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Tourismus: Nullrunde und Krisenpläne

Die deutsche Reisebranche leidet: Die 75.000 Beschäftigten der Branche legen für ein halbes Jahr eine Gehalts-Nullrunde ein. Die Buchungszahlen stürzt derweil immer weiter ab.

Die Experten der großen Reiseveranstalter brüten über Krisenplänen für den Tag X, an dem der Irak-Krieg ausbricht. Der weltweite Marktführer TUI (Hannover) streicht 1.000 Stellen im Konzern und muss den Absturz seines Aktienkurses auf historische Tiefstände erleben. Branchenzweiter Thomas Cook (Oberursel) verschärft den Sparkurs und hofft beim Ergebnis gerade noch auf eine Schwarze Null. Und die Kurve der Buchungszahlen stützt derweil immer heftiger in die Tiefe. Zur weltgrößten Reisemesse ITB in Berlin (7. bis 11. März) rutscht die ehemalige Wachstumsbranche Tourismus weiter in die Krise.

Gesundbeten hilft nicht

Dabei beschwören die Manager schon seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA eine baldige Rückkehr in den Sonnenschein. Erst hielt die Terrorangst die Menschen aus den Reisebüros fern. Dann kamen Anschläge auf Urlaubsziele. Später führten Experten den WM-Erfolg der Fußball-Nationalmannschaft als Erklärung für die flauen Buchungszahlen an. Über allem lastet die lähmende Konjunkturflaute in Deutschland. Hinzu kommt der drohende Irak-Krieg, der gerade in den vergangenen Wochen voll auf das Geschäft mit dem Urlaub durchschlägt.

Dramatische Lage

«Die Buchungszahlen zur Zeit sind schlecht», sagt Dorothea Hohn vom Buchungssystem Start Amadeus, über das etwa 85 Prozent der deutschen Reisebüros ihre Geschäfte abwickeln. Gegenüber den ohnehin schon sehr schwachen Monaten Januar und Februar 2002 liegen sie für den Flugbereich 7,7 Prozent zurück. «Die Lage in der Touristik ist noch dramatischer», sagt Hohn. Start Amadeus registrierte «gut 13 Prozent» weniger Buchungen im Vergleich zu 2001 - Zahlen, die sich ähnlich in den Büchern der Veranstalter wieder finden.

Branche von Doppelkrise erwischt

Freizeitforscher Prof. Horst W. Opaschowski spricht von einer Doppelkrise, in der sich die Reiseindustrie befindet. Auf der einen Seite der Irak-Konflikt. «De facto ist der Krieg in den Köpfen und im Verhalten der Verbraucher schon da», meint auch Thomas-Cook-Chef Stefan Pichler. TUI-Chef Michael Frenzel fügt hinzu. «Niemand weiß wie lange so ein Krieg dauert und welche Folgen er haben wird.» Auf Grund der Unsicherheit will er eine Prognose für 2003 deshalb nicht wagen. Einige unabhängige Experten haben 2003 schon abgeschrieben und wollen lieber über die Chancen in 2004 reden.

Jobangst lässt sparsam werden

Hinzu kommt die flaue Konjunktur. Eine Forsa-Umfrage ergab gerade, dass jeder zweite Berufstätige in Deutschland Angst um seinen Arbeitsplatz hat. Und steigende Steuern und Sozialabgaben zum Beginn des neuen Jahres haben das Geld der Deutschen zudem noch weniger werden lassen. Viele drehen den Euro mehrfach um, und geben ihn - zumindest zur Zeit - nicht für den Urlaub aus.

Flucht ins Billige als Heilsbringer

«Geiz ist geil», heißt es in einer Werbekampagne - und die Touristik macht sich das Motto zu eigen und setzt auf billig, billig, billig. TUI-Chef Frenzel registriert beim seinem neuen Billigflieger Hapag-Lloyd Express das Wachstum, das er bei den klassischen Pauschalreisen so gern hätte. Als Reaktion will er nun einen Billig-Reiseveranstalter an den Start bringen, bei dem der Urlauber jeden winzigen Baustein aus dem Gesamtpaket ausklammern kann - bis hin zum Essen im Flieger, das er sich sparen möchte. Doch auch hier sehen Experten schon bald eine Wachstumsgrenze.

Preissenkung für Familien

Um der Buchungsflaute bei Pauschalreisen auf die Sprünge zu helfen, senkte TUI Deutschland die Preise für Familien. Der Reiseveranstalter hat mit vielen Hotels nachverhandelt und gibt die Preissenkungen in Form von 100.000 Kinderfestpreisen an die Kunden weiter. Bei den Buchungen der Familien ist noch einiges zu holen, auch wenn die TUI zurzeit mit den Buchungen dieser wichtigen Kundengruppe zufrieden ist.

Wachstumsmarkt Asien

Vom Billigflieger und auch vom Billigveranstalter lässt Thomas Cook bislang noch die Finger, geht aber - wie Konkurrent TUI - neben dem Sparkurs noch einen weiteren Weg, um auf die Krise zu reagieren. Ab ins Ausland - zwar sind beide großen Konzerne bereits nahezu europaweit mit Veranstaltern, Fluggesellschaften und Hotels am Markt, jetzt zieht es sie aber nach Asien. TUI gründete einen Veranstalter in China und verhandelt gerade um eine Beteiligung an einem russischen. Und Thomas Cook will in vier Jahren nicht mehr 4, sondern 20 Prozent der Veranstalterumsätze außerhalb der Kernmärkte in Europa erzeilen.

Deutschlandurlaub wieder attraktiv

Gewisse Freude gibt es derweil in den Urlaubszielen, die schnell und vermeintlich sicher mit dem Auto zu erreichen sind. So freute sich jüngst TUI-Deutschland-Produktmanagerin Janice Wiskow über zweistellige Zuwachsraten für die Angebote im Harz. Besonders gut liefen einfachere Häuser mit gutem Preis-Leistungsverhältnis. Auch für andere Deutschland-Ziele werden Zuwächse erwartet. Das wird aber den Chefs der Reiseindustrie wie etwa Frenzel nur ein kurzes Lächeln abringen. Das Geschäft im Harz kann die Risiken der rund TUI- Flugzeugflotte mit 90 Maschinen und der 150.000 TUI-Hotelbetten weltweit kaum ausgleichen.