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Susanne Klatten: Noch mehr Milliarden

Susanne Klatten will Anteile am Pharmakonzern Altana verkaufen. Die Reichste Frau Deutschlands konzentriert sich künftig auf den Autokonzern BMW.

Susanne Klatten, Mutter von drei Kindern in München, hat zwei außergewöhnliche Teilzeitjobs. Sie ist Aufsichtsrätin bei BMW, und sie sitzt im Kontrollgremium des Pharma- und Chemiekonzerns Altana. Beide Posten hat die 43-Jährige geerbt. Susanne Klatten ist die Tochter des 1982 verstorbenen Industriellen Herbert Quandt - und die mit Abstand reichste Frau Deutschlands. Nur die greisen Albrecht-Brüder, die Eigentümer der Aldi-Märkte, haben noch mehr. Allein Klattens Aktienvermögen an BMW und Altana beläuft sich auf gut sechs Milliarden Euro. Daneben hat die Schwägerin des EM.TV-Chefs Werner Klatten reichlich Bargeld auf der hohen Kante. Sie kassiert schon seit Jahren hohe Dividenden von ihren Unternehmen. In diesem Jahr hat ihr der Autokonzern 48 Millionen Euro überwiesen, von Altana kamen sogar fast 67 Millionen Euro.

Umso überraschender wirkte die Nachricht, dass sich Susanne Klatten von ihrer Pharmaperle trennen will. Bisher hat sie fest zu diesem Unternehmen gestanden. Die Großaktionärin galt als Garantin der Unabhängigkeit. Die schweigsame Milliardärin hat ihre Meinung geändert, aber sie überließ es einem Manager, das kundzutun. Altana-Chef Nikolaus Schweickart teilte den Mitarbeitern vergangene Woche in einem Brief mit, der Vorstand suche nach einem "Pharmapartner". Ein Konkurrent soll die Sparte, die bei Altana 75 Prozent des Umsatzes erbringt, ganz oder teilweise übernehmen. Dabei werde sich "die Aktionärsstruktur" des Konzerns verändern, kündigte Schweickart an. Die Großaktionärin erwähnte er nicht, aber für Insider war damit klar: Klatten macht Kasse.

Es geht um viel Geld.

Experten taxieren den Wert der Altana Pharma auf über fünf Milliarden Euro. Die Hälfte davon stünde Susanne Klatten zu. Bei einem Verkauf käme eine Art Bargeld-Tsunami auf sie zu. Der Erfolg der Altana ist der Quandt-Erbin in den Schoß gefallen. Nach dem Tod des Vater 1982 hatte sie ein etwas kleineres Paket BMW-Aktien bekommen als ihre Mutter Johanna Quandt und ihr vier Jahre jüngerer Bruder Stefan Quandt. Zum Ausgleich erhielt Susanne Klatten Altana, damals ein Gemischtwarenladen, zu dem auch der Babykosthersteller Milupa gehörte. Der Kern der Altana war die Konstanzer Pharmafirma Byk Gulden, die Klattens Großvater Günther Quandt 1941 seinem Reich einverleibt hatte.

Für die studierte Betriebswirtin Klatten, die 1993 mit 31 Jahren in den Aufsichtsrat einzog, erwies sich die Firma als Volltreffer. Ein Medikament gegen Magengeschwüre (Pantoprazol) wurde zum weltweiten Renner, und der Kurs stieg und stieg. 2002 wurde das Unternehmen in den Deutschen Aktienindex aufgenommen. Bis heute ist das Medikament für Altana ähnlich wichtig wie Windows für Microsoft. Genau diese Abhängigkeit ist das Problem, das nun zum Ende der Eigenständigkeit führen kann. 2009 läuft das Patent in Europa aus, im Jahr darauf in den USA. Neue derartige Verkaufsschlager sind aber nicht in Sicht. In dieser Lage erscheint es Vorstandschef Schweickart und der Großaktionärin offenbar vernünftiger, Altana Pharma bei Branchenriesen wie Novartis oder Sanofi-Aventis unterzubringen, bevor die Firma in Schwierigkeiten gerät.

Zum Verkauf steht ein Unternehmen

mit fast 8800 Mitarbeitern weltweit. Von der Holding, die aus dem Herbert-Quandt-Haus am Stadtrand von Bad Homburg gesteuert wird, bliebe nichts übrig. Denn auch die Chemiesparte des Konzerns soll 2006 an die Börse gebracht werden. Ob Susanne Klatten dabei Anteile abgeben wird, ist noch offen, aber wahrscheinlich.

Während die Mitarbeiter der Altana Pharma einer ungewissen Zukunft entgegensehen, ist die Verkaufsankündigung für die Führung und Belegschaft von BMW eine gute Nachricht. Die Botschaft der Quandts lautet: Die Familie konzentriert sich auf ihren wichtigsten Besitz, den Anteil an BMW. Das Familientrio hält knapp 47 Prozent der Aktien des Autokonzerns und schützt ihn vor feindlicher Übernahme. Viele in München bangen, wie lange das noch geht. Dass eine Familie auf Dauer zwei Dax-Unternehmen beherrscht, ist schwer vorstellbar.

Susanne Klatten und Stefan Quandt werden eines Tages die Aktien ihrer Mutter Johanna Quandt erben, die nächstes Jahr 80 wird. Es geht um ein Paket im Kurswert von mehr als 3,7 Milliarden Euro. Auf die Geschwister, die ihre Steuern in Deutschland bezahlen, kommt eine hohe Erbschaftsteuer zu. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, die Unabhängigkeit von BMW langfristig zu sichern. Ihr Vater hat das Unternehmen einst vor dem Untergang bewahrt, die Erben sehen sich in der Pflicht. BMW hat sich mit den Quandts im Hintergrund glänzend entwickelt. "Wir halten die Beteiligung nicht aus Ego-Gründen", hat Susanne Klatten einmal gesagt. "Wir schaffen dort Ruhe, das wird geschätzt." So soll es bleiben.

Rüdiger Jungbluth / print