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Steigende Preise: Das große Ölrätsel

Der Ölpreis steigt und steigt, und erreicht ein neues Rekordhoch. Selten zuvor gingen die Meinungen über die Rally so weit auseinander. Während Kritiker von der größten Blase aller Zeiten sprechen, halten Börsenoptimisten den Aufwärtstrend für fundamental gerechtfertigt.

Von Tobias Bayer

Es ist einsam um Menschen wie Michael Lynch, Präsident von Strategic Energy & Economic Research, Tim Evans von Citigroup und Fadel Gheit von Oppenheimer geworden. Diese drei Experten sind die prominentesten der letzten Bären auf dem Ölmarkt. Sie halten die Rally des Ölpreises für übertrieben. Am Dienstag kletterte er in New York auf das Rekordhoch von 126,41 Dollar je Barrel (159 Liter). Damit hat sich die Notierung für das schwarze Gold auf Jahressicht nahezu verdoppelt.

Die Mehrheit der Analysten hält das aktuelle Preisniveau für fundamental vertretbar - wenn auch die Unsicherheit wächst. Adam Sieminski beispielsweise, Ölanalyst der Deutschen Bank, ließ vor wenigen Tagen aufhorchen, als er ein Preis zwischen 75 und 150 Dollar für theoretisch gerechtfertigt erklärte. "Die Gefahr ist groß, dass der Preis bis 200 Dollar nach oben schießen muss, bis endlich eine klare Nachfragereaktion einsetzt", führt Sieminski aus. Historische Parallelen gebe es. In den Zeiträumen 1970 bis 1973 und 1980 bis 1983 habe sich der Ölpreis von 3,5 Dollar auf 35 Dollar verzehnfacht. Im Zeitraum 2000 bis 2003 lag der Durchschnittspreis bei 25 Dollar. "250 Dollar könnten vonnöten sein, um zwischen 2010 bis 2013 eine ähnliche Schockreaktion auszulösen wie damals", sagt Sieminski, der für 2009 mit einem Preis von 102,50 Dollar rechnet.

Die Politik glaubt lieber den Bullen, also den Börsenoptimisten, und denkt über Maßnahmen nach, wie die Rally gestoppt werden kann. Am Dienstag beschloss der US-Senat, dass Präsident George W. Bush die strategischen Reserven (SPRs) der USA nicht länger auffüllen darf. Derzeit lagern über 700 Millionen Barrel in den SPRs, täglich fließen rund 70.000 Barrel in die Kavernen, die für den Notfall dienen. Damit der Beschluss in Kraft tritt, muss auch das Repräsentatenhaus noch zustimmen. Zudem kann der Präsident noch sein Veto einlegen. Aus Expertensicht ist die Maßnahme aber irrelevant. Dazu sei der Zufluss zu gering.

Lesen Sie nebenstehend eine Gegenüberstellung der Argumente von Bullen und Bären - eine Erklärung, warum sie zu solch weit auseinander liegenden Prognosen kommen.

Wie groß sind die geopolitischen Risiken?

"Geopolitik spielt eine bedeutende Rolle", schreiben die Experten der Dekabank. Das ist nicht untertrieben: Kein Tag vergeht, ohne das Analysten auf dem Ölmarkt mit Sorge auf Nigeria, Iran und andere Unruheregionen in aller Welt verweisen und damit den Anstieg der Rohölpreise begründen. Auch Anlässe in Europa können preistreibend wirken, wie der Streik in der schottischen Raffinerie Grangemouth.

Alles ist möglich, nichts tatsächlich

Für Fadel Gheit, Ölexperte bei Oppenheimer, ist diese ständige Sorge vor Angebotsausfällen nicht nachvollziehbar: "Nigeria ist seit Jahrzehnten von Anschlägen bedroht. Daran hat sich in der jüngsten Vergangenheit nichts geändert." Auch Michael Lynch, Präsident von Strategic Energy & Economic Research, hält die Angst vieler Kollegen, für übertrieben: "Gespielt werden momentan mögliche Angebotsausfälle, keine tatsächlichen. Für mich ist das die Mutter aller Blasen."

Wie ist es um die Nachfrage bestellt?

