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VW-Prozess: Wolfsburger Omerta

Was wusste VW-Pate Ferdinand Piëch über die Lustreisen des Betriebsratschefs? Vor dem Braunschweiger Landgericht hat nun Ex-Konzernchef Bernd Pischetsrieder ausgesagt. Der hatte mit Piëch zwar noch eine Rechnung offen, ließ sich aber zu keinem Racheakt hinreißen.

Von Marcus Gatzke, Braunschweig

Wer gehofft hatte, die Zeugenaussagen von Ex-Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder würde vor dem Landgericht Braunschweig neue Erkenntnisse über die Lustreisen-Affäre beim Wolfsburger Konzern bringen, ist am Dienstag enttäuscht worden. Pischetsrieder nahm für sich in Anspruch, was zuvor schon Vorgänger Ferdinand Piëch für sich in Anspruch genommen hatte: Ahnungslosigkeit. Wenn er etwas Erhellendes gewusst hat, hat er es jedenfalls nicht gesagt, so als gelte, in Anlehnung an das Schweigegebot der italienischen Mafia, eine Art Wolfsburger Omerta.

Eher zufällig von Schmiergeldzahlungen erfahren

So sagte Pischetsrieder, von 2002 bis 2006 Vorstandsvorsitzender des Konzerns, über jene Kostenstelle "1860 Diverses", über die die Reisen des Betriebsrates abgerechnet wurden, habe er bis zum Juni 2005 nichts gewusst. Eher zufällig habe er im Juni 2005 von Schmiergeldzahlungen und umstrittenen Spesenabrechnungen erfahren. Er habe daraufhin sofort reagiert und eine interne Untersuchung eingeleitet. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG seien mit einer externen Revision beauftragt worden.

Vorstandskollege Peter Hartz, so Pischetsrieder, habe ihn damals jedoch nicht über die besondere Rolle eines gewissen Klaus Joachim Gebauers aufgeklärt. Der ehemalige Personalmanager war zu der Zeit für die besondere Behandlung des Betriebsrates und der Abrechnung der Lustreisen zuständig. Er muss sich jetzt, zusammen mit dem ehemaligen Betriebsratschef Klaus Volkert, vor Gericht verantworten.

Keine Neuigkeiten in der Aussage

Hartz sei "schockiert" gewesen und habe "keine Sekunde" gezögert und deutlich gemacht, dass man sich von den Mitarbeitern trennen müsse, sollte sich der Verdacht bestätigen. Gebauer musste gehen und packte dann Details über die besondere Behandlung von Betriebsräten aus und nannte Namen.

Insgesamt sagte Pischetsrieder am Dienstag nichts, was er nicht bereits bei seiner ersten internen Vernehmung im April 2006 zu Protokoll gegeben hatte. Nur: Der Blickwinkel, aus dem die Antworten diesmal bewertet wurden, hatte sich geändert. Über allen Fragen schwebte diesmal Piëch. Lässt Pischetsrieder etwas über Piëchs Rolle verlauten? Wird er ihn vielleicht sogar in die Pfanne hauen? Die VW-Affäre um Lustreisen, Schmiergelder und Partys für Betriebsräte auf Firmenkosten hatte sich überwiegend in den neunziger Jahren abgespielt, in der Ära von Piëch, der damals Vorstandsvorsitzender war. Deshalb dreht sich derzeit alles um die Rolle des mächtigen ehemaligen Konzernlenkers, der bereits in der vergangenen Woche Rede und Antwort stehen musste. Hat er als Vorgänger Pischetsrieders an der Spitze von VW von den Lustreisen Kenntnis gehabt? Hat er sie sogar vielleicht mit veranlasst? Piëch bestreitet jedwede Mitwisserschaft und schiebt dem ehemaligen Personalvorstand Peter Hartz den Schwarzen Peter zu. Der wurde bereits zu zwei Jahren auf Bewährung und einer hohen Geldstrafe verurteilt.

"Dazu kann ich nichts sagen"

Es war zwar unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar, dass Pischetsrieder Piëch vor Gericht belasten würde. Beide gelten nicht unbedingt als die dicksten Freunde - spätestens seitdem Piëch dafür gesorgt hat, dass Pischetsrieder seinen Job bei Volkswagen Ende 2006 verlor. Aber Pischetsrieder verweigerte nicht nur den Richtern, sondern auch den anwesenden Journalisten den Gefallen, sich über eine mögliche Verwicklung Piëchs zu äußern. "Dazu kann ich nichts sagen", antwortet er unisono auf entsprechende Fragen.

Mit einzelnen Kostenstellen habe sich der Vorstand nie beschäftigt, geschweige den mit der Abrechnung von Reisen des Betriebsrates, sagte Pischetsrieder. Dass dort auch Ehegatten mitgefahren sind, hält Pischetsrieder für normal und üblich. Es sei ihm als "gewisse Kompensation" für lange Arbeitszeiten am Wochenende erklärt worden. Die Kostenstelle 1860 sei zudem direkt Peter Hartz zugeordnet gewesen.

Besondere Behandlung Volkerts gerechtfertigt

Die Aussagen von Piëch und Pischetsrieder weisen in Teilen erhebliche Parallelen auf: Auch Pischetsrieder hält die besondere Behandlung des ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden Klaus Volkert, der sich zusammen mit Gebauer des Vorwurfs der Untreue erwehren muss, für gerechtfertigt. "Ohne Volkert wäre die Sanierung von Volkswagen nicht möglich gewesen", begründet er seine Auffassung. Die Behandlung wie einen Markenvorstand sei deshalb auch nicht zu beanstanden.

Was bleibt, ist die Frage: Was muss ein Vorstandsvorsitzender wissen, wenn er sein Amt ernst nimmt? Laut Pischetsrieder hat sich sein Amtsvorgänger lediglich für das Design, die Qualität und die Kosten der Fahrzeuge interessiert. Für alles andere sei Delegation sein Führungsprinzip gewesen, sagte Pischetsrieder über Piëch. "Es gab eine Vielzahl von Dingen, die ihn überhaupt nicht interessiert haben." Er selbst halte es "mit Einschränkungen" genauso. Weniger wissen ist manchmal eben mehr - zumindest als Vorstandsvorsitzender.