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Übernahmegespräche: Conti-Aktie schießt in die Höhe

Es wäre der Übernahme-Coup des Jahres in Europa: Die Schaeffler-Gruppe will den wesentlich größeren Reifenhersteller Continental schlucken. Die Übernahmespekulation ließ den Aktienkurs von Conti sprunghaft steigen. Schaeffler muss allerdings mit Widerstand rechnen.

Das fränkische Familienunternehmen Schaeffler muss bei einer Übernahme des knapp dreimal größeren Autozulieferers Continental mit Widerstand rechnen. Sollte Schaeffler versuchen, den Reifenhersteller von der Börse zu nehmen und zur Finanzierung Conti-Firmenteile zu verkaufen, würden sich Management und Arbeitnehmer wohl quer stellen. Conti und der Wälzlagerhersteller bestätigten ein erstes Gespräch, was an der Börse für ein Kursfeuerwerk sorgte. Die Conti-Aktie legte um 22 Prozent auf 65,80 Euro zu.

Widerstand der IG Metall

Conti-Chef Manfred Wennemer hatte in der Vergangenheit stets Offenheit gegenüber freundlich gesinnten Investoren signalisiert. "Sobald die Schaeffler-Gruppe ihre Überlegungen substantiiert hat, wird der Vorstand der Continental AG diese prüfen", hielt sich Conti am Montag die Antwort auf das Werben offen. Einen Verkauf etwa der zuletzt etwas unter Druck geratenen Reifensparte dürfte Wennemer aber zu verhindern suchen. Die IG Metall kündigte harten Widerstand gegen die erste Übernahme eines Dax-Konzerns durch ein Familienunternehmen an.

Zeitungsberichten zufolge will der Autozulieferer aus Herzogenaurach bei Nürnberg Conti für etwas mehr als zehn Milliarden Euro schlucken und von der Börse nehmen. Hinzu komme die Übernahme von Schulden von rund elf Milliarden Euro. Branchenexperten rechnen allerdings mit einem deutlich höheren Kaufpreis. "Mindestens 80 bis 100 Euro je Aktie müssten es wohl sein, das entspricht 13 bis 16 Milliarden Euro", sagte NordLB-Analyst Frank Schwope. Auch andere Analysten nannten Werte zwischen 75 und 100 Euro je Aktie.

Noch kein Angebot

Die Übernahme wäre die größte in Europa in diesem Jahr und die größte in der Autobranche mit deutscher Beteiligung seit der Chrysler-Übernahme durch Daimler vor zehn Jahren. Laut "Financial Times" organisiert die Royal Bank of Scotland (RBS) die Finanzierung für Schaeffler. Branchenexperten halten auch ein Zusammengehen von Schaeffler mit einem anderen Konzern für möglich - etwa einem Reifenhersteller, der dann das Gummi-Geschäft von Conti übernehmen könnte.

Ein Angebot liegt Conti bislang nicht vor. "Die Continental AG bestätigt, dass am Ende der vergangenen Woche ein erstes, kurzes Gespräch über ein mögliches Engagement der Schaeffler-Gruppe an Continental stattgefunden hat", teilte Conti lediglich mit. Weitere Gespräche habe es nicht gegeben. Ein Schaeffler-Sprecher sagte: "Sicherlich werden noch weitere stattfinden."

VDP macht Conti Probleme

Schaeffler kommt der Verfall des Conti-Aktienkurses zupass. 2007 hatte sich das Papier des weltweit viertgrößten Autozulieferers um die Hälfte verbilligt. Conti war an der Börse am Freitag rund 8,7 Milliarden Euro wert, am Montag stieg der Börsenwert auf fast elf Milliarden. Der Konzern kämpft mit der Integration der von Siemens übernommenen Autoelektroniksparte VDO, mit einer lahmenden Konjunktur etwa in den USA und mit steigenden Rohstoffkosten. Die Conti-Papiere sind breit gestreut.

Während Finanzanalysten in dem Zusammenschluss vor allem für Schaeffler Sinn sehen, hagelte es von Arbeitnehmerseite Kritik. "Wir werden mit allen Mitteln verhindern, dass ein völlig intransparentes Unternehmen möglicherweise die Continental AG übernimmt und zerschlägt", sagte der niedersächsische Bezirksleiter der IG Metall und Conti-Aufsichtsrat, Hartmut Meine. Der bayerische IG-Metall-Chef Werner Neugebauer sagte: "Beim Essen kann man sich auch verschlucken." Skepsis auch bei der niedersächsischen Landesregierung. Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) sagte dem "Handelsblatt": "Wir betrachten die Entwicklung sorgenvoll."

Machtkampf vor FAG-Übernahme

Die Schaeffler-Gruppe setzte 2007 mit 66.000 Mitarbeitern 8,9 Milliarden Euro um. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" führt die alleinigen Eigentümer Maria-Elisabeth und Georg Schaeffler auf Platz 104 der reichsten Menschen der Welt mit einem Vermögen von 8,5 Milliarden Dollar (5,4 Mrd Euro).

Conti und die 2007 von Siemens für elf Milliarden Euro übernommene VDO kamen 2007 auf Umsätze von zusammen 26,4 Milliarden Euro. Schaeffler hatte 2001 mit der Übernahme des damals im MDax gelisteten Wälzlagerherstellers FAG Kugelfischer Furore gemacht. Gegen den anfänglichen Willen des FAG-Managements setzte Schaeffler die Übernahme in einem fünfwöchigen Machtkampf durch. Damit war erstmals einem privat geführten Unternehmen aus Deutschland eine feindliche Übernahme gelungen.

Die von Maria-Elisabeth Schaeffler kontrollierte Schaeffler-Gruppe ist der weltweit zweitgrößte Wälzlager-Konzern. Der familiengeführte Konzern fertigt Lager unter anderem für Maschinen, Anlagen, die Automobilindustrie sowie die Luft- und Raumfahrt. Im Jahr 2007 erwirtschaftete die Schaeffler-Gruppe mit ihren drei Marken INA, LuK und FAG und ihren weltweit 86.000 Beschäftigten einen Umsatz von 8,9 Milliarden Euro.

Der Continental-Konzern gehört mit einem anvisierten Umsatz von mehr als 26,4 Milliarden Euro im Jahr 2008 weltweit zu den fünf führenden Automobilzulieferern. Zu den Produkten zählen Bremssysteme, Systeme und Komponenten für Antrieb und Fahrwerk, Instrumentierung, Infotainment-Lösungen, Fahrzeugelektronik und Reifen. Das Unternehmen beschäftigt derzeit rund 150.000 Mitarbeiter an nahezu 200 Standorten in 36 Ländern.

In den vergangenen Wochen hatte es mehrfach Marktspekulationen über einen Übernahmeinteressenten gegeben. Im Jahr 2006 war Continental bereits ins Visier von Finanzinvestoren geraten.

Der an der Börse als "weißer Ritter" gehandelte Stuttgarter Elektronikkonzern Bosch wollte sich nicht dazu äußern, ob er ein Gegengebot für Conti abgeben würde. Allerdings dürfte Bosch damit bei den Kartellbehörden auf Widerstand stoßen. Schon eine Übernahme der - letztlich von Conti geschluckten - VDO wäre vom Kartellamt wegen überlappender Geschäftsbereiche nicht genehmigt worden.

Reuters/DPA / DPA / Reuters