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Eskalation im Irak: Isis erstürmt Grenzposten zu Jordanien und Syrien

Die sunnitische Terrorgruppe Isis hat die irakische Armee aus Städten im Grenzgebiet zu Syrien und Jordanien vertrieben und die Grenzen überschritten. Die USA bemühen sich um einen Krisenplan.

Im Nordirak sichern Soldaten die Grenze zwischen Kirkuk und Tikrit vor einem Angriff

Im Nordirak sichern Soldaten die Grenze zwischen Kirkuk und Tikrit vor einem Angriff

Die islamistische Isis-Miliz steht inzwischen weniger als hundert Kilometer vor Bagdad. Die sunnitische Terrorgruppe breitet ihr Gebiet immer weiter aus. Allein im West-Irak soll sie vier Orte erobert und ihre Machtposition dort ausgebaut haben. Jetzt nimmt sie Kurs auf die Hauptstadt.

Augenzeugen hatten am Sonntag berichtet, die Kämpfer hätten einen Großteil der Ortschaft Haditha - 260 Kilometer westlich von Bagdad - unter ihre Kontrolle gebracht hätten. In der Region steht ein Euphrat-Staudamm mit einem strategisch wichtigen Wasserkraftwerk. Zuvor hatten die sunnitischen Extremisten die Ortschaften Ana, Raua und Al-Kaim im Grenzgebiet zu Syrien erobert, die ebenfalls am Euphrat liegen.

Jordanien mobilisiert Streitkräfte

Irakische Medien berichteten ferner über das Vordringen radikal-islamischer Kämpfer auf einen irakisch-syrischen Grenzposten weiter südlich, nahe der Ortschaft Al-Walid. Die meisten Sicherheitskräfte hätten sich daraufhin entfernt.

Das Nachbarland Jordanien mobilisierte nach dem Vorrücken der Isis-Terroristen die Streitkräfte an seiner Grenze. Das Königreich habe "Dutzende" Verbände entlang der Grenze aufgeboten, verlautete aus Militärkreisen in Amman. Berichten zufolge sollen Isis-Kämpfer die Stadt Rutba auf der Straße von Bagdad nach Amman und einen strategisch wichtigen Grenzübergang nach Jordanien eingenommen haben.

USA arbeiten an Krisenkurs

Angesichts der Isis-Offensive im Irak bemühen sich die USA in der Region um einen gemeinsamen Krisenkurs. US-Außenminister Kerry sucht bei einem Besuch in der Region nach Mittel und Wegen, den Vormarsch der Islamistenmiliz zu stoppen.

Kerry reist nach seinen Besuchen in Ägypten und Jordanien weiter nach Luxemburg. Dort beraten die Außenminister der 28 EU-Staaten beraten am heutigen Montag über die Lage im Irak. Sie wollen die Gewalt der Islamisten verurteilen und eine Regierung fordern, in der Sunniten und Schiiten gleichermaßen vertreten sind. "Unsere Möglichkeiten der Einflussnahme sind begrenzt", sagte ein Diplomat.

Die USA hatten angekündigt, das irakische Militär im Kampf gegen die Terrormiliz zu unterstützen. Washington setzt dabei unter anderem auf einen möglichst kurzen Einsatz der rund 300 Soldaten, die als Militärberater in den Irak geschickt werden sollen.

Von der syrischen Provinz Rakka aus waren die Isis-Kämpfer vor einigen Monaten ins westirakische Anbar gekommen. In der Stadt Falludscha setzten sie sich im Januar fest, eroberten Waffendepots der irakischen Armee und hielten Angriffen der Regierungstruppen stand. Vor eineinhalb Wochen nahmen sie die Millionenstadt Mossul ein und zogen dann rasch weiter in Richtung Bagdad. Inzwischen haben die Islamisten große Landstriche im Norden und Westen des Iraks unter ihrer Kontrolle.

2,5 Millionen freiwillige Kämpfer

Nach Angaben der Regierung haben sich inzwischen mehr als 2,5 Millionen Schiiten freiwillig zum Kampf gegen Isis gemeldet. Iraks Ministerpräsident Nuri al-Maliki ordnete an, dass sie dafür monatlich umgerechnet rund 330 Euro bekommen sowie Verpflegungszulagen.

Die Feindschaft zwischen den muslimischen Glaubensrichtungen der Sunniten und Schiiten hat im Irak eine lange Tradition. Ex-Diktator Saddam Hussein, ein Sunnit, hatte die schiitische Mehrheit im Land diskriminiert. Nach seinem Sturz 2003 verloren die sunnitischen Stämme Macht und Einfluss. Nach dem US-Abzug 2011 entbrannte der Machtkampf aufs Neue. Die von Schiiten dominierte Regierung unter Nuri al-Maliki hält Sunniten seit Jahren von allen wichtigen politischen Posten im Irak fern.

Sunnitische Terrorgruppen wie Isis kämpfen gegen Schiiten, die sie als "Abweichler" von der wahren Lehre des Islams ansehen. Die Isis-Kämpfer verbreiten derzeit Angst und Schrecken in der Region. Hunderttausende sind auf der Flucht. Im benachbarten Syrien sieht die Lage wegen des dort tobenden Bürgerkrieges ähnlich aus.

jen/DPA/AFP / DPA