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Siemens: Kleinfelds Streichliste

Klaus Kleinfeld kehrt bei Deutschlands größtem Elektronikkonzern Siemens mit eisernem Besen: Um seine Krisensparten auf Vordermann zu bringen, streicht der neue Vorstandschef 10.000 Jobs - davon allein 2400 in Deutschland.

Rund 10.000 Mitarbeiter stehen auf der Streichliste des neuen Vorstandschefs Klaus Kleinfeld, der mit Stellenabbau und Ausgliederungen die drei Krisensparten auf Vordermann bringen will. Am Montag kündigte Kleinfeld an, bei der IT-Tochter SBS 2400 Jobs in Deutschland zu streichen. Eine weitere Problemsparte wird zerschlagen und die defizitären Teile mit rund 5000 Mitarbeitern abgespalten. In der Kommunikationssparte droht der Abbau von 3000 bis 4000 Jobs. Mit dem radikalen Spar- und Sanierungsprogramm will Kleinfeld schnell profitables Wachstum erreichen.

IG Metall: "Horror-Paket"

Der am 1. Januar dieses Jahres angetretene Vorstandschef hatte im April ehrgeizige Renditeziele auch für die Problemsparten angekündigt: Dass alle Bereiche innerhalb von 18 bis 24 Monaten "ihr Mittagessen selbst verdienen", dafür werde er persönlich sorgen. Kleinfelds "Horror-Paket", wie die IG Metall die Umbaupläne bezeichnete, sieht für den Verlustbringer SBS Kostensenkungen von 1,5 Milliarden Euro bis zum Jahr 2007 vor. Die rund 60 Standorte in Deutschland müssten konzentriert und "auf die Größenordnung von etwa 20" zusammengeschrumpft werden. Die Sparte will IT-Dienstleistungen künftig flexibler und kostengünstiger anbieten. Dazu verkaufte der Konzern bereits Anfang des Jahres einen wesentlichen Teil und sucht für das Geschäft mit einfachen Wartungs-Dienstleistungen an PCs künftig Partner.

Außer den Sparplänen verkündete Kleinfeld auch einen Führungswechsel an der SBS-Spitze: Der bisherige Bereichsvorstand Adrian von Hammerstein habe sein Amt niedergelegt - auf eigenen Wunsch, wie Kleinfeld betonte. Die Leitung übernimmt Christoph Kollatz, der bisher in der Sparte Industriedienstleistungen im Bereichsvorstand saß. Laut Gewerkschaft sind vom Jobabbau bei SBS vor allem die Standorte München und Paderborn betroffen. Weitere Ausgliederungen seien zu erwarten.

Gehaltskürzungen wahrscheinlich

Außerdem rechnete der Bezirksleiter der IG Metall Bayern, Werner Neugebauer, mit Gehaltskürzungen bei den verbliebenen Mitarbeitern. Sonst könnten die geplanten Personaleinsparungen von 750 Millionen Euro nicht realisiert werden. SBS beschäftigt derzeit 34.000 Mitarbeiter weltweit. In den ersten neun Monaten des im September endenden Geschäftsjahrs häufte die Sparte Verluste von gut 260 Millionen Euro an. Die Krisensparte Logistik- und Produktionsautomatisierung (L&A) löst Kleinfeld zum 1. Oktober auf. Der Verlustbringer Distribution and Industry, der sich um Optimierung von Logistikprozessen kümmert, werde zum 1. Januar 2006 in die rechtlich selbstständige Gesellschaft Dematic GmbH ausgegliedert. Die neue Einheit mit rund 5000 Mitarbeitern soll dann auf Partnersuche gehen. Die bisher erfolgreichen Geschäftsfelder werden in andere Siemens-Bereiche eingegliedert. Mitarbeiter aus den Zentralabteilungen sollen nach Möglichkeit anderswo im Konzern weiter beschäftigt werden.

In der Kommunikationssparte Com laufen nach Kleinfelds Angaben Gespräche über Personalabbau. Mit den Arbeitnehmervertretern werde über flexiblere Arbeitszeiten gesprochen. Ob und wie viele Stellen möglicherweise wegfallen, wollte Kleinfeld nicht sagen. "Das wäre Panikmache." Die Arbeitnehmerseite fürchtet den Wegfall von bis zu 4000 Stellen. Kleinfeld hatte bereits im Juni das kriselnde Handy-Geschäft mit rund 6000 Mitarbeitern an den taiwanesischen Konkurrenten BenQ verschenkt und noch Geld oben drauf gelegt. Neugebauer von der IG Metall warf Kleinfeld vor, für keine der drei Problemsparten ein unternehmerisches Konzept zu haben. "Um Kosten zu sparen, schmeißt man Leute raus." So seien zwar kurzfristige Renditeziele zu erreichen, aber kein langfristiges Wachstum.

Mit Kostenkontrolle "gewinnt man keinen Krieg"

Trends bei Innovationen habe das Management verschlafen. Neugebauer kritisierte außerdem "den neuen Stil von Kleinfeld", Beschlüsse über Jobabbau ohne Debatte mit den Interessensvertretern der Betroffenen zu führen. "So sollen Fakten geschaffen werden." Kleinfeld verteidigte seinen Sanierungskurs als konsequent. Es gehe um langfristigen Geschäftserfolg. Nur über Innovationen könne Siemens seine Führungsposition in vielen Märkten behaupten. Dazu müssten die Kosten unter Kontrolle sein, "aber damit gewinnt man keinen Krieg". Der Siemens-Chef sagte weiter: "Nur erfolgreiche Geschäfte sichern Arbeitsplätze." Siemens beschäftigt in Deutschland rund 164.000 Mitarbeiter, weltweit sind es rund 430.000.

Irene Preisinger/AP