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Spitzelaffäre: Die T-Akte

Im Auftrag der Telekom haben Detektive zwei Wochen lang den ehemaligen Chef-Reporter der "Financial Times Deutschland" Tasso Enzweiler ausgespäht. Ein interner Bericht dokumentiert, wie akribisch sie dabei vorgingen: Die früheren Stasi-Spitzel machten nicht einmal vor Ehefrau und Kindern halt.

Von Leo Müller und Jens Brambusch

Die Verzweiflung in der Bonner Telekom-Zentrale muss groß sein im Frühjahr 2000. Fast täglich erscheinen in diesen Tagen Negativberichte über den ehemaligen Staatskonzern und seinen Vorstandschef Ron Sommer. Auch in der "Financial Times Deutschland" (FTD): "Deutsche Telekom zehrt massiv von ihrer Substanz", müssen die Konzernoberen dort etwa am 14. März lesen, "Gewinn der Telekom schrumpft weiter" am 19. April. Die Artikel fußen auf vertraulichen Informationen, die nur einem engen Zirkel zugänglich sind. Autor der Stücke: der damalige "FTD"-Chefreporter Tasso Enzweiler.

Im Auftrag der Telekom-Konzernsicherheit beginnt die Wirtschaftsdetektei Control Risks Deutschland (CRD) der Sache nachzugehen. Die Fahnder gehen davon aus, dass Enzweiler einen Informanten in der Konzernspitze hat. Control Risks lässt den Journalisten beschatten. Den Auftrag führen Mitarbeiter der Berliner Desa Investigation & Risk Protection aus. Die Firmengründer sind Profis, ausgebildet von der Stasi. Die Hauptabteilung II des Ministeriums für Staatssicherheit, in der die beiden gearbeitet haben, war unter anderem für die Bespitzelung westlicher Journalisten zuständig.

Die Desa-Leute kundschaften Enzweilers Büro aus, folgen ihm auf Schritt und Tritt. 24 Stunden am Tag. Sieben Tage die Woche. Zwei Wochen lang. Mindestens zwei Teams mit jeweils zwei Schnüfflern wechseln sich ab. Das geht aus einem 16-seitigen Bericht von Control Risks an den Auftraggeber Telekom hervor, der "Capital" und "FTD" vorliegt.

In bestem Geheimdienstjargon wird darin der Auftrag an die Spitzel formuliert: "Vorrangiges Ziel aller Ermittlungen in dieser Phase war es, ein möglichst umfassendes Bild der Zielperson (ZP) zu erstellen. Dies beinhaltet ein Datenbankresearch (...), um eventuelle Eingrenzungen in Bezug auf die Informationsweitergabe eruieren zu können. Zudem sollte eine vertiefte Hintergrundüberprüfung, eine Observation und ein psychologisches Profil der ZP erstellt werden, damit in einem zweiten Schritt auf Grundlage von gesicherten Informationen operative Maßnahmen eingeleitet werden können."

Mit einem Algorithmus auf der Suche nach dem Informanten

Zunächst wertet Control Risks Enzweilers Telekom-Artikel aus. In 17 von 35 Artikeln soll er Insiderinformationen verwendet haben. Mithilfe eines Algorithmus will man herausfinden, ob die Negativberichterstattung davon abhängt, dass "die ZP über eine interne Quelle in der DTAG (Anm. d. Red.: Deutschen Telekom AG) verfügt". Dabei bedienen sich die Ermittler Kendalls Korrelationskoeffizienten zur Messung bivariater Zusammenhänge - einer klassischen Geheimdienstmethode. Das Ergebnis ist für die Ermittler indes ernüchternd: "Aufgrund der CRD vorliegenden Veröffentlichungen kann kein Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein einer internen Quelle und der Negativberichterstattung über die DTAG festgestellt werden."

Nachdem die Auswertung der Texte in eine Sackgasse geführt hat, wühlen die privaten Fahnder im Umfeld Enzweilers. Die Ergebnisse führen sie in ihrem Bericht unter Punkt 2.2 ("Vertiefte Hintergrundüberprüfung zur Person") auf: angefangen von Telefonnummern über Familienstand und sämtliche Wohnsitze seit 1984 bis hin zu Informationen aus Kreiswehrersatzämtern und Kraftfahrzeugzulassungsstellen: "Zur Familie gehört der PKW mit dem amtlichen Kennzeichen (...). Es handelt sich um einen blauen BMW 5er Touring, der auf den Namen der Ehefrau zugelassen ist."

Es geht um mögliche Vorstrafen: "Das Ehepaar ist in strafrechtlicher Hinsicht - bundesweit - bisher noch nicht in Erscheinung getreten."

