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stern.de-Serie zu Nokia: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die geplante Schließung des Nokia-Werkes in Bochum hat einen Sturm der Empörung ausgelöst. Tausende Mitarbeiter bangen um ihre Arbeitsplätze. Wie die Cankayas. stern.de hat die Familie besucht und wird sie auch in den kommenden Monaten auf ihrem Weg in eine ungewisse Zukunft begleiten.

Von Christian Parth

Sümbül Cankaya hat kaum noch Erinnerungen an den Tag, der ihr Leben veränderte. Ihre Nachtschicht ist gerade vorbei, um sechs Uhr am Morgen sind die Augenlider schwer. Die junge Türkin verlässt das Betriebsmittellager des Nokia-Werkes in Bochum, wo sie acht Stunden lang Handy-Schablonen, Schaltkreise und Handschuhe an die Kollegen ausgegeben hat.

Drüben vor dem Werk 2 herrscht Tumult. In Anzug gekleidete Bodyguards schirmen den finnischen Abgesandten der Firma ab. Seine Ansprache dauert gerade fünf Minuten. Das Werk müsse geschlossen, die Produktion nach Rumänien verlagert werden. Das alles tue ihm sehr leid, aber es müsse sein, da man schließlich die Position des Weltmarktführers zu verteidigen habe. Abgang.

"Boden unter den Füßen weggezogen"

Sümbül Cankaya, 35, ist auf einen Schlag alles andere als müde: Augen und Mund weit aufgerissen blickt sie umher. Wie ein Film sei das gewesen. Neben ihr knicken Leute ein, als hätte man ihnen in die Kniekehlen getreten. Frauen schlagen sich die Hände vors Gesicht und weinen bitterlich. Männer im Zorn ballen die Fäuste und schimpfen unflätig über die großen Bosse aus Skandinavien, die allein von Raffgier und Rendite getrieben seien und deren Herz so kalt sein müsse wie ein Winter in Helsinki. Sümbül Cankaya läuft rüber zu ihrem Mann. Ibrahims Schicht hat soeben begonnen, acht Stunden in der Bestückung. Doch statt am Band zu malochen, muss der 30-Jährige heute Trauerarbeit leisten. "Sie haben uns den Boden unter den Füßen weggezogen", sagt Sümbül in ihrem Wohnzimmer in Herne-Wanne. "Wir fallen und wissen nicht, wann der Aufschlag kommt."

Familie Cankaya: eines von vielen Schicksalen des Nokia-Werks in Bochum. Ihr Haus hat sie gerade erst gekauft, der Golf ist noch lange nicht abbezahlt, die Eltern sind pflegebedürftig, für Sohn Koray, 7, haben sie kaum Zeit. stern.de wird Familie Cankaya stellvertretend für die Betroffenen in den kommenden Monaten begleiten und ihre beruflichen und persönlichen Entwicklungen berichten (siehe Kasten).

18 Jahre bei Nokia

Sümbül Cankaya hat es ihrem Vater zu verdanken, dass sie bei Nokia gelandet ist. Damals, vor 18 Jahren, riet er ihr, die Ausbildung zur Arzthelferin abzubrechen. In Bochum gebe es gutes Geld. Das solle sie sich doch mal überlegen. Sümbül warf den weißen Kittel weg und wechselte zunächst zu ihrem Vater in die Fernsehabteilung. Ihr gefiel es so gut, dass sie eine ganze Nokia-Familie gründete.

Im Urlaub im türkischen Kayseri, ihrer Heimat am Fuße des erloschenen Vulkanes Erciyes, traf sie vor zwölf Jahren Ibrahim das erste Mal. Er machte ihr schöne Augen, drei Tage später wurden sie Mann und Frau. Er solle doch mit nach Deutschland kommen, sicherlich könne er dort einen Job bekommen, bei Nokia in Bochum. Auch ihre Geschwister hat Sümbül zum finnischen Handyhersteller in den Ruhrpott gebracht, in die Qualitätskontrolle. Vergangenes Jahr überredete sie den Bruder, mit ihr gemeinsam ein Haus für die ganze Familie zu kaufen. "Er hatte Bedenken", erinnert sich Sümbül. "Aber ich sagte ihm: Es läuft so gut. Da kann erst mal nichts passieren."

