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Übernahmefieber: Stahl-Riesen ringen um Marktanteile

Angestachelt von einem nahezu historischen Branchen-Boom haben sich die internationalen Stahl-Giganten 2005 einen harten Kampf um Marktanteile geliefert. Jetzt mischt auch die deutsche ThyssenKrupp mit.

Ein Ende der bereits auf Hochtouren laufenden Übernahmeschlacht um Marktanteile ist in der hochprofitablen Stahl-Branche auch im kommenden Jahr nicht in Sicht: Die um die Weltspitze ringenden Stahlkolosse Mittal Steel und Arcelor haben bereits weitere milliardenschwere Zukäufe angekündigt. Auch der deutsche Branchenprimus ThyssenKrupp hat sich mittlerweile in das weltweite Rennen eingeschaltet.

Auch ThyssenKrupp schmiedet Expansionspläne

Mit einem Übernahmeangebot für den größten kanadischen Stahlhersteller Dofasco hatte der deutsche Traditionskonzern Ende November seine langjährige Zuschauerrolle aufgegeben, die das Unternehmen seit dem Zusammenschluss der einstigen Rivalen Thyssen und Krupp im weltweiten Fusionskarussell eingenommen hatte. Der deutsche Branchenführer könnte durch eine Dofasco-Übernahme in den vergangenen Jahren verlorenes Terrain wieder gutmachen. Abgeschlagen hinter dem Spitzen-Duo könnte ThyssenKrupp durch die Übernahme im Mittelfeld der Stahlliga von Platz zehn auf Rang sechs aufsteigen.

Mit dem Kauf des US-Stahlkonzerns ISG hatte bereits im Frühjahr der indische Stahl-Magnat Lakshmi Mittal dem luxemburgischen Konkurrenten Arcelor die Führungsrolle in der Weltstahlliga abgejagt. Ende Oktober konnte Mittal seinen Vorsprung mit dem Kauf des ukrainischen Stahlkonzerns Kriworoschstal für vier Milliarden Euro weiter ausbauen. Kurz vor Jahresende holte Dauer-Konkurrent Arcelor schließlich mit einem für den kanadischen Stahlhersteller Dofasco vorgelegten feindlichen Übernahmeangebot zum Gegenschlag aus. Gestoppt wurde die Attacke zumindest vorerst von ThyssenKrupp. Auf Bitten des Dofasco- Managements schlüpften die Deutschen in die Rolle des so genannten Weißen Ritters und sprangen dem bedrängten Unternehmen mit einem eigenen Angebot über 3,5 Milliarden Euro zur Seite.

Arcelor lässt die Blicke schweifen

Bis zum 10. Januar müssen die Dofasco-Aktionäre nun über die ThyssenKrupp-Offerte entscheiden. Offen ist derzeit, ob Arcelor mit einem erneuten Angebot in ein Bietergefecht mit ThyssenKrupp einsteigt - oder schon längst Ausschau nach neuen Übernahmekandidaten hält. Börsengerüchte zu einer möglichen Übernahme des amerikanischen Herstellers United States Steel durch Arcelor trieben Anfang Dezember den Kurs beider Unternehmen in die Höhe. Der Stahlriese kommentierte die Berichte ebenso wenig wie eine Meldung der türkischen Zeitung "Hürriyet" über einen möglichen Einstieg von Arcelor bei einem türkischen Stahlhersteller.

Experten wie der Präsident der Düsseldorfer Wirtschaftsvereinigung Stahl, Dieter Ameling, erwarten auch künftig weltweit eine "deutliche Konzentration". "Die Stahlindustrie ist eine profitable Wachstumsbranche", sagte Ameling. Überall auf der Welt erfreue sich der Werkstoff derzeit einer Wertschätzung, wie es noch vor nicht allzu langer Zeit "undenkbar" gewesen wäre. In Übereinstimmung haben sich die zwei Konkurrenten Mittal und Arcelor eine Jahresproduktion von 100 Millionen Tonnen zum selbst gesteckten Ziel gesetzt. Branchenprimus Mittal kommt derzeit auf rund 66 Millionen Tonnen, Arcelor auf 51 Millionen Tonnen. Bei ThyssenKrupp sind es rund 17,6 Millionen Tonnen. Größte Stahl-Nation ist China mit einer Produktion von rund 330 Millionen Tonnen, die sich jedoch auf eine Vielzahl von Herstellern verteilt.

Weitere Konzentration erwartet

Folgt man zumindest den Zukunftsvisionen der beiden großen Stahl-Konzerne, könnte es für viele kleinere Produzenten schon bald eng werden. Während Arcelor mit einer Konzentration auf weltweit "vier bis fünf" große Anbieter rechnet, sieht der Sohn des indischen Stahl- Magnaten, Aditya Mittal, nur noch Platz für "drei bis vier" Konzerne. Noch vor zehn Jahren hatte Mittal mit einem Jahresausstoß von sechs Millionen Tonnen auf Platz 29 in der Liga der Stahlerzeuger gelegen.

ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz hat seinem Konzern nun mit geplanten Milliarden-Investitionen eine weltweite Wachstumsstrategie verordnet. Die Gefahr, selbst Ziel eines feindlichen Übernahmeversuchs zu werden, sehe er nicht, betonte der Konzernchef. Im Kampf gegen eine mögliche feindliche Übernahme ist ThyssenKrupp seit kurzem jedoch besser gerüstet. Die Krupp-Stiftung als größter Einzelaktionär hat ihren Anteil auf knapp 23,6 Prozent weiter aufgestockt. Unter den Anteilseignern könne man sich derzeit über eine "stabile Situation" freuen, so der ThyssenKrupp-Chef.

Uta Knapp/DPA / DPA