Kritiker der Ölpreisrally setzen bei der Nachfrage an. Ihnen zufolge findet der Anstieg der Rohölpreise vor dem Hintergrund sich verschlechternder Fundamentaldaten ab. Die IEA beispielsweise setzt traditionell den Verbrauch eher hoch an. Doch in den Monatsberichten von April und Mai hat selbst sie ihre Nachfrageprognose für 2008 deutlich gesenkt, zuletzt am Dienstag um 390.000 Barrel täglich. Momentan geht die IEA von einem Nachfragewachstum von 1,2 Prozent oder 1 Million Barrel täglich für die Weltwirtschaft aus. "Die Abwärtsrisiken bleiben bestehen. Der Effekt von Ölpreisen über 120 Dollar je Barrel auf den Verbrauch und damit auf die Prognosen ist noch unklar", schreiben die IEA-Experten in ihrem am Dienstag veröffentlichten Monatsbericht und bereiten den Markt damit auf weitere Kürzungen vor.

Prognose: Ölnachfrage sinkt

Grund für die Revision der Prognose: Der sich eintrübende Wirtschaftsausblick für die Industriestaaten. Besonders von der USA, dem größten Verbraucher der Welt, hängt viel ab: "Immer dann, wenn es gute Nachrichten aus den Vereinigten Staaten gibt, steigt der Preis. Man kann sich ausmalen, was passiert, wenn sich der Ausblick dagegen eintrübt", sagt Jacques Chaussard, Volkswirt bei Calyon.

Vertreter steigender Preise richten ihr Augenmerk auf Schwellenländer wie China oder Indien. Nach Schätzungen der IEA wird das Wachstum 2008 bei 3,7 Prozent oder 1,4 Millionen Barrel pro Tag liegen. Die Deutsche Bank ist konservativer und geht von einem Nachfragewachstum der Nicht-OECD-Länder von 2,8 Prozent aus. "Der Nachfragerückgang in den Industriestaaten reicht nicht aus, um den Konsumzuwachs weltweit zu drücken", schreiben die Rohstoffexperten der Deutschen Bank.

Wie entwickelt sich das Angebot?

Experten, die das Ölangebot für ausreichend halten, begründen ihre Einschätzung mit Zahlen der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec). Trotz Förderausfälle in Nigeria pumpte das Kartell im April täglich 31,9 Millionen Barrel. Dank der Opec lag das Angebotswachstum 2008 bei 1,7 Millionen Barrel täglich - das ist der höchste Wert seit Beginn 2005. In den vorangegangenen drei Quartalen war das Angebot geschrumpft.

Nicht-Opec-Länder liefern nicht genug

Nach Ansicht der Ölbullen ist die Angebotssituation dagegen angespannt. Besonders Förderländer, die nicht Mitglied der Opec sind wie beispielsweise Russland, bleiben hinter den Erwartungen zurück. Die Statistikabteilung des US-Energieministeriums EIA rechnet mit einem Förderwachstum 2008 von 600.000 Barrel täglich, die IEA geht von 680.000 Barrel aus. "Davon wird sich das meiste in der zweiten Jahreshälfte abspielen. Erfahrungsgemäß werden sich Projekte verzögern, und die Ergiebigkeit bestehender Felder wird schneller abnehmen als gedacht", schreiben die EIA-Experten in ihrem kurzfristigen Ausblick. Die Ölbullen verweisen zudem auf die niedrigen freien Kapazitäten der Opec. Nur Saudi-Arabien verfügt über Produktionspuffer, die auf rund 1,9 Millionen Barrel täglich geschätzt werden.

Sind die Lagerbestände hoch oder niedrig?

Das hängt - wie vieles auf dem Ölmarkt - vom Standpunkt des Betrachters ab. Laut US-Energieministerium verfügen die Industriestaaten derzeit über 2,54 Milliarden Barrel an Ölreserven. Das sind 22 Millionen Barrel mehr als der Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Das werde auch so bleiben, prognostiziert die Behörde. Die USA, das größte Verbraucherland der Welt, ist dafür stellvertretend. "Die aktuelle Bestandssituation in den USA ist vergleichbar mit der Lage im Vorjahr, wohingegen das Preisniveau deutlich höher liegt. Die steigenden Ölpreise bei gleichzeitiger Entspannung am physischen Rohölmarkt betrachten wir als wesentliches Abwärtsrisiko für die Preisentwicklung", sagt Tobias Merath, Rohstoffanalyst der Credit Suisse.