Auch die Familie wird bespitzelt

Erfasst werden auch Enzweilers Eltern und sein Bruder. Über Enzweilers Ehefrau halten die Desa-Leute fest, sie stamme "aus einer angesehenen Arztfamilie". Das Protokoll zeigt, dass die Detektei sogar prüft, ob technische Mittel zur Überwachung einzusetzen seien. Doch Enzweiler macht es den Schnüfflern nicht leicht, bei der Ermittlung reiht sich Panne an Panne.

"Die Observation der ZP gestaltete sich äußerst schwierig. Der Einbau von Technik, z. B. in ein KFZ scheidet aus, da die ZP kein eigenes KFZ benutzt. Zudem reist die ZP viel und wechselt dabei ständig das Transportmittel."

In Abwesenheit des Journalisten versuchen die Spitzel, das Büro in Köln-Sülz auszuspähen. Dabei benutzen sie eine versteckte Kamera. 17 Bilder schießen sie - von Eingängen, Treppen, Bürotüren, vom Mieter des Nachbarbüros und der gemeinsamen Empfangsdame. Doch in den Redaktionsräumen gelingt es ihnen nicht, nützliche Informationen zu sammeln. Im Nachbargebäude finden sie schließlich eine Stelle, von der aus sie wenigstens das "FTD"-Büro von außen fotografieren können.

"Aus allen anderen Häusern gibt es keine freie Sicht auf die Fenster der Financial Times. Um Kontakt mit der Vermieterin des Hauses (...) herzustellen, sollte der im Haus wohnende Neffe angesprochen werden. Es handelt sich dabei um: H., Tel. (...)."

Wie in einer Parodie auf einen Agentenfilm

Bei der Beschattung Enzweilers patzen die Profis ebenfalls: "Am 25. Mai 2000 hat sich die ZP mit einer unbekannten Person getroffen und über 'Telekom-Inhalte' gesprochen. Dieses Treffen fand im Hyatt Regency Hotel in Köln statt. Beide Personen speisten im Restaurant und führten eine angeregte Unterhaltung. Unter Beachtung der operativen Legende konnte ein Team an einem in der Nähe befindlichen Tisch Platz nehmen und die Situation kontrollieren."

Doch wie in einer Parodie auf einen Agentenfilm lässt sich eine siebenköpfige Gruppe in der Nähe der Gesprächspartner nieder und feiert. Nur "Wortfetzen" kommen bei den Spitzeln an. "Daher war es nur bedingt möglich, Gesprächsinhalte zu erfassen", so der Bericht. Allerdings wollen die Detektive gehört haben, dass es "über einen längeren Zeitraum um Fragen der Telekommunikation, der bevorstehenden T-Aktien-Emission und Kontakte zu Unternehmensvorständen" gegangen ist. Sie ermitteln das Autokennzeichen der Person und den Halter. Es ist ein Firmenwagen, die Person bleibt unbekannt.

Die Ausführungen über den "FTD"-Redakteur sind ergiebiger: "Bei beruflichen Kontakten offenbart die ZP eine ausgeprägte Zielorientierung: So zum Beispiel wendet er seine volle Aufmerksamkeit auch bei einem Geschäftsessen ausschließlich dem Gesprächspartner zu. Das Essen selbst bleibt im Hintergrund. Seine starke Zielorientierung äußert sich auch in Wartesituationen: Unbeteiligte weibliche Personen vermögen nicht die Aufmerksamkeit der ZP zu gewinnen."

Bestechung ist "wenig Erfolg versprechend"

Die Desa-Mitarbeiter schrecken nicht einmal davor zurück, Enzweilers Privatleben auszuspähen. An Wochenenden beziehen die Spitzel Stellung vor dem Haus der Familie und berichten über ihre Eindrücke: "Im privaten Bereich offenbart die ZP eine vertrauensvolle und enge Bindung zu den mit ihr zusammenlebenden Kindern (...). Er geht mit ihnen im Wald spazieren oder nimmt sie zum Einkaufen mit. Dabei spricht er mit ihnen, passt die eigene Gehgeschwindigkeit den Kindern an, gibt ihnen die Hand oder nimmt sie auf den Arm."

In der Abschlussbeurteilung empfehlen die Autoren des Berichts, bei einer Kontaktanbahnung die "enge Beziehung der ZP zu seinen Kindern" zu berücksichtigen.

Die Formulierung des letzten Absatzes legt nahe, dass erwogen wurde, Enzweiler zu bestechen. Das Fazit ist indes eindeutig: "Eine Anbahnung durch einen finanziellen Anreiz erscheint für die ZP (...) als wenig Erfolg versprechend."

Nach Erkenntnissen der "FTD" wird die Observierung Enzweilers danach eingestellt.

FTD
  • Jens Brambusch