Haus gerade erst gekauft

Mit den 3000 Euro netto, die Sümbül und ihr Mann gemeinsam verdienen, sollte es doch klappen. Im Januar 2007 kauften sie schließlich das Haus gleich neben der Bahntrasse in Herne-Wanne für knapp 400.000 Euro. Jetzt traut sich Sümbül kaum noch ans Telefon. Die 20.000 Euro für die Startfinanzierung haben ihnen Verwandte geliehen. Es waren beinahe die ersten, die nach der bösen Botschaft aus Finnland anriefen, um sich zu erkundigen, wie es nun weitergehe. "Was soll ich Ihnen denn sagen? Ich weiß es doch selbst nicht. Ich weiß doch nicht einmal, warum wir dicht machen."

Die Schließung des Bochumer Werkes war nicht abzusehen. Bis vor ein paar Wochen haben die rund 2300 Beschäftigten noch Sonderschichten geschoben, um dem Arbeitgeber die Rekordgewinne zu sichern. Der schickte als Dank E-Mails mit Lobeshymnen und Durchhalteparolen. Regelmäßig wurden in den Pausenräumen Bleche mit Kirschkuchen, Plunder und Kaffee aus Thermos-Kannen aufgefahren.

"Wir hatten das Gefühl, in unserer Arbeit respektiert zu werden", sagt Sümbül. Im Gegenzug verzichtete Familie Cankaya auf Feiertage und Wochenenden. Sümbül und Ibrahim arbeiten noch immer in versetzten Schichten, so dass sich immer einer von ihnen um Sohn Koray kümmern kann. "Unser Leben spielt sich hauptsächlich im Werk ab. Gemeinsame Zeit bleibt uns kaum noch." Doch die Cankayas haben sich gern aufgeopfert. Die Kollegen waren wie eine zweite Familie. Und alle waren immer sehr stolz, beim Weltmarktführer zu arbeiten.

"Wir fühlen uns wie Todkranke"

Ihre Würde holten sie sich über das Produkt. Sümbül überzeugte Freunde und Verwandte davon, Handys der Marke Nokia zu kaufen. Sie selbst verlängerte im November ihren Mobilfunk-Vertrag um weitere zwei Jahre und holte sich das edle Modell 8600 Luna, lackschwarz und glatt wie ein geschliffener Carbonado-Diamant. "Sie machen so schöne Handys", sagt Sümbül. Jetzt aber widert sie es schon an, wenn das kleine Kunstwerk klingelt. Es wird ihr ernsthaft übel, wenn sie das Logo sieht und wenn über den großen Philips-Flatscreen im Wohnzimmer der Cankayas ein Nokia-Spot flimmert, verlässt die hübsche Türkin umgehend den Raum.

Mitte des Jahres will Nokia den Laden endgültig schließen. Doch bis dahin müssen Sümbül und Ibrahim sich beinahe jeden Tag aus dem Bett quälen und zehn Minuten bis zu jenem Ort fahren, an dem sie eigentlich nicht mehr sein wollen. "Wir fühlen uns wie Todkranke, die wissen, dass ihr Ende bald gekommen ist", sagt Sümbül und wischt sich ein paar Tränen aus dem Gesicht. Dennoch hat sie die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben.

Es ist Samstag und sie fährt gemeinsam mit Ibrahim und Sohn Koray rüber zum Werk. Vor der Schranke flackert weiterhin das Mahnfeuer aus einer grauen Blechtonne. Im Solizelt treffen sich Kollegen und Angehörige zum Plausch. "Für Nokia ist die Sache noch lange nicht gelaufen", sagt die Betriebsratsvorsitzende Gisela Achenbach. Nächstes Wochenende sollen sie sogar beim Bundesliga-Spiel des VfL Bochum mit der Mannschaft auflaufen dürfen. "Dann wollen wir mal sehen."

Auch die Cankayas werden vor und nach ihren Schichten Mahnwache schieben. "Wir hoffen, dass das Wunder noch passiert." Fortsetzung folgt.