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stern.de-Serie zu Nokia: "Bei uns ist doch alles kaputt"

Seit klar ist, dass das Nokia-Werk in Bochum geschlossen wird, hat Mitarbeiterin Sümbül Cankaya der Mut verlassen. Ein neuer Job scheint für sie in weiter Ferne. Doch nach zwei Treffen mit einem Berufsberater ist die 36-Jährige voller Tatendrang.

Von Christian Parth und Tim Farin

Zwischen den beiden Terminen beim privaten Berufsberater liegen nur ein paar Tage, und doch zeigt Sümbül Cankaya schon jetzt einen grundsätzlichen Wandel ihres Gemüts. Als sie das "Profiling Institut" im schicken Landanwesen nahe Düsseldorf zum zweiten Mal verlässt, spricht die Hoffnung aus ihr: "Es ist Zeit, dass ich etwas tue", sagt die 36-Jährige, die die Hälfte ihres Lebens im Nokia-Werk Bochum gearbeitet hat, "wenn wir jetzt meinen Lebenslauf aufpeppen und ich Bewerbungsgespräche bekomme, dann habe ich bestimmt bald einen neuen Job."

Für die Deutschtürkin aus Herne-Wanne, deren Mann, Bruder und Schwester ebenfalls vom Aus des Handy-Werks in der Ruhrpott-Stadt betroffen sind, hat stern.de ein Treffen zur beruflichen Orientierung im "Profiling Institut" des Düsseldorfer Ökonomen und Berufsberaters Jan Bohlken arrangiert. Eine Alternative zur beruflichen Beratung bei der staatlichen Arbeitsagentur, für die Cankaya sich bereits ebenfalls einen Termin hat geben lassen. Bohlken, der als Headhunter sonst Führungskräfte vermittelt, widmet sich mit seiner Profiling-Firma der Beratung von Berufseinsteigern und Menschen, die an Wendepunkten stehen und sich umorientieren. Was bei Sümbül Cankaya der Fall ist - und was bei der Mutter eines sieben Jahre alten Sohnes viele Fragezeichen aufkommen lässt.

"Sie müssen jetzt anfangen"

Bohlken und sein Mitarbeiter René Oehler, ein diplomierter Psychologe, nehmen sich beim ersten Termin fast sechs Stunden Zeit für Cankaya. Direkt vermitteln sie eine wichtige Botschaft: Die Zeit der Passivität und des Selbstmitleids muss vorbei sein - so hart das Schicksal jeden einzelnen Mitarbeiter von Nokia auch treffen mag. "Sie müssen jetzt anfangen, das ist das Entscheidende", sagt der Leiter des "Profiling Institut". Bohlken fragt mit sensiblem Ton im Eingangsgespräch nach dem Leben und den beruflichen Entwicklungen Cankayas und ihrer Familie, die in Herne unter dem Dach des gemeinsamen Wohn-Eigentumshauses jeden Tag das Aus des Handy-Werks bedauert und sich dabei auch immer wieder in die Krise zurückzieht. "Sie sind ja zuhause alle Nokianer, das ist eine verzwickte Situation. Sie brauchen neue Impulse", analysiert Bohlken.

Um Cankaya kennen zu lernen und ihren Charakter für eine berufsbezogene Profilbildung zu beobachten, befragen die beiden Arbeitsmarktexperten die Mitarbeiterin aus dem Nokia-Betriebsmittellager eingehend. Eine analytische Arbeit und Reflexion, die Cankaya nicht gewohnt ist. Zwar hat sie auch bei Nokia manchmal in Fragebögen Rückmeldungen über ihre Jobzufriedenheit gegeben, doch dass ihre Persönlichkeit in den Mittelpunkt einer systematischen Betrachtung rückt, erlebt sie hier zum ersten Mal. Nach der Hauptschule hatte sie eigentlich eine Ausbildung zur Arzthelferin vor sich. Doch ihr Vater, damals Mitarbeiter im Nokia-Fernsehwerk, holte die junge Frau zu sich auf den "bombensicher" geglaubten Arbeitsplatz. Mit Einsatz, Verlässlichkeit und guter Arbeit sicherte sich Sümbül Cankaya trotz mehrerer Umstrukturierungen ihren Arbeitsplatz bei Nokia, in den vergangenen Jahren in der Boombranche Mobiltelefonie.

Nun sitzt sie beim Berufsberater im Konferenzzimmer und erzählt ihm von der Enttäuschung und der Ratlosigkeit, die sie ergriffen hat. Als Cankaya sagt, dass es eigentlich umso besser sei, je später sie die Kündigung bekomme, weil dann ja wenigstens noch Einnahmen garantiert seien, fährt ihr Bohlken recht eindeutig in die Parade: "In der Psychologie nennt man so etwas Verdrängung." Verständlich, aber leider nicht nützlich sei diese Haltung. "Wie schätzen sie ihre Chancen am Arbeitsmarkt ein?", will Bohlken von der in Sachen Jobsuche unerfahrenen Frau wissen, und sie antwortet: "Ehrlich gesagt: sehr schlecht, bei uns in der Region ist doch alles kaputt."

