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Transnet zum Rücktritt von Mehdorn: "Aufklärung muss weitergehen"

Transnet-Chef Alexander Kirchner schließt nach dem Rücktritt von Hartmut Mehdorn weitere Abgänge im Bahn-Vorstand nicht aus. "Es kann sehr wohl sein, dass weitere personelle Konsequenzen zu ziehen sind", sagt der Gewerkschafter und Bahn-Aufsichtsrat im stern.de-Interview. Kirchner fordert eine schnelle Lösung bei der Suche nach einem Nachfolger.

Herr Kirchner, wie muss es nach dem Rücktritt von Hartmut Mehdorn weitergehen?

Die Politik, beziehungsweise der Eigentümer, muss eine Orientierung für das Unternehmen geben. Nach dem abgesagten Börsengang brauchen wir jetzt Klarheit: Wo soll das Unternehmen hin? Und danach muss ein Name präsentiert werden.

Wie schnell muss das gehen?

Die Orientierung muss schnell gehen, anschließend muss schnell ein Nachfolger gefunden werden. Je schneller, desto besser. Aber es muss mit der notwendigen Sorgfalt geschehen.

Wie sehr fürchten Sie, dass sich beim Ringen nach einem Nachfolger ein Kandidat durchsetzt, mit dem Union und SPD leben können, der aber fachlich nicht der beste ist?

Die Politik ist schlecht beraten, da irgendeinen Politiker hinzusetzen, der nicht in der Lage ist, so ein Unternehmen zu führen. Für so eine Lösung gäbe es von uns keine Zustimmung im Aufsichtsrat. Ich will nicht sagen, dass es da keine fähigen Menschen gibt. Denn das haben wir ja in der Wirtschaftskrise gelernt: In vielen Unternehmen gibt es keine fähigen Manager.

Es ist besser, andersherum an die Nachfolge ranzugehen. Erstmal klären: Wo soll das Unternehmen hingehen? Bleibt der integrierte Konzern bestehen? Von dem Bekenntnis eines Kandidaten zu einem integrierten Konzern machen wir unsere Zustimmung abhängig.

Wie lange wird Hartmut Mehdorn noch im Amt bleiben?

Es ist ja klar, dass mit dieser Situation eine Lähmung eintritt. Er hat die Entscheidung über den Rücktritt getroffen. Das Unternehmen befindet sich in der Krise und deshalb brauchen wir vor dem Sommer einen neuen Vorstandsvorsitzenden, der das Unternehmen aus der Wirtschaftskrise führt.

Bislang waren die Gewerkschaften gegen einen Kandidaten, der nur eine Übergangslösung ist. Bleiben Sie dabei?

Ich halte es für völlig falsch, einen für mehrere Monate zu holen - bis nach der Bundestagswahl oder für ein Jahr. Das würde nur zu einer Verwaltung des Unternehmens führen. Gerade die wirtschaftlichen Probleme im Güterverkehr, die sich aus der Finanzkrise ergeben haben - Auftragseinbrüche, als Folge Kurzarbeit - bedürfen, dass wir einen handlungsfähigen Vorstand haben, der auch langfristig agieren kann.

Also nicht Werner Müller, der Aufsichtsratsvorsitzende.

Wir diskutieren jetzt keine Personalien.

Was muss der neue Chef leisten?

Erstmal muss er das verlorene Vertrauen zwischen Vorstand und Beschäftigten wiederherstellen und die Mannschaft wieder hinter sich bekommen. Zum zweiten muss er gegenüber der Politik die Positionierung nach vorne bringen. Bei Fragen, die die Zukunft der Bahn betreffen - wie Wettbewerb und Investitionen in die Infrastruktur - muss er sich gegenüber der Politik durchsetzen können. Und er muss das Image der Bahn wieder verbessern.

Müssen nach dem Rücktritt von Mehdorn nicht auch andere Mitglieder des Vorstands gehen?

Das wird sich zeigen. Wir haben zwei Ebenen der Klärung: die rechtlich-juristische und jene der Verantwortung im Vorstand. Wir werden die Untersuchungen weiter fortsetzen und am Ende hoffentlich Klarheit darüber haben, wer tatsächlich Anweisungen gegeben hat. Und damit Verantwortung übernehmen muss. Es kann sehr wohl sein, dass weitere personelle Konsequenzen zu ziehen sind.

Schätzen Sie das im Moment so ein?

Ich schätze zumindest, dass wir am Ende des Prozesses wissen, ob dieser Vorstand diese Dinge angeordnet hat, oder ob man diese Dinge hat freilaufen lassen und nicht ausreichend kontrolliert hat.

Wie muss es mit der Aufklärung von Gerhart Baum und Herta Däubler-Gmelin weitergehen?

Die Aufklärung muss weitergehen. Selbstverständlich, da gibt es gar kein Vertun. Und zwar so, wie wir sie angesetzt haben. Die Aufklärung ist durch die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat erwirkt worden. Die Datenbestände müssen gesichtet werden, das ist erst zur Hälfte geschehen. Die Interviews mit Beteiligten müssen weitergehen, da ist erst ein Drittel der Interviews gemacht worden. Es gibt keinen Grund, die Aufklärung abzubrechen.

Neben der personellen müssen auch strukturelle Konsequenzen gezogen werden. Ich gehe davon aus, dass es bei der Bahn strukturelle Konsequenzen geben wird bei der Frage, wie gegen Korruption vorgegangen wird. Daraus werden wir unsere Forderungen an die Politik ableiten können. Der Grau-Bereich, in dem Unternehmen agieren, muss begrenzt werden. Das Arbeitnehmerdatenschutzgesetz ist ja eine unserer Forderungen.

Wenn mehrere Vorstandsmitglieder von den Überwachungen wussten: Muss der Vorstand dann komplett zurücktreten?

Das werden wir sehen, wenn es soweit ist. Ich weiß nicht, wie weit der Vorstand involviert ist.

Interview: Axel Hildebrand