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Kommentar: Man muss Piëch nicht alles glauben

In seiner Aussage im Prozess gegen Ex-VW-Manager Klaus-Joachim Gebauer hat Ferdinand Piëch vor allem versucht, seine Ahnungslosigkeit zu beteuern. Doch seiner Glaubwürdigkeit hat er damit wohl kaum einen Gefallen getan.

Von Johannes Röhrig

Um 11.20 Uhr sagte Ferdinand Karl Piëch, 70, leise "Danke schön". Dann ging er. Was von seinem fast eineinhalbstündigen Auftritt als Zeuge im VW-Prozess vor dem Braunschweiger Landgericht haften bleibt, ist das flaue Gefühl, hinters Licht geführt worden zu sein. Aber mehr als ein Gefühl - einen Beweis - gibt es nicht.

Denn der Porsche-Enkel ist ein Meister der Zerstreuung. Die Befragung war stellenweise unangenehm für ihn, aber nie bedrohlich. Immer wenn es eng wurde, demonstrierte Piëch die Ahnungslosigkeit eines Konzernlenkers, der sich stets nur ums große Ganze gekümmert habe, sich nie aber in den Niederungen des Unternehmens umtat: "Nicht gewusst", "nie befasst", "nicht meine Zuständigkeit", so der Tenor seiner Aussage.

Er wird die Affäre unbeschadet überstehen

Piëch hat derzeit Gewaltiges vor: Er will Deutschlands profitabelsten Autokonzern Porsche mit Europas größtem Autobauer Volkswagen zusammen führen. Er kann dies unbeirrt weiter vortreiben: Der Skandal um Lustreisen, Prostituierte auf Firmenkosten und millionenschwere Sonderzahlungen an den einstigen Betriebsratschef Klaus Volkert fällt zwar in seine Zeit als Vorstandschef und späterer Aufsichtsratsvorsitzender bei VW. So wie es heute aussieht, wird er die Affäre aber unbeschadet überleben.

Für die Angeklagten in dem Prozess - für Volkert sowie den einstigen Personalmanger Klaus-Joachim Gebauer - war Piëch heute dennoch taktisch nützlich. Denn der 70-Jährige musste auf Nachfragen immerhin einräumen, mündlich Volkerts hoher Entlohnung auf der Stufe eines "leitenden Angestellten" - gemeint war das Niveau eines Markenvorstands - zugestimmt zu haben. Mit anderen Worten: Aus der Sicht der Konzernspitze war der gelernte Schmied Volkert soviel wert wie ein Vorstand von Skoda oder Seat. Auch das Rentenniveau Volkerts hatte Piëch 1998 angehoben; diesmal sogar schriftlich. Das kann das Maß der Untreue, die Volkert vorgeworfen wird, mindern.

Gebauer hätte nichts abrechnen können

Außerdem machte Piëch Angaben zum Spesensystem bei Volkswagen. Zwar konnte er den Unterschied zwischen herkömmlichen Spesen und so genannten Vertrauensspesen, wie sie seinerzeit Volkert eingeräumt worden waren, nicht klar beschreiben. Deutlich wurde aber: Gebauer, der sich um das Wohlergehen Volkerts zu kümmern hatte und der viele Reise- und Bordell-Ausgaben per Ersatzbeleg abrechnete, hätte die Ausgaben von dem Rechnungswesen gar nicht erstattet bekommen dürfen, weil die Abrechnungen nicht korrekt gegengezeichnet waren. Hartz hatte bei seinem Prozess gegenüber dem Gericht angegeben, die Unterschriftsregeln für Quittungen von Gebauer außer Kraft gesetzt zu haben. Glaubt man nun Piëch, so war das gar nicht möglich. Auch das Rechnungswesen hätte also versagt. Das könnte wiederum die Verantwortlichkeiten Gebauers schmälern.

Im März 2006, bei seiner ersten Aussage gegenüber Ermittlern, hatte Piëch zu Protokoll gegeben, er lösche "einen Vorgang" immer dann aus seinem Kopf, "wenn ich nichts geben musste". Heute sagte er: "Ich gebe nicht gerne Geld." Das sei ein Wesenszug von ihm. Deshalb habe er Volkert mit dessen Begehrlichkeiten an Hartz verwiesen. Reiche Menschen würden sich oft schwer tun mit großzügigen Gesten, meint Piëch, deswegen seien sie so reich. Im Gerichtssaal sorgen solche Sprüche für Gelächter. Dass seine Knauserigkeit ihn letztlich davor bewahrt habe, in den VW-Skandal verstrickt zu sein, ist für einen der mächtigsten Unternehmer in Deutschland dennoch eine allzu sehr simple Erklärung. Man muss Piëch nicht alles glauben.