"Was die alles von mir wissen wollen"

Doch das "Profiling Institut" will eben das Gegenteil von Resignation erreichen, und so unterzieht es Cankaya einer Reihe standardisierter Tests mit dem Ziel, ein Bewerberprofil ihrer Persönlichkeit zu erstellen. Anderthalb Stunden und 185 Fragen lang klickt Cankaya am surrenden Laptop in elektronischen Fragebögen umher, lächelt unsicher und murmelt: "Was die alles von mir wissen wollen, das weiß ich ja selbst alles gar nicht." Dann interviewt sie der Psychologe Oehler noch einmal und stellt dabei das "innere Team" der Klientin auf - dabei zeigt er Cankaya, welche Charakterzüge sie ausmachen. Am Flipchart kleben schließlich Pappmännchen in rosa, weiß, hellblau, gelb und grün. Sie beschreiben, welche Charaktere sich in der jungen Frau tummeln: "die Selbstbewusste", "die Flexible", "die Teamplayerin", "die Gutgelaunte" - und auch "die Ängstliche". Der skeptische, unsichere Part passt gar nicht ins Bild der lebhaften und kontaktfreudigen Cankaya, und so überlegen sich der Psychologe und die Lagerarbeiterin mögliche Auswege: "Ich müsste einen Schritt woandershin machen, ich habe ja nichts mehr zu verlieren. Und berufliche Erfahrung habe ich ja auch zu bieten", sagt Cankaya.

Fünf Tage später ist Cankaya noch einmal zu Gast auf dem schwarzen Ledersofa von Jan Bohlken. Jetzt liegt die Auswertung ihres Persönlichkeitstests vor. Mit Interesse schaut sie sich die Diagramme an, die ihre Charakterzüge bezeichnen. Sozial sei sie ausgesprochen kompetent, dazu sachlich, selbstkontrolliert, gelassen und unabhängig. Bei der beruflichen Neigung zeigt sich eine starke Orientierung hin zu "konventionellen Berufen", zu "Tätigkeiten, die mit Büroarbeit, Verwaltung, Sortieren, Ordnen und Kontrollieren zu tun haben - also auch ihrer bisherigen Arbeit nahe kommen", steht im Gutachten. Die psychologische Interpretation erwartet zudem, dass die Arbeiterin sich besonders gut in einer Tätigkeit entfalten kann, in der sie mit anderen Menschen zu tun hat: Dekoration, Verkauf, Büro oder Call Center sind mögliche Felder.

Der zweite Termin hat auch Appell-Charakter. Bohlken möchte aufrütteln. Cankaya soll verstehen, dass es an ihr ist, die Dinge in die Hand zu nehmen und neue Wege zu gehen. Die bequeme Zeit bei Nokia sei nun einmal vorbei, "lassen sie sich jetzt voll auf das Projekt Job-Neusuche ein", rät er. Die Frau solle Verwandte, Bekannte und Freunde ansprechen - denn "die wenigsten helfen von sich aus aktiv, selbst wenn sie Kontakte zu möglichen Arbeitgebern haben", weiß Bohlken. Und dann stößt er die Klientin noch auf ein Tabu, über das sie doch bitte nachdenken möge: Zeitarbeit. Cankaya, die bei Nokia gesehen hat, wie Leiharbeiter die gleiche Arbeit wie die festangestellten Kollegen bei deutlich schlechterer Bezahlung geleistet haben, findet den Gedanken an solche Arbeitsverhältnisse "abschreckend". Doch Bohlken besteht darauf, dass Cankaya erkennt: Die Zeitarbeit wird in Zukunft immer wichtiger sein - "auch wenn es für Sie natürlich ein großer Sprung ist."

Konkrete Postenvermittlung sieht das Programm im "Profiling Institut" nicht vor, auch wenn Cankaya schon ein wenig darauf gehofft hat. Aber Bohlken wird in den kommenden Tagen den dünnen, mit Mühe auf eine Seite ausgedehnten Lebenslauf der Kandidatin aufpeppen und ihr dabei helfen, zwei Musteranschreiben für Bewerbungen aufzusetzen - eines für ausgeschriebene Stellen, eines für Initiativbewerbungen. Und dann gibt er Cankaya noch eine Liste mit. 400 Namen von Firmen sind darin aufgeführt, allesamt aus Bochum und den Nachbarorten - da, wo nach Cankayas Meinung "alles kaputt" ist. "Sehen Sie, es gibt eben nicht nur die aussterbenden Dinosaurier. Ich bin sicher, dass es für Sie jede Menge Chancen gibt." Sümbül Cankaya nimmt die Botschaft und die Liste gerne mit. Sie strahlt eine neue Haltung aus, die zierliche Mutter will sich nun in ihrem Leben nicht mehr nur von der Trauer treiben lassen. Auf dem Weg nach Hause kommt sie vorbei an einem der Unternehmen, die in der Liste aufgeführt sind. "Am besten gehe ich einfach mal hin", sagt sie, "denn wenn ich erst im Gespräch bin, dann kriege ich auch einen Job."