Siemens "Lange Kaffeepausen im luftleeren Raum"


Seit die Führungsspitze von Siemens implodiert ist, kommt zur Verunsicherung durch die Schmiergeldaffäre auch noch ein Führungsvakuum hinzu. Nach außen vermittelt der Konzern Normalität, innen brodelt es.
Von Thomas Fromm

In der alten Siemens-Zentrale am Münchner Wittelsbacher Platz soll alles seinen gewohnten Gang gehen. Termine werden gemacht, Aktenordner verschoben, Presseeinladungen verschickt. "Siemens-Werk Berlin feiert die Fertigstellung der größten Gasturbine der Welt", meldete der Konzern am Donnerstag. Als ob eine Gasturbine bei Siemens zurzeit ein Grund zum Feiern wäre.

Alles andere als normal

Der Konzern ringt um Normalität. Doch was sich hinter der im dezent-barocken, altrosa getünchten Fassade abspielt, ist alles andere als normal. Wie auch, in Zeiten, in denen niemand weiß, ob Vorstandschef Klaus Kleinfeld bis zum Ablauf seines Vertrags Ende September an Bord bleibt - oder schon nächste Woche weg ist.

"Wir dürfen jetzt kein Vakuum entstehen lassen", macht ein Manager sich selbst und seinen Kollegen Mut. "Aufträge werden weiterhin abgewickelt, denn das Geld muss verdient werden. Und die Auftragsbücher sind ja voll", heißt es. Kollegen hingegen berichten von einer laxen Arbeitshaltung, die sich neuerdings im Unternehmen breitmache. Von endlosen Kaffeepausen, in denen diskutiert werde, "wie es weitergeht und was Aufsichtsratschef Gerhard Cromme jetzt vorhat".

Alles steht still

Seit Mitte November die Ermittler in der Siemens-Zentrale anrückten und der Schmiergeldskandal ins Rollen kam, ist für die Siemensianer nichts mehr, wie es mal war. "Die Leute sind jetzt abwartend, irgendwie gelähmt", sagt der leitende Angestellte eines Siemens-Bereiches im Raum Erlangen-Nürnberg: "Zuerst waren es die Compliance-Leute, die die Büros durchpflügten. Das sorgte schon dafür, dass Vieles einfach stillstand. Inzwischen sitzen wir im luftleeren Raum."

Alte Gräben werden tiefer in diesen Tagen. So wie der unsichtbare Riss, der schon immer zwischen dem Wittelsbacher Platz und dem Rest des Unternehmens verlief. Auf der einen Seite die Konzernzentrale mit ihren vielen Vorständen und Vorschriften. Auf der anderen Seite die zehn Siemens-Sparten mit ihren eigenen Bereichsvorständen und -fürsten. Und die schon immer der Meinung waren, dass es jede Einzelne der milliardenschweren Sparten auch genauso gut ohne die Einmischungen der Zentrale schaffen würde.

Siemens - Welten weit auseinander

Seitdem bekannt wurde, dass der neue Aufsichtsratschef Gerhard Cromme den zehnköpfigen Konzernvorstand verkleinern und die Bereiche aufwerten will, liegen die beiden Siemens-Welten noch weiter auseinander. Denn die Karten werden neu gemischt. "Die Bereichsvorstände sind im Moment erstaunlich ruhig", berichtet etwa ein Konzerninsider. "Sie halten sich zurück und hoffen, dass sie durch den möglichen Konzernumbau bald noch wichtiger und mehr Macht haben werden."

Doch noch kennt keiner die neuen Spielregeln. Noch ist Klaus Kleinfeld Siemens-Chef. Aber hat er noch Autorität? "Diejenigen, die mit ihren Bereichen die Margenziele erreicht haben und gute Zahlen vorweisen, interessiert das alles nicht mehr", sagt ein Manager. "Diejenigen, deren Zahlen nicht in Ordnung sind, spielen jetzt auf Zeit. Denn die Führungskrise hat ihnen eine Verschnaufpause gegeben."

Ewig wird diese Verschnaufpause nicht anhalten, das wissen alle. Und dann wird sie kommen - die Angst vor der Zukunft. "Schon jetzt befürchten viele, dass Siemens eines Tages zerschlagen werden könnte", sagt ein Mitarbeiter.

FTD

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