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Siemens-Affäre: Gehen Sie in Rente, Herr von Pierer!

Siemens versinkt im Korruptionssumpf - doch starrsinnig hält der langjährige Firmenboss Heinrich von Pierer an seinem Amt als Aufsichtsratschef fest. Er habe getan, was er konnte, sagt der 65-Jährige. Tja, hat leider nicht gereicht.

Ein Kommentar von Frank Thomsen

Er fehlte selten, wenn ein Bundeskanzler in den vergangenen Jahrzehnten längere Auslandsreisen zum Wohle der deutschen Wirtschaft unternahm. Sein Name fiel ernsthaft, als ein Nachfolger für Bundespräsident Johannes Rau gesucht wurde. Er berät Angela Merkel in Sachen Innovation. Heinrich von Pierer, 65, lange Vorstands- und heute Aufsichtsratschef von Siemens, ist seit langem einer der einflussreichsten Manager der Deutschland AG.

Korruptionssumpf, der täglich tiefer wird

Seit ein paar Wochen ist er auch ihr größtes Problem. Der Konzern, den er bis vor zwei Jahren leitete, steckt in einem Korruptionssumpf, der beinahe täglich tiefer wird. 420 Millionen Euro sollen in den vergangenen sieben Jahren im Ausland als Schmiergeld verwendet worden sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Ex-Vorstand Thomas Ganswindt sitzt in U-Haft. Im Zusammenhang mit der Affäre tauchen Begriffe auf wie schwarze Kassen und geheime Konten.

Und was hat der ehrbare Kaufmann Heinrich von Pierer mit dem ganzen Schmutz zu tun, der zu großen Teilen aufgehäuft wurde in der Zeit, als er Siemens-Chef war? Nichts! Gar nichts! "Ich habe mir nichts vorzuwerfen", sagte er in einem Interview. Er habe von den Vorgängen nichts gewusst. Und deshalb will er auch Aufsichtsratsvorsitzender bleiben und die interne Aufklärung gleich selber mit betreiben. So klärt von Pierer auf, was in der Zeit von Pierers so alles schief lief.

Alle wußten es - bis aus die Putzfrau und von Pierer

Der ehemalige Chefbuchhalter des Konzerns hat ausgesagt, dass alle im Konzern von den Schmiergeldzahlungen gewusst hätten "außer vielleicht die Putzfrau". Verstehen wir von Pierer richtig, waren es einer mehr: die Putzfrau und der Vorstandsvorsitzende.

Ein Chef, der über Verfehlungen im großen Stil in seinem Konzern genauso viel mitbekommt wie die Putzfrau, kann diese Ahnungslosigkeit nicht als Argument für sich verwenden. Wenn von Pierer von alldem nichts wusste, wird es höchste Zeit, dass er seinen Posten als Aufsichtsrat räumt. Von jedem Mitarbeiter wird heute verlangt, dass er qualifiziert ist. Heinrich von Pierer fehlt es offenbar genau daran. "Wir haben alles getan, was wir tun konnten", sagte Pierer vor ein paar Tagen zu seiner Verteidigung. Tja, hat leider nicht gereicht. Mitarbeitern würde man das Zeugnis ausstellen: Er war stets bemüht…

Es war offensichtlich, dass Siemens ein Problem hat

Dabei war es gar nicht so schwer, mitzubekommen, dass Siemens ein Problem hat. Seit Jahren gibt es Ermittlungen, Aussagen von Insidern und immer neue Korruptionsvorwürfe. Als der stern vergangenes Jahr über einen Verdacht in Russland berichtete, kam von Siemens prompt wortgewaltige Empörung. Es werde der Eindruck erweckt, schrieb Siemens im Herbst 2005, "dass schon seit langem systematisch durch Bestechung im Ausland gegen geltendes Recht verstoßen worden sei". Jetzt kommt's: "Diese Vorwürfe entbehren jeder Grundlage." Siemens wehre sich streng gegen Korruption. "Jeder Verstoß zieht arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich."

Starke Worte. Jetzt ist ein Chef gefragt, der Verantwortung übernimmt und mit gutem Beispiel vorangeht - geradewegs in die Rente.