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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne: Scheichs jagen deutsche Schnäppchen

Chinesen und Araber beginnen, wie jetzt bei Air Berlin, Deutschland aufzukaufen. Erschreckend? Nein. Wir können von den Investoren profitieren - sind vielleicht sogar auf sie angewiesen.

Von Thomas Straubhaar

Die arabische Fluggesellschaft Etihad kauft fast 30 Prozent der Aktien von Air Berlin, Deutschlands zweitgrößter Fluglinie. Als größter Einzelaktionär der Berliner ziehen die Araber auch in den Aufsichtsrat ein. Somit werden sie künftig die Strategie vorgeben. Was Air Berlin passiert, wird kein Einzelfall bleiben. Im Gegenteil: Beteiligungen von und