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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne: Herrmann Hesses Antwort auf die europäische Krise

Die Europäer können viel lernen aus Herrmann Hesses Roman "Das Glasperlenspiel". Nationale Alleingänge und eifersüchtige Erbsenzählerei schaden allen und gefährden Frieden, Freiheit und Wohlstand.

Von Thomas Straubhaar

Ganz Europa lebt in Angst und Schrecken. Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Ordensbrüdern bevölkertes Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten. In Herrmann Hesses "Glasperlenspiel" sind das anders als in "Asterix" nicht die Gallier, sondern die Kastalier, die völlig unbeeindruckt von Krieg und Krisen rundherum, wohlbehütet in ihrer kleinen, sauberen, heiteren und scheinbar abgeschotteten Welt leben. Dort perfektionieren sie lieber das abstrakte Glasperlenspiel, als sich um konkrete Politik zu kümmern.

Einzig der Oberguru der Glasperlenspieler (der "Magister Ludi" Josef Knecht) erkennt, dass die Folgen der Weltpolitik sich auch auf Kastalien auswirken. Mit einem Rundschreiben versucht er vergeblich, die trägen und selbstgefälligen Kollegen aufzurütteln.

Wie weit kann sich ein einzelnes Land abschotten?

Hermann Hesse, dessen Todestag sich am 9. August zum fünfzigsten Male jährt, schrieb "das Glasperlenspiel" zwischen 1930 und 1943. Es war eine Zeit, als rund um das vom Weltkrieg noch verschonte Kastalien die Erde brannte, die Apokalypse drohte und die europäische Kultur am Ende war. Die Frage kam auf, wieweit sich ein einzelnes Land von den schrecklichen Kriegsfolgen für Weltpolitik und -wirtschaft abschotten und ein selbstbestimmtes Leben führen könne. Für Hermann Hesse war die Antwort klar:

"Wir sind selbst Geschichte und sind an der Weltgeschichte und unserer Stellung in ihr mitverantwortlich. Am Bewusstsein dieser Verantwortung fehlt es bei uns sehr."

Europäer zählen Erbsten anstatt mit Glasperlen zu spielen

Heute steht Europa wie zu Zeiten der Glasperlenspieler am Abgrund. Das über eine lange Nachkriegszeit aufgebaute Vertrauen ist während der Eurokrise in wenigen Monaten dahingeschmolzen. Das Verhältnis zwischen Nord und Süd zerrüttet mehr und mehr. Aus Glasperlen sind Erbsen geworden, die alle eifersüchtig zählen. Jeder will verhindern, dass andere auf seine Kosten scheinbar besser dastehen als man selbst. Statt eines selbstlosen Magister Ludi, der die im Weltvergleich auf einer Insel der Glückseligkeit lebenden Europäer mahnt und erklärt, dass es ums große Ganze geht und nicht um das Auseinanderdividieren ohnehin nicht messbarer nationalökonomischer Vor- und Nachteile, dominieren populistische Scharfmacher, egoistische Karrieristen und kleinkarierte Nationalisten die öffentliche Diskussion.

Frieden und Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif

Billige Polemik gefährdet das europäische Erbe der Nachkriegsgeneration. Zu wenige erinnern, wie Hesses Magister Ludi, an ein paar simple Wahrheiten. Nämlich, dass Europa in den letzten 60 Jahren Schritt für Schritt „den meisten von uns Ordensbrüdern so selbstverständlich (geworden ist) wie jedem Menschen die Luft, die er atmet, und der Boden, auf dem er steht. Kaum einer denkt jemals daran, dass diese Luft und dieser Boden etwa auch nicht dasein, dass die Luft uns eines Tages mangeln, der Boden unter uns hinschwinden könnte.“ Eine von der längsten Phase ohne Krieg in Europa verwöhnte europäische Bevölkerung vergisst offensichtlich zu rasch, dass Frieden, politische Stabilität, Rechtstaatlichkeit und offene Märkte nicht zum Nullpreis zu haben sind. Ganz zu schweigen von dem Luxus, ohne Formalitäten und Hindernisse vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer und vom Nordkap bis Sizilien reisen, studieren, arbeiten, handeln und Geld verdienen zu können.

Es geht um bessere Lebensverhältnisse für alle

Um Frieden und Freiheit zu bewahren, müssen die Europäer verstehen, dass nationale Alleingänge weder möglich noch sinnvoll sind, wenn globale Märkte den Takt vorgeben und zum Maß aller Dinge werden. Es bedarf der Einsicht, dass es nicht um nationale Vorteile, sondern um bessere Lebensverhältnisse für alle geht. Dann kommt man automatisch zu einer Politik, die mehr und nicht weniger europäische Integration anstrebt. So wird Europa politisch mächtig und wirtschaftlich stark genug bleiben, um die kommenden Herausforderungen zu bewältigen. Magister Ludi formuliert das in seinem Brandbrief für Kastalien so:

"Die Gefahr ist noch einigermaßen fern"

"Es nähern sich kritische Zeiten, überall spürt man die Vorzeichen, die Welt will wieder einmal ihren Schwerpunkt verlegen…Wir können, wenn wir wollen, die Augen schließen, denn die Gefahr ist noch einigermaßen fern; Für mich jedoch, und wohl nicht für mich allein, würde diese Ruhe nicht die des guten Gewissens sein. Ich möchte nicht in Ruhe weiter mein Amt verwalten und Glasperlenspiele spielen, zufrieden damit, daß das Kommende ja wohl mich nicht mehr am Leben treffen werde."

Wer kann wirklich guten Gewissens daran zweifeln, dass heutzutage die Antwort lauten muss: mehr Europa und weniger Nationalismus?