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Teure Krebsmedikamente: Mehr Korruption wagen - Gröhes Kniefall vor den Apothekern

Gesundheitsminister Gröhe, CDU, beschenkt mal wieder die Apotheker. Der undurchsichtige Markt für Krebsmedikamente, in dem Ärzte, Pillenhersteller und Pharmazeuten miteinander mauscheln, wird in Zukunft noch undurchsichtiger.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe

Fürchtet offenbar den Zorn der Apotheker: Gesundheitsminister Hermann Gröhe, CDU

Es sind nur zwei mickrige Sätze. "§129 wird wie folgt geändert: Absatz 5 Satz 3 wird aufgehoben." Was da auf Seite 11 des Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetzes steht, klingt nach besten Juristenchinesisch. Doch wenn die Bundestagsabgeordneten an diesem Donnerstag die Änderung endgültig verabschieden, begehen sie einen Sündenfall. Sie wagen mehr Korruption.

Die Wirkung der harmlos erscheinenden Sätze ist verheerend. Sie kosten die Versicherten mehrere hundert Millionen Euro im Jahr, fördern die Geschäftemacherei im Gesundheitswesen und erfreuen vor allem die Pharmazeuten. "Die Apotheker haben einen großen Lobbyerfolg erzielt", sagt Ulrich Schwabe vom pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg dem stern. Schwabe gibt seit Jahrzehnten den Arzneiverordnungsreport mit heraus, eine Art Stiftung Warentest der Medikamentenbranche. Ähnlich kritisch urteilt Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Für ihn werden mit dem Vorhaben "spezielle Interessen bedient, die fragwürdig sind."

Margen von 50 Prozent und mehr

Es geht um Krebsmedikamente, sogenannte Zytostatika. Die Mittel sind bei Apothekern sehr begehrt, weil sich damit viel Geld verdienen lässt. Manche Präparate kosten für einen Krebspatienten 40.000 bis 80.000 Euro pro Jahr, einige sogar 100.000 Euro. Hergestellt werden sie aus Wirkstoffen, wie etwa Paclitaxel, in bestimmten Schwerpunkt-Apotheken. Denn der Apotheker braucht einen gesicherten Laborraum und muss die Präparate gezielt für den einzelnen Patienten anrühren. Von den rund 20.000 Apotheken erfüllen etwa 300 bis 400 diese Voraussetzungen.

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Sie leben gut damit. Die Gewinnspannen zwischen Einkaufspreis und dem Preis, den die Apotheken den Kassen berechnen, sind hoch. Experten schätzen die Margen auf 50 Prozent und mehr. An den lukrativen Geschäften verdienen auch die Ärzte. Sie legen weitgehend fest, welche Apotheker die Mittel liefern sollen. Von dem Verfahren bekommt der Patient wenig mit, weil der Doktor alles regelt. Die Präparate werden in die Praxis geliefert, wo sie verabreicht werden.

Über die Jahre ist um die Krebsmedikamente eine Branche entstanden, in der viel Geld fließt und kräftig geschmiert wird - zwischen Pharmaherstellern, Apotheken und Ärzten. Wolf-Dieter Ludwig ist sich sicher. "Die Preise für Krebsmedikamente sind deutlich überhöht, da lassen sich möglicherweise noch mehrere hundert Millionen Euro im Jahr einsparen", sagte er dem stern.

Gröhe dreht das Rad zurück

Diesen Sumpf versuchen einzelne Krankenkassen seit 2010 trocken zu legen, in dem sie den Markt für Zytostatika ausgeschrieben haben. Apotheken sollten nur unter bestimmten Bedingungen zum Zuge kommen, beispielsweise müssen sie einen Notfallplan vorlegen, falls eine Lieferung ausfällt. Der Markt sollte transparenter, die Geldflüsse eingedämmt und der Wettbewerb fairer werden. Allein die Ortskrankenkassen (AOK) haben inzwischen über 40 Schwerpunkt-Apotheken unter Vertrag.

Doch die Vereinbarungen werden hinfällig. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) dreht das Rad zurück. Er fürchtet den Zorn der Apotheker, denn der Wahlkampf naht. Wegen jener eingangs erwähnten Sätze dürfen die Kassen diese Krebsmedikamente künftig nicht mehr ausschreiben, selbst bestehende Verträge sollen nicht mehr gelten. Ärzte, Apotheker und Hersteller können weiter mauscheln. Begründet wird dies mit möglichen Engpässen bei der Lieferung. Auch solle die "Möglichkeit des Versicherten die Apotheke frei wählen zu können, nicht beschränkt werden" heißt es in dem Gesetzentwurf.

Experten sehen darin Nebelkerzen. "Ich halte diese Argumente gegen die Ausschreibung von Krebsmedikamenten für vorgeschoben", sagt Ulrich Schwabe.  Andere Arzneien, wie Generika, könnten die Kassen ebenfalls ausschreiben, ohne dass es Probleme gegeben hätte. Ähnlich urteilt Wolf-Dieter Ludwig. So habe es die freie Wahl der Apotheke für Krebspatienten nie gegeben, weil ohnehin nur ein bis zwei Prozent der Apotheken diese Mittel anbieten können.

Für die Versicherten ließe sich viel Geld sparen - doch Gröhe verhindert es

Ludwig, der in Berlin als Onkologe an einer Klinik praktiziert, erhält in seinem Haus die Krebsmedikamente für AOK-Patienten auch über eine Ausschreibung. Probleme bei der zeitgerechten Lieferung habe es bisher nicht gegeben. Skeptisch blickt der Arzneimittelexperte in die Zukunft. "Die enge Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Apothekern hat in der Vergangenheit in diesem Sektor das Tor geöffnet für unsaubere Praktiken. Da sollte man den Rückfall in alte Zeiten verhindern", sagt er.

Dass es bei Krebsmedikamenten um viel Geld geht, zeigt noch ein anderes Beispiel. Die Apotheker boten den Kassen kürzlich einen Sonderrabatt von 150 Millionen Euro an, wenn sie auf Ausschreibungen künftig verzichten würden. Die Kassen lehnten ab. Sie veranschlagen den gesamten Markt auf drei bis vier Milliarden Euro, in dem sich mindestens 650 Millionen Euro sparen ließen. Jetzt gehen die Versicherten leer aus. Dank eines Kniefalls von Hermann Gröhe vor den Apothekern.