VW-Affäre High Noon in Braunschweig


Im VW-Prozess wird mit großer Spannung die Aussage von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch erwartet. Was wusste der ehemalige Vorstandsvorsitzende über die Lustreisen des Betriebsrates? Bislang bestreitet Piëch jedwede Mitwisserschaft.
Von Johannes Röhrig

Ob er wohl mit dem Phaeton vorfährt? Ob man den kleinen Mann in dem Gedränge überhaupt sieht, wenn er aussteigt? Und ob es wieder Buh- und Pfui-Rufe aus dem Publikum geben wird wie an dem Tag, an dem der frühere VW-Personalchef Peter Hartz vor dem Braunschweiger Landgericht vorfuhr?

An diesem Mittwoch um zehn Uhr soll Ferdinand Piëch, der 70-jährige Dompteur bei Porsche und VW, dem Gericht in der niedersächsischen Provinzstadt Rede und Antwort stehen. Es geht um Lustreisen und Prostituierte auf Firmenkosten und um die Begünstigung des Betriebsrats in großem Stil. Piëch, lange Jahre VW-Vorstandschef und heute Aufsichtsrat, ist als Zeuge geladen; gegen ihn wird nicht ermittelt.

Alles ist mittlerweile aktenkundig

Dennoch ist der Auftritt von Piëch ein Höhepunkt in einem Verfahren, in dem es fast keine Geheimnisse mehr gibt. Wie häufig sich die Herren von Volkswagen - sowohl Betriebsräte als auch Manager - von Prostituierten bedienen ließen, ist aktenkundig und längst öffentlich. Der ehemalige Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer, dem hier neben dem früheren VW-Betriebsratschef Klaus Volkert der Prozess gemacht wird, hat alle Details bereits zu Protokoll gegeben - zuerst im Herbst 2005 in einem Interview mit dem stern. Abgerechnet wurden Frauen, Schmuck und Reisen stets über das bei Hartz angesiedelte Konto "1860 Diverses". Ein ehemaliger Betriebsarzt hat ebenfalls schon anschaulich von den anregenden Trips nach Asien und sonst wohin berichtet. Wegen seiner großzügigen Vergabe von Potenz steigernden Pillen wurde er von der Boulevardpresse "Dr. Viagra" getauft.

Mit Hartz wurde schon im vergangenen Jahr ein ehemaliger Topmanager in der Affäre abgestraft; er bekannte sich schuldig. Und selbst bei dem angeklagten Arbeiterführer Klaus Volkert, dem Hauptnutznießer des Systems, bestehen kaum Zweifel: Er wurde diskret mit Sonderbonuszahlungen in Millionenhöhe angefüttert. Einer brasilianischen Geliebten schanzte er quasi vom Bett aus zudem Summen zu, von denen VW-Arbeiter an der Werkbank nur träumen dürfen. In Volkerts Fall geht es allein noch um die Frage, ob dies alles strafbar war; und wenn ja, wie lange er dafür einsitzen soll.

Piëch hat "niemals Geld verteilt"

Ein großes Rätsel allerdings birgt dieser Skandal: Was wusste der Chef? Was wusste Ferdinand Piëch? Nichts - sagt Piëch. Er habe "niemals Geld verteilt, sondern in diesen unangenehmen Fällen" sich stets dadurch "aus der Schlinge gezogen, dass ich es an jemand anderen delegiert habe", so Piëchs Aussage gegenüber den Ermittlern. Damals ging es um Volkerts Begehrlichkeiten, sein Gehalt auf das Niveau eines Managers zu schrauben.

Piëchs Fähigkeiten zur Verdrängung mögen ihm viele nur ungern abnehmen, auch die Staatsanwaltschaft tut sich mit dieser Version schwer. Es gibt Vermutungen und Andeutungen, Piëch könnte zumindest über die Abrechnungspraxis beim Konto 1860 im Bilde gewesen sein. Immerhin reichte Gebauer nicht nur Eigenbelege ein, um den eigentlichen Zweck der Ausgaben zu verschleiern. Auch ungetarnte Rechnungen aus Puffs und Schmuckgeschäften wurden erstattet. Piëch war und ist ein pedantischer Kontrolleur. Die Vorstellung, dass Hartz die Sonderbehandlung Volkerts jahrelang am Chef vorbei organisierte, fällt nicht leicht.

Dennoch gibt es keinen Beweis für das Gegenteil. Enge Piëch-Mitarbeiter stützten seine Aussage. Hinweis, Vorwurf, Dementi - so lief das bislang. So rückt man einem wie Piëch nicht gefährlich nah.

Wie wird Piëchs Auftritt vor dem Landgericht aussehen? Als Zeuge darf er die Aussage verweigern, wenn er sich selbst belasten würde. Doch es ist kaum wahrscheinlich, dass er von diesem Recht Gebrauch macht. Er wird seinen Kopf auch diesmal "aus der Schlinge ziehen" und sich mit Erinnerungen an jene unappetitlichen Usancen bei VW schwer tun. Vor zweieinhalb Jahren flog die Affäre auf. Nun ist endlich High Noon in Braunschweig, doch niemand wird erschossen. Allenfalls ein bisschen Staub wird an den Kleidern kleben bleiben.


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