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Showdown in Hannover: Beschäftigte wüten gegen Vorstandschef

Dienstag geht es bei Conti in Hannover zur entscheidenden Verhandlungsrunde über das Aus für die Pkw-Reifenfertigung. Die Beschäftigten haben ihren Schuldigen schon gefunden.

"Raupe Nimmersatt macht unsere Arbeitsplätze platt" oder "Wir wehren uns", stand auf Plakaten, die wütende Beschäftigte bei klirrender Kälte vor der Continental-Zentrale in die Höhe hielten. Die Wogen gingen hoch am Tag dem alles entscheidenden Treffen bei Conti. Zielscheibe der massenhaften Proteste war erneut Vorstandschef Manfred Wennemer. Am Dienstag treffen sich Vorstand und Arbeitnehmerseite zur voraussichtlich entscheidenden Verhandlungsrunde über das Aus für die Pkw-Reifenfertigung in Hannover-Stöcken - am Montag kannte die Wut über die Unternehmensführung keine Grenzen.

Stillegung spätestens Mitte 2007

Wennemer will die Pkw-Reifenproduktion in Stöcken spätestens Mitte 2007 stilllegen. Gewerkschaft und Betriebsrat fordern zumindest einen zeitlichen Aufschub bis Ende 2007, wie dies in der Betriebsvereinbarung im Frühjahr 2005 vereinbart worden sei. Zudem will die Arbeitnehmerseite eine konkrete Perspektive für die 320 Beschäftigten sowie ein Standortkonzept für Stöcken. Insgesamt arbeiten dort rund 3000 Conti-Beschäftigte.

"Das ist eine Riesen-Sauerei", kommentierte Conti-Mitarbeiter Klaus Lessmann in Hannover den Kurs Wennemers. "Erst werden Verträge geschlossen, um Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, danach wird die Belegschaft reduziert." Wennemer sei ein "großer Ganove", wettert Christian Walter. Er ist einer von 320 Beschäftigten, die von der Schließung der Pkw-Reifenfertigung in Stöcken betroffen sind. Erst im Frühjahr 2005 hatten die Beschäftigten einer Betriebsvereinbarung etwa über längere Arbeitszeiten zugestimmt - diese hatte Wennemer gekündigt.

"Nur eine Frage der Zeit"

Auch andere Beschäftigte fürchten nun um ihren Job. "Es ist nur eine Frage der Zeit, wann andere dran sind", sagte Annette Schuster, die bei Conti in Hannover arbeitet, aber nicht direkt von der Schließung der Pkw-Reifenfertigung betroffen ist.

Rund 4000 bis 4500 Mitarbeiter nahmen alleine an der Kundgebung vor der Zentrale teil, insgesamt beteiligten sich nach Gewerkschaftsangaben rund 30.000 Mitarbeiter an den 26 deutschen Conti-Standorten an einem bundesweiten Aktionstag. Auch Vertreter der Politik mischten sich unter die Protestierenden vor der Conti-Zentrale. Es könne nicht sein, dass ein gesunder Standort geschlossen werde, kritisierte der CDU-Landtagsabgeordnete Max Matthiesen, Landeschef des Unions-Arbeitnehmerflügels CDA. Der Aktienkurs von Continental sei auf einem Höhenflug. "Das ist verrückt."

"Löhne wie in Bali"

Der Verhandlungsführer der Gewerkschaft IG BCE bei den Stöcken- Verhandlungen, Werner Bischoff vom Hauptvorstand, schimpfte: "Es kann nicht sein, dass Vorstandsgehälter steigen wie in den USA und Löhne wie in Bali." Der Konflikt habe eine "politische Dimension" angenommen. Es sei ein "Skandal", Arbeitsplätze zu opfern, weil der Profit nicht groß genug sei. Die "falsche Unternehmensentscheidung", die Pkw-Reifenfertigung in Stöcken zu schließen, müsse zurückgenommen werden.

Doch dies dürfte - wie beim Streik der AEG-Beschäftigten in Nürnberg - mehr als unwahrscheinlich sein. Denn Wennemer hat eine Rücknahme des Schließungsbeschlusses wiederholt strikt abgelehnt. Die Produktion in Stöcken sei die kleinste und insgesamt auch die teuerste, das Wachstum in der Reifensparte sei geringer ausgefallen als erwartet, argumentiert der Vorstand. Das Unternehmen kommentierte den bundesweiten Aktionstag am Montag nicht. Am Sonntag hatte ein Unternehmenssprecher betont, das Unternehmen sei nach wie vor an einer einvernehmlichen Lösung interessiert. Aus Conti-Sicht gebe es dazu "Varianten". Wie diese aussehen könnten, blieb offen.

Simone Haserodt und Andreas Hoenig/DPA / DPA