Wenig Benzin und Kerosin

Verfechter steigender Preise betonen die Situation bei Diesel und Kerosin. Dort ist die Nachfrage hoch, und die Bestände verhältnismäßig gering. Das spiegelt sich auch in den Preisen wider: In den USA notiert Diesel mit einem Aufschlag gegenüber Benzin, was unüblich ist. Experten argumentieren, dass der Trend zu Diesel weltweit zu Verzerrungen führt, die Puffer bei Benzin deshalb nicht überbewertet werden sollten.

Wie ist die Situation auf den Produktmärkten?

Lange Zeit begründeten Analysten die Steigerungen der Rohölpreise mit Raffinerieengpässen in den USA. Die Argumentation: Da lange Zeit nicht in neue Kapazitäten investiert wurde, und die Raffinerien vorzugsweise Rohöl mit geringem Schwefelgehalt verarbeiten, stieg die Nachfrage nach "leichten Rohölsorten" wie Bonnie Light aus Nigeria überproportional an - was zu großen Preisdifferenzen führte.

Benzin-Nachfrage der USA sinkt

Inzwischen hat sich die Situation gewandelt. In den USA hat die Benzinnachfrage wegen der Kreditkrise deutlich abgenommen. Die Margen für die Raffinerien - die Differenz zwischen Rohöl- und Benzinpreisen - waren in den vergangenen Monaten sogar zeitweise negativ. Die IEA geht davon aus, dass zwischen 2008 bis 2010 weltweit die Kapazitäten stärker wachsen als die Nachfrage. "Neue Raffineriekapazitäten sind aus unserer Sicht einer der Faktoren, der Druck auf die Rohölpreise ausüben könnte", sagt Deutsche-Bank-Analyst Adam Sieminski.

Welche Rolle spielen die Spekulanten?

Eine Frage, das genau so alt ist wie der Rohstoffhandel selbst - und auf die es trotz der schon lang währenden Debatte keine befriedigende Antwort gibt. Unbestreitbar ist, dass das Engagement der Finanzinvestoren auf den Rohstoffmärkten über die Jahre deutlich zugenommen hat. Nach Schätzungen von Barclays Capital beträgt das Investitionsvolumen derzeit 225 Mrd. Dollar. Allein im ersten Quartal hat sich diese Summe um rund 30 Mrd. Dollar erhöht. Gesucht wird die Vermögensklasse als Schutz vor Dollarverfall und steigender Inflation.

Spekulanten investieren in Optionen

Experten, die Spekulanten nicht für Preistreiber halten, verweisen auf die allgemeine Teuerungstendenz. Michael Lewis, Leiter Rohstoffrecherche bei der Deutschen Bank, führt nicht an Terminbörsen gehandelte Rohstoffe wie Kadmium, Molybdän oder Kobalt an, die sogar noch stärker zugelegt hätten als börsengehandelte Rohstoffe wie Öl. "Wir sind der Überzeugung, dass die Aktivität der Finanzinvestoren die Preisreaktionen beschleunigt. Das hilft bei der Entwicklung von alternativen Energieformen", sagt Lewis. Zudem zeigen Daten der US-Terminbörsenaufsicht CFTC zuletzt kein Ausweiten der Netto-Kaufpositionen auf dem Ölmarkt an. Ende April hätten Spekulanten insgesamt 53.300 Kontrakte gehalten - in den vergangenen Monaten seien es durchschnittlich 51.400 Kontrakte gewesen.

Kritiker halten dem entgegen, dass sich der Fokus der Spekulanten von Futures auf Optionen verlagert hat. Das Engagement bei Juni-Optionen sei das höchste aller Zeiten, sagt Olivier Jakob, Managing Director beim Researchhaus Petromatrix. "Das ist einer der Haupttreiber der aktuellen Rally. Der Kauf von Optionen hält an, ungeachtet jeglicher fundamentalen Entwicklung." Demgegenüber seien das Handelsvolumen und die offenen Positionen bei Futures nicht entscheidend gewachsen. "Das geht auf und ab und richtet sich nach dem Laufzeitende der Optionen", sagt Jakob.

FTD