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"Chasing Marsalek" Wo ist Jan Marsalek? Auf der Jagd nach einem hollywoodreifen Bösewicht

Jan Marsalek: Bürger sollen bei Suche nach Ex-Wirecard-Chef helfen
Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek wird mit internationalem Haftbefehl gesucht
© DPA
Jan Marsalek gilt als das mutmaßliche Mastermind des Wirecard-Betrugs. Ein Team von Journalistinnen hat sich auf die Spur des geflüchteten Ex-Managers begeben – immer mit der Frage: Wer ist der Mann und wo ist er?

Fast ein Jahr ist es her, dass der Dax-Konzern Wirecard wie ein Kartenhaus in sich zusammengebrochen ist. Die skandalösen Umstände der Insolvenz des Zahlungsdienstleisters aus Aschheim bei München haben zu strafrechtlichen Ermittlungen und einem Untersuchungsausschuss im Bundestag geführt. Doch der Hauptschurke bleibt verschwunden: Jan Marsalek, langjähriger "Chief Operating Officer" bei Wirecard und mutmaßliches Mastermind hinter dem Betrug, wird nach wie vor per internationalem Haftbefehl gesucht.

Ein Team von investigativen Journalistinnen hat sich für den Podcast "Chasing Marsalek - Exit Wirecard" auf die Spur des verschwundenen Ex-Managers begeben. Die Journalistinnen haben mit ehemaligen Mitarbeitern und Bekannten gesprochen, mit dem obersten Geldwäschefahnder in Manila und der Münchener Staatsanwältin Anne Leiding, die wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs ermittelt. Sie beleuchten Marsaleks Verbindungen zu zwielichtigen Geschäftspartnern, zu Geheimdienstlern und organisierter Kriminalität. "Das klingt wie ein Thriller-Stoff, aber die Geschichte ist echt", sagt Bettina Weiguny, die seit einem Jahr zu Wirecard recherchiert, und als Host durch den Podcast führt. 

Hollywoodreife Flucht

Am 18. Juni 2020 musste Wirecard eingestehen, dass 1,9 Milliarden Euro, die auf Treuhandkonten auf den Philippinen liegen sollten, nicht existieren. Es ist der letzte Tag, an dem der für das Asiengeschäft zuständige Marsalek in den Aschheimer Büroräumen gesehen wird. "Ich bin beurlaubt. Ich fliege jetzt auf die Philippinen und suche das Geld", soll Marsalek bei seinem Abgang Mitarbeitern auf dem Flur gesagt haben, bevor er in den Aufzug stieg. Eine Finte, wie man heute weiß. Denn tatsächlich flüchtet er am Folgetag von München über Wien nach Minsk, wo er untertaucht.

Ein Ex-Mitarbeiter des österreichischen Verfassungsschutzes hilft Marsalek dabei, einen Privatflieger zu chartern, bevor der beurlaubte Manager zur Fahndung ausgeschrieben wird. Nur eine Ledertasche habe der geschasste Manager dabei gehabt, berichten Augenzeugen. Der kleine Wiener Privatflugplatz, von dem Marsalek flieht, ist einer der Schauplätze der ersten Folge von "Chasing Marsalek". 

Charmanter Nerd im Männer-Club

Der Podcast versucht nicht nur zu ergründen, wo Marsalek abgeblieben sein könnte, sondern auch, was für ein Mensch der 41-Jährige eigentlich ist. Bekannte beschreiben ihn als Voll-Nerd, als hochintelligent und selbstverliebt. Als jemand, der charmant auftritt und andere für sich zu gewinnen weiß, aber erstaunlich wenig soziale Empathie aufweist. Mit 19 Jahren hat er in Wien die Matura, das österreichische Abitur, abgebrochen, um bei Wirecard anzuheuern. Seit 2010 agierte er dort als Vorstandsmitglied und rechte Hand des mittlerweile verhafteten Wirecard-Chefs Markus Braun. Marsalek liebt enge Maßanzüge und bezahlt in bar, gerne mit 500-Euro-Scheinen – um Eindruck zu schinden und um möglichst wenig digitale Spuren zu hinterlassen.

Den Spuren, die das Phantom Marsalek dennoch hinterlassen hat, jagt das Team von "Chasing Marsalek" für ihre sechsteilige Podcast-Reihe hinterher. Dass die beteiligten Journalistinnen aus Deutschland und Österreich allesamt Frauen sind, gibt der Sache aus Sicht der Macherinnen nochmal einen besonderen Reiz. Denn Wirecard und das kriminelle Netzwerk, das sich um den Skandal-Konzern spannte, sei eindeutig ein Männer-Club gewesen, sagt Bettina Weiguny. "Es ist eine Geschichte von zu viel Testosteron und es stellt sich die Frage, ob das alles auch so passiert wäre, wenn mehr Frauen an Bord gewesen wären."

"Chasing Marsalek - Exit Wirecard", ab 27. Mai immer 14-tägig neue Folgen bei Audio Now


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