HOME

Springer verkauft Traditionstitel: Das Journalismus-Dilemma

Der Verkauf von "Abendblatt", "Hörzu" & Co. an die Funke-Gruppe ist mehr als nur ein Wirtschaftsdeal. Dahinter steckt ein grundlegendes Problem: Wie kann Journalismus finanziert werden?

Ein Kommentar von Andreas Petzold

Für den Medienkonsumenten da draußen war es vermutlich eine von vielen Meldungen aus der Wirtschaft: Der Springer-Verlag verkauft ein Bündel von Zeitungen und Zeitschriften an die Funke-Gruppe. Und das, obwohl jene Blätter zusammen noch geschätzte 20 Prozent Rendite abwerfen - eine Kennziffer, bei der es heute jedem Banker Tränen der Rührung in die Augen treiben würde. Richtig ist aber auch, dass Anzeigen- und Kioskverkäufe bei fast allen Printprodukten nachgeben. Von "Schlussverkauf" ist deshalb die Rede, Springer glaube nicht mehr an den Journalismus, zumindest nicht mehr an den gedruckten.

Als wäre der Print-Journalismus von einem Virus befallen, der unsere Branche unrettbar dahin raffen würde. So ist es nicht. Natürlich: Der Informationsstrom hat sich geteilt. Der eine fließt digital, der andere analog. Journalisten und Verleger müssen noch viele Antworten auf Fragen finden: Was wollen die Konsumenten im Netz wissen, was ist ihnen lieber auf Papier, was online? Vor allem - und das ist das eigentliche Thema hinter der Springer-Transaktion: Für welche Inhalte würde ein Internet-Nutzer künftig bezahlen, wenn überhaupt?

Ohne Print keine Online-Angebote

Den Medienkonsumenten draußen kümmert diese Debatte wenig, das spiegeln auch die verhaltenen Reaktionen auf den Springer-Deal in Internet-Foren. Warum sich darüber sorgen, dass nicht mehr so viele Menschen Zeitungen und Zeitschriften kaufen? Es gibt doch im Internet jede Menge Gratis-Journalismus, auch von den etablierten Medien-Marken. Aber hey, ihr geschätzten Leser an den kleinen und großen Bildschirmen, lassen wir uns mal für eine Sekunde auf folgendes Gedankenspiel ein: von heute auf morgen würden die Enthüllungen und Geschichten auf Papier verschwinden. Dann gäbe es über Nacht auch kaum noch journalistische Gratis-Angebote online. Die wären nämlich wirtschaftlich mausetot. Weil sie bislang überwiegend von den immer noch ordentlichen Einahmen der Print-Produkte profitieren. Quer subventioniert, nennt man das.

Guter Journalismus muss bezahlt werden

Kurzum: Wenn der an öffentlichen Vorgängen interessierte Bürger will, dass gut ausgebildete Journalisten auch künftig die wirtschaftlich und politisch Mächtigen in diesem Land kritisch begleiten, wenn der Bürger will, dass der Journalismus als gesellschaftliches Regulativ wirkt ("vierte Macht" wäre vermessen), dann muss er sich diesen Journalismus etwas kosten lassen. Denn sorgfältige Recherche, bestechende Fotografie und exzellenter Schreibstil sind kostspielig. Ebenso das Vertrauen der Leser und die journalistische Autorität zu bewahren. Mit Werbung alleine lässt sich ein unabhängiges, unbestechliches journalistisches Qualitätsprodukt nur in seltenen Fällen finanzieren. Denn die Werbewirtschaft hat viele Möglichkeiten, Menschen mit ihren Botschaften im Internet zu erreichen. Sie braucht nicht unbedingt Medienmarken als Werbeträger.

Deshalb: Die Analyse, den Hintergrund zu aktuellen Ereignissen, der Schmutz, der in einer Demokratie ans Licht gebracht werden muss, die Wahrheit über die Lügen - all das wird es weiterhin nur geben, wenn sich der Bürger das leisten will. Ob online oder auf Papier.

Themen in diesem Artikel