. Es sei "ganz und gar unmöglich geworden, die Quote in diesem Jahr zu erreichen", sagte er dem "Tagesspiegel". 6,25 Prozent der Gesamtmenge des dieses Jahr verkauften Kraftstoffs muss Biokraftstoff sein. Erreichen wollten die Tankstellen das nicht über den Verkauf reinen Biosprits, sondern über die Beimischung von zehn Prozent Ethanol in dem umstrittenen neuen Superbenzin E10.

Derzeit tankten die Autofahrer ungefähr soviel E10 wie herkömmlichen Kraftstoff mit nur fünf Prozent Biokraftstoff-Beimischung, sagte Blauwhoff. Geplant habe die Mineralölindustrie mit 90 Prozent E10. Bleibe es beim bisherigen Tankverhalten, kämen auf die Tankstellen daher Strafzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe zu.

Selbst in Bundesbehörden stößt der neue Biosprit E10 auf Skepsis. Die Dienstfahrzeuge des Innenministeriums werden bislang nicht mit dem umstrittenen Biokraftstoff betankt. Man wolle erst prüfen, "ob Teile des Fuhrparks E10-tauglich sind", sagte ein Sprecher dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Gleiches gelte für die dem Innenminister unterstellten Behörden, also auch für die Bundespolizei. Das Ministerium befürchte zudem, dass Einsatzfahrzeuge des Technischen Hilfswerks (THW) den Biosprit möglicherweise nicht vertragen, hieß es.

Protesthaltung gegen die neue Benzinsorte

Für die Ablehnung von E10 durch die Autofahrer machte Blauwhoff nicht Unwissen über die Verträglichkeit verantwortlich, sondern "eine Protesthaltung". "Ich bin verwundert. E10 ist unser 'Stuttgart 21'", klagte der Shell-Deutschland-Chef. Die Gesetzgebung sei "ordnungsgemäß durch alle demokratischen Schritte gegangen", betonte er. Trotzdem werde sie "faktisch zu Fall gebracht".

E10 ist umstritten, weil einige Motoren die höhere Ethanolbeimischung nicht vertragen. Viele Autofahrer scheuen sich daher seit Beginn davor, den neuen Kraftstoff zu tanken und weichen stattdessen auf das teurere Super Plus aus, das nur fünf Prozent Ethanol enthält. Außerdem rät die Mehrheit der Autohäuser ihren Kunden von E10 ab. Nach einer Umfrage des Leasingfinanzierers LeaseTrend bei 100 großen Autohändlern geben 63 Prozent der Betriebe an, ihren Kunden von dem Biosprit abzuraten. Die Händler befürchten anscheinend, für eine mögliche Fehlbetankung in Haftung genommen zu werden. Zudem ist auch der ökologische Effekt des sogenannten Biosprits umstritten. Umweltschützer befürchten einen Verdrängungseffekt zu Lasten des Anbaus von Lebensmitteln und eine Zerstörung von Wäldern und anderen Naturräumen.

kra/AFP/DPA / DPA