Spielwarenmesse Spielend aus der Krise


Spielend lernen, so lautet das Motto der diesjährigen Spielwarenmesse in Nürnberg. Von der Krise lernen, könnte das Motto für die Branche lauten, deren Image nach den vielen Rückrufaktionen arg ramponiert ist.

Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) eröffnet am Mittwochabend offiziell die 59. Internationale Spielwarenmesse in Nürnberg. Bis zum 12. Februar präsentieren 2676 Aussteller aus 61 Ländern rund eine Million Produkte aus der Welt des Spielzeugs - von Modelleisenbahnen über Spiele und Puzzles bis hin zu Holzspielzeug, Puppen und Plüschtieren.

Die Branche setzt mehr denn je auf den pädagogischen Wert von Spielzeug. Die Messe steht in diesem Jahr daher unter dem Motto "Spielend lernen". Als weiterer großer Trend gilt der Einsatz von immer mehr Mikro-Elektronik im Spielzeug. Die Veranstalter erwarten auf der weltweit größten Spielwarenschau rund 80.000 Fachbesucher aus mehr als 100 Nationen. Für die Allgemeinheit ist die Messe nicht zugänglich.

Ruf der Branche bleibt angekratzt

Auch wenn die Spielwarenbranche auf der Messe wieder die heile Welt zelebrieren wird, ihr Ruf bleibt nach den Skandalen im vergangenen Jahr angekratzt. Das sieht auch Willy Fischel, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Spielwaren-Einzelhandels (BVS), so. Er sagte im Gespräch mit stern.de: "Die Rückrufaktionen von Mattel und anderen haben dem Ruf geschadet, ganz klar. Die aktuelle Diskussion um die Sicherheit beim Spielzeug sehen wir aber auch als Chance. Die Konsumenten suchen seither verstärkt nach Qualitätsspielzeug."

Fischel spricht damit die große Rückrufaktion des US-Branchenriesen Mattel ("Barbie") an: Der weltgrößte Spielzeughersteller zog 20 Millionen in China hergestellte Spielwaren aus Sicherheitsgründen - zu hoher Bleigehalt, gefährliche Kleinmagnete - zurück. Als im November in den USA die in China gefertigten "Aqua-Dots" vom Markt genommen wurden - Kinder waren nach dem Verschlucken der kleinen Kunststoffkugeln erkrankt -, erreichte der Skandal einen neuen Höhepunkt.

2007 war ein schwieriges Jahr

Hersteller und Händler sind jedoch stark von der Produktion in den chinesischen Fabriken abhängig: 60 Prozent des weltweit verkauften Spielzeugs kommen von dort. "Das Jahr 2007 war für die Spielwarenindustrie sicherlich eines der schwierigsten in der jüngeren Zeit", bilanziert Branchenexperte Werner Lenzner vom Marktforschungsinstitut Eurotoys.

Gut dran sind zurzeit diejenigen, die nicht in China produzieren lassen: Die beiden Branchengrößen Lego und Playmobil etwa, die nach eigenen Angaben nur einen kleinen Teil ihrer Bauteile aus Fernost beziehen. Beide Firmen hatten 2007 ein sehr gutes Jahr.

In China selbst greifen die Behörden verstärkt durch: Die Kontrollen in den Fabriken wurden verschärft, hunderte Spielzeugfabriken verloren die Exportlizenz. Dies könnte im laufenden Jahr sogar zu Lieferengpässen führen. Katja Mrowka, zuständig für Sicherheitsfragen im Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV), sagte zu stern.de: "China sendet bei der Verbesserung der Sicherheit Signale, aber auch die Hersteller hier müssen ein wachsames Auge darauf halten. Das Beispiel Mattel hat das gezeigt." Fischel vom BVS sieht grundsätzlich die Hersteller in der Pflicht: "Sie müssen Qualitätstests durchführen, wer das nicht tut, riskiert seinen guten Ruf. Zu einem Qualitätsmanagement gibt es keine Alternative."

Neue Sicherheitsrichtlinie aus Brüssel

Auch die Politik reagiert. Am 25. Januar präsentierte EU-Industriekommissar Günter Verheugen einen Gesetzesvorschlag für mehr Spielzeugsicherheit in Europa. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBZ) und der Verband der TÜV e.V. (vdTÜV) kritisieren einen Teil der Pläne aus Brüssel scharf: die Abschaffung des in Deutschland bewährten GS-Zeichens (geprüfte Sicherheit, TÜV) und einen Ersatz durch eine europäische CE-Kennzeichnung.

"Grenzwerte und Verbote werden ins Leere laufen, wenn gleichzeitig die Kontrolle durch Dritte beerdigt wird", kritisiert Gerd Billen, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband. Die CE-Kennzeichnung sei nichts weiter als eine Selbstauskunft der Anbieter und wiege die Verbraucher in einer Scheinsicherheit. Die Skandale des vergangenen Jahres hätten eindrucksvoll belegt, dass es keinen Mangel an Vorschriften, sondern einen Mangel an Kontrollen gibt. "Auch der Handel macht Druck, dass das GS-Zeichen bestehen bleibt", sagt Willy Fischel vom BVS. Der Handel sei nicht bereit, bei der EU-weiten Harmonisierung der Vorschriften eine Harmonisierung nach unten mitzumachen. Gut sei an der Richtlinie, dass Kontrollen bereits im Produktionsprozess angestrebt werden. Dies bedeute allerdings Mehrkosten für die Industrie. Über die europäische Richtlinie wird im Branchenforum der Messe in Nürnberg diskutiert, Prüfinstitute stellen dort neue Testverfahren vor.

Verbraucher müssen mit höheren Preisen rechnen

Die Preise für Spielzeug werden in diesem Jahr deutlich anziehen. Dazu tragen die gestiegenen Löhne in China ebenso bei wie Preissteigerungen für Energie- und Rohstoffe und die Kosten für aufwendigere Prüfungsverfahren. Nach Einschätzung des Bundesverbands des Spielwaren-Einzelhandels können die Preisaufschläge bis zu zehn Prozent betragen. Den Verbrauchern rät Katja Mrowka: "Es nützt nichts, nur auf Billigprodukte zu verzichten. Informieren Sie sich vor dem Kauf über die Produkte. Verlassen Sie sich beim Kauf auch auf Ihre Sinne. Achten Sie auf die Herstellerangaben. Seriöse Hersteller geben ihre Adresse an, sind bei Nachfragen erreichbar."

Thomas Götemann mit DPA

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