HOME

US-Notenbank: Kurse und Ölpreis steigen nach Zinssenkung

Angesichts der Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten hat die US-Notenbank erstmals seit Juni 2003 ihren Leitzins gesenkt. Damit nimmt die Notenbank spürbar den Druck vom internationalen Geldmarkt - die Aktienkurse schossen in die Höhe.

Die Federal Reserve nahm den Satz von 5,25 auf 4,75 Prozent zurück, um negative Folgen der Kreditkrise auf die US-Wirtschaft abzumildern. Sie ging damit über jene 25 Basispunkte hinaus, die die meisten Beobachter erwartet hatten. Zudem ließ sie die Tür für weitere Zinssenkungen offen.

Der Euro schoss auf ein Rekordhoch bei 1,3981 $. An den US-Aktienmärkten löste die Entscheidung eine Rally aus. Der S&P-500-Index stieg zeitweise um 2,5 Prozent. "Die Fed hat ihre unangebrachte Vorsicht beiseitegeschoben", sagte Ian Shepherdson, US-Chefvolkswirt beim Beratungsdienst High Frequency Economics.

Inflation als Hauptsorge

Mit ihrer Zinssenkung vollzieht die Fed eine deutliche zinspolitische Wende. Seit August 2006 hatte sie den Zins bei 5,25 Prozent belassen, aber die zu hohe Inflation stets als Hauptsorge bezeichnet - und so eine Neigung zu weiteren Zinserhöhungen erkennen lassen. Erst Mitte August hatte sie diese Einschätzung abgeschwächt. Hintergrund waren die Probleme an den Kreditmärkten infolge der Krise am US-Hypothekenmarkt für Schuldner geringer Bonität (Subprime).

In ihrem Statement verwies die Fed nun darauf, dass straffere Kreditkonditionen den US-Häusermarkt weiter schwächen und das Wachstum generell dämpfen könnten. Die Zinssenkung solle dies verhindern. Einige Volkswirte befürchten bereits eine Rezession.

Die Fed verwies darauf, dass das Wachstum im ersten Halbjahr "moderat" gewesen sei. Die Entwicklungen seit der Augustsitzung hätten aber die Unsicherheit über den Konjunkturausblick erhöht. Die Fed betonte, dass sie die Situation beobachte und wenn nötig handeln werde, um Preisstabilität und nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu gewährleisten.

Prognose für US-Wachstum gesenkt

Nach jüngsten Zahlen hatte im August erstmals seit vier Jahren die Zahl der Jobs abgenommen. Der Internationale Währungsfonds wird voraussichtlich seine Prognose für das US-Wachstum 2008 von 2,8 auf 2,2 Prozent senken, meldete die italienische Nachrichtenagentur AGI.

Neben dem Leitzins nahm die Fed auch den Diskontsatz, zu dem sich Banken direkt und unbegrenzt bei ihr Geld leihen können, um 50 Basispunkte auf 5,25 Prozent zurück.

Die Fed steht vor dem Dilemma, dass sie Investoren, die zu große Risiken eingegangen sind, nicht voreilig zur Seite springen will, aber auch den Auftrag hat, das Wachstum zu stützen.

Weltweit sind Banken infolge der Subprime-Krise in Schieflage geraten - zuletzt in Großbritannien der Hypothekenfinanzierer Northern Rock. In den USA warnte die Bank of America vor einem "bedeutenden Einfluss" auf das eigene Zahlenwerk. "Das sind keine normalen Zeiten", sagte Finanzchef Joe Price.

"Substanzielle Verluste"

Allerdings sorgte die Investmentbank Lehman Brothers für Erleichterung, da ihre Quartalszahlen besser als befürchtet ausfielen. Der Nettogewinn lag mit 887 Mio. $ nur um drei Prozent unter dem Vorjahreswert. Es waren die ersten Geschäftszahlen einer Bank seit Ausbruch der aktuellen Kreditkrise. Allerdings berichtete Lehman auch "substanzielle" Verluste bei US-Hypotheken und Private-Equity-Krediten.

Der Ölpreis kletterte nach der Zinsentscheidung erstmals über 82 $, da die Akteure am Ölmarkt nun das Risiko einer Rezession als geringer einschätzen. Der Kontrakt für die US-Sorte West Texas Intermediate legte in der Spitze auf 82,20 $ je Barrel (159 Liter) zu.

Die Jubelstimmung an den internationalen Aktienmärkten nach der überraschend deutlichen US-Leitzinssenkung hat auch dem deutschen Aktienmarkt ein kräftiges Plus beschert. Der DAX gewann im frühen Handel 1,88 Prozent auf 7717 Zähler. Der MDAX rückte um 1,85 Prozent auf 10 013 Punkte vor. Der Technologiewerte-Index TecDAX stieg um 2,37 Prozent auf 922 Zähler. "Zunächst stehen für die Aktienmärkte natürlich alle Ampeln auf grün", sagte ein Händler.

Der US-Leitindex Dow Jones hatte am Abend mit plus 2,51 Prozent so fest wie lange nicht mehr geschlossen.

von M. Schrörs, Y. Osman, A. Maier und U. H. Müller / FTD