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Urteil im VW-Prozess: Volkerts verhängnisvolle Affäre

Klaus Volkert muss wegen der VW-Affäre fast drei Jahre ins Gefängnis - sein Mitangeklagter Joachim Gebauer kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. Volkerts Verteidiger sieht das Urteil als "krassen Fall der Zwei-Klassen-Justiz". Die Drahtzieher der Schmiergeld-Affäre kommen davon.

Von Inga Niemann, Braunschweig

In Sekundenschnelle zeichneten sich tiefe Furchen auf dem sonnengebräunten Gesicht von Klaus Volkert ab. Sichtlich erschüttert wirkte der 65-Jährige, als die Vorsitzende Richterin des Braunschweiger Landgerichts, Gerstin Dreyer, das Urteil gegen ihn verkündete. Bis zuletzt hatte Volkert gehofft, in dem Prozess um die VW-Affäre besser wegzukommen. Dreyer hatte noch vor wenigen Tagen erklärt, dass Volkert möglicherweise nur die Annahme von Bestechungsgeldern in Höhe von knapp zwei Millionen Euro, nicht aber die Anstiftung dazu, nachzuweisen sei.

Scheinvertrag für die Geliebte wog schwer

Doch für die Höhe des Strafmaßes wog am Ende vor allem die finanzielle Begünstigung von Volkerts brasilianischen Geliebten Adriana Borros besonders schwer. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Volkert den früheren VW-Arbeitsdirektor Peter Hartz zum Abschluss eines Scheinvertrags für seine Geliebte angestiftet hat. Ohne Gegenleistung hatte die Geliebte allein durch diesen "Dienstleistungsvertrag" insgesamt 400.000 Euro kassiert. Noch nicht mit gerechnet sind dabei die unzähligen Lustreisen um die ganze Welt und die vielen Schmuckstücke, die Volkert für Borros auf VW-Kosten geschenkt hat.

Bezüglich der Sonderbonizahlungen, die Volkert auf Anweisung von Hartz erhalten hat, urteilte das Gericht, dass der Ex-Betriebsratschef sich zwar nicht - wie es in der Anklageschrift hieß - zur Anstiftung zur Untreue, aber zur Beihilfe zur Untreue strafbar gemacht hat, indem er das Geld von Hartz angenommen hat. Dem VW-Konzern sei dadurch ein großer Vermögensschaden entstanden. "Der Angeklagte wusste, dass es sich um vertrauliche Zahlungen handelte und niemand davon wissen sollte", sagte Dreyer. Volkert sei vollkommen klar gewesen, dass es sich um Bestechungsgelder gehandelt habe, weil die für die Bezahlung von Betriebsräten zuständige Kommission darüber nicht informiert und die einzelnen Sonderboni über die Extra-Kostenstelle "1860"abgerechnet worden sind, so die Richterin.

Auch Gebauer war zu gierig

Auch Gebauer wird vom Gericht für einen Scheinvertrag zur Rechenschaft gezogen. Der 66-Jährige hat seiner ukrainischen Freundin Tatjana Rother, mit der er einen siebenjährigen Sohn hat, einen Scheinarbeitsvertrag besorgt. Rother sollte für den zum VW-Konzern gehörenden Autobauer Skoda Tschechien in Berlin als rechte Hand von Ex-Skoda -Personalchef Helmuth Schuster tätig werden. "Nachweislich hat sie aber keinen einzigen Tag gearbeitet und hat das auch nie vorgehabt", sagte Dreyer. Das an Rother gezahlte Gehalt in Höhe von 48.000 Euro sei von Skoda Deutschland abgeschrieben worden.

Zudem wurde Gebauer für seine Beteiligung an Bordellbesuchen und Lustreisen und vor allem für die von ihm dafür ausgestellten "Eigenbelege" verurteilt: Es sei seine Pflicht gewesen, die Gründe der entstandenen Kosten gegenüber dem VW-Konzern offen zulegen, urteilte Dreyer. Gebauer hatte in dem Prozess stets betont, nur auf Hartz' Anweisung gehandelt zu haben. Seine Bewährungsstrafe läuft drei Jahre. Gebauer hatte auf Freispruch gehofft und reagierte zynisch: "Klasse-Urteil! Nein, mit einer so hohen Strafe habe ich nicht gerechnet."

Verurteilt und arm

Beide Verurteilten müssen keine Geldstrafen zahlen. Die vom Gericht verhängten Tagessätze für die einzelnen Taten wandelte es in Freiheitsstrafen um. Viel Geld gebe es ohnehin nicht mehr zu holen: Gebauer wurde vom VW-Konzern fristlos gekündigt. Er bekommt keine Betriebsrente und bezieht nun 1500 Euro gesetzliche Rente. Sein Haus wird derzeit zwangsversteigert. Volkerts Betriebsrente wurde gekürzt, zudem kommen hohe Steuernachzahlungen auf ihn zu. Auch der VW-Konzern will Forderungen gegen Volkert stellen.

Besonders Volkerts Anwalt Johann Schwenn war die Wut über das Urteil anzusehen. "Das ist ein krasser Fall der Zwei-Klassen-Justiz", sagte er. Hartz sei in der Affäre vor Gericht wesentlich besser weggekommen als sein Mandant. Auch Gebauers Anwalt Wolfgang Kubicki reagierte sauer. "Die rechtliche Begründung des Urteils ist nicht haltbar", kritisierte er. Hartz habe Gebauer schließlich angehalten, die Eigenbelege zu schreiben. Beide Anwälte haben angekündigt, in Revision zu gehen.

Die Verteidiger ernteten damit zumindest Zustimmung bei vielen Prozessbesuchern. "Gebauer ist das Opfer von Piech und Hartz", sagt ein älterer Herr, der früher mal für VW gearbeitet hat. "Alle wussten doch Bescheid, vor allem Piech, aber darüber redet offiziell keiner."

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