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Telekom-Affäre: Obermann im "Hagelsturm"

Telekom-Chef René Obermann steht vor seiner bisher schwierigsten Aufgabe: die Aufklärung der hausinternen Spitzel-Affäre. Er selbst hat jedoch bisher keine gute Figur abgegeben - einen ehemaligen BGH-Richter als neuen Datenschutzbeauftragten zu installieren, wird nicht reichen.

Eine Analyse von Markus Gatzke

Die Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom hatten noch nie einen einfachen Job. Allenfalls Ron Sommer konnte sich zu Beginn der Privatisierung für einige Zeit noch im Lichte eines rasant steigenden Aktienkurses sonnen. Doch so steil der Kurs stieg, so steil ist er auch wieder gefallen - und mit ihm der damalige Konzernchef.

Aber eine solche Prüfung, wie sie der amtierende Vorstandschef René Obermann zu meistern hat, musste noch keiner seiner Amtsvorgänger bestehen. Als "größte jemals dagewesene Sauerei" bezeichnen Datenschützer - und nicht nur sie - die Spitzel-Affäre bei der Telekom. Niemand wäre bislang auf den Gedanken gekommen, dass die Telekom die Telefondaten von Mitarbeitern und Journalisten auswertet.

Obermann kam im November 2006 an die Spitze der Telekom und beerbte Kai-Uwe Ricke, der jetzt zusammen mit dem ehemaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Zumwinkel im Zentrum der Ermittlungen steht. Er war zuvor als Leiter der Mobilfunksparte einfaches Mitglied im Telekom-Vorstand und keineswegs erste Wahl. Ricke musste auf Druck der Bundesregierung und des Finanzinvestors Blackstone weichen. Blackstone wollte als Nachfolger aber lieber einen Externen holen, der das Unternehmen stärker auf Rendite trimmt.

Bisher blieb der erhoffte Erfolg aus

Stattdessen kam Obermann, der als enger Freund Rickes gilt. "Zwischen die beiden passte kein Blatt Papier", sagte ein Konzerninsider stern.de. "Marktführer ins Sachen Service" wollte Obermann werden. "Das ist schwierig, das wird ein Spagat", wusste er schon bei Amtsantritt. Den Kundenschwund im Festnetz hat er bis dato nicht stoppen können. Statt die Kundenzufriedenheit zu verbessern, gliederte er nach monatelangen Protesten und zähen Verhandlungen mit der Gewerkschaft Verdi 50.000 Mitarbeiter in neue Service-Gesellschaften aus, wo sie länger und für weniger Geld dieselbe Arbeit verrichten. Das Ziel: Die Rendite muss rauf. Bislang blieb der durchschlagende Erfolg aber aus. Schlagzeilen schrieb er zwischenzeitlich, als seine Beziehung zur ZDF-Moderatorin Maybritt Illner bekannt wurde.

Jetzt muss sich der Selfmade-Man, er hatte sich schon mit jungen Jahren selbstständig gemacht, der Aufklärung der hausinternen Spitzel-Affäre widmen. Für Renditesteigerung wird vorerst nur wenig Zeit übrigbleiben. Hinzu kommt, dass Obermann selbst angeschlagen ist. Bereits im Sommer 2007 kam ein erster Fall über interne Spionage ans Licht.

Obermann baute die Sicherheitsabteilung um und entließ den Leiter. Aber: Die Staatsanwaltschaft wurde nicht informiert, geschweige denn die betroffene Redaktion - in diesem Fall das Wirtschaftsmagazin "Capital". "Es handelte sich um einen Einzelfall", begründet die Telekom das Verhalten Obermanns. Konzernkenner mutmaßen, dass Zumwinkel nicht wollte, dass die Affäre ans Licht kam, und sie runtergespielt hat.

Noch ist auch überhaupt nicht klar, welche Unglaublichkeiten im Zuge der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft noch ans Licht kommen werden. Ein Beispiel: Die von der Telekom beauftragte Detektei soll eine Software namens "Hagelsturm" genutzt haben, mit der die Festnetz- und Mobilfunkdaten der zu überwachenden Personen gefiltert, erfasst und mit Namen, Adressen und Bankdaten verknüpft worden sein sollen.

"Ledernacken" hielt die Affäre unter Verschluss

Im Gegensatz zu Zumwinkel hat Obermann keine steile Karriere bei einer Unternehmensberatung vorzuweisen. Im Gegenteil: Obermann ist kein Akademiker, sondern hat nur eine Lehre als Industriekaufmann absolviert. Sein Studium brach er aus schlichtem Zeitmangel ab. Seine Firmen, er war schon damals seit Jahren im der Telekommunikationsbranche aktiv, ließen es nicht zu, gleichzeitig noch in der Bibliothek zu sitzen und in Münster Volkswirtschaftslehre zu büffeln. Als "extrem ehrgeizig" und als "Ledernacken" wird er von Kennern beschrieben. Eigenschaften, die ihm bei der Aufklärung der Affäre behilflich sein dürften.

Nur: Er muss etwas aufklären, was schon viel früher hätte ans Tageslicht kommen können. Doch Obermann schwieg und hielt die Affäre zumindest für eine Zeit lang unter Verschluss. An dieser Tatasache ändert auch die hektische Installation eines neuen Telekom-Datenschützers wenig. Die Öffentlichkeit darf gespannt sein, welche angekündigten "harten Konsequenzen" Obermann aus der Affäre ziehen wird.