HOME

Société Générale: Kerviel will kein Sündenbock sein

Knapp fünf Milliarden Euro hat er verzockt und sich jetzt erstmals öffentlich geäußert: Jérôme Kerviel gestand "einen Teil der Verantwortung" ein. Er wolle aber nicht als "Sündenbock" herhalten. Sein Ziel sei gewesen, für die Bank Geld zu verdienen.

Einzelheiten zu seinen ungenehmigten Spekulationen wollte der 31-Jährige nicht nennen. Dies werde er vor den Richtern tun, kündigte er in der Kanzlei seiner Anwältin an. Die Société Générale beschuldigt Kerviel, ihr durch ungenehmigte Termingeschäfte einen Verlust von 4,82 Milliarden Euro beschert zu haben. Auch die US-Börsenaufsicht SEC und die US-Justiz ermitteln gegen die Bank.

"Man verliert das Gefühl für Summen, wenn man in diesem Beruf arbeitet", sagte Kerviel im Gespräch mit AFP. Der tatsächliche Wert des Geldes verschwinde. "Man lässt sich ein bisschen davontragen." Kerviel betonte wie schon bei seinen Vernehmungen, dass er sich niemals persönlich habe bereichern wollen. "Das Ziel war, für die Bank Geld zu verdienen." Mutmaßungen über seinen "instabilen" Gemütszustand wies der 31-jährige Banker energisch zurück: "Ich bin weder selbstmordgefährdet noch depressiv." Trotz des enormen Drucks in den vergangenen Tagen habe er "nie an Flucht gedacht".

Spekulationen in Höhe von 50 Milliarden Euro

Gegen Kerviel wird wegen Vertrauensbruchs, Fälschung und Eindringens in ein Computerdatensystem ermittelt, nicht aber wegen Betrugs. Seine ungenehmigten Spekulationen in Höhe von rund fünfzig Milliarden Euro waren am Sonntag vor zwei Woche aufgeflogen. Die Bank machte ihren Verlust vier Tage später bekannt, am 24. Januar. Zwei Tage darauf nahm die Polizei den Händler in Gewahrsam, ein Untersuchungsrichter verhörte ihn. Laut Vernehmungsprotokoll wollte Kerviel mit seinen Spekulationen beweisen, dass er besser als seine Kollegen sei. Er gab zu, seine Transaktionen verschleiert zu haben. Seine Vorgesetzten beschuldigte Kerviel, sie hätten dennoch von den Spekulationen wissen müssen. Ein ehemaliger Kontrolleur der Société Générale, Maxime Legrand, warf der Bank "Scheinheiligkeit" vor. Das Geldinstitut wisse ganz genau, dass die Kontrollen nicht ausreichten, unternehme aber nichts dagegen. "Man tut so, als ob man eine Kontrolle hätte, um der Finanzaufsicht eine Freude zu machen", sagte Legrand AFP. Ganz sicher gebe es aber Händler, bei denen die Bank bewusst wegschaue, wenn sie gegen Vorschriften verstießen, "weil sie für die Bank Geld verdienen".

Auch die US-Börsenaufsicht ermittelt

Einem Pressebericht zufolge ermittelt unterdessen auch die US-Börsenaufsicht SEC gegen die Société Générale. Die SEC prüfe die Aktienverkäufe von Verwaltungsratsmitglied Robert Day im Januar, berichtete das "Wall Street Journal" in seiner Online-Ausgabe unter Berufung auf informierte Kreise. Demnach ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Brooklyn gegen die Bank. SEC und das US-Justizministerium äußerten sich zunächst nicht zu dem Bericht. Der Vorsitzende der Eurogruppe, Luxemburgs Finanzminister Jean-Claude Juncker, erneuerte die Kritik am Protektionismus der französischen Regierung. Er könne es "vollkommen verstehen", dass Frankreich und die Société Générale eine feindliche Übernahme abwehren wollten, sagte Juncker im Radiosender Europe 1. Wenn aber ein freundlicher Bieter mit einem starken wirtschaftlichen Vorhaben komme, "wieso sollte man das abwehren? Bloß weil er nicht französisch ist?", fragte Juncker. Eine solche Haltung sei "nicht mehr zeitgemäß", tadelte er. Die französische Regierung hatte konkurrierende Geldinstitute vergangene Woche vor einem Übernahmeversuch der Société Générale gewarnt.

AFP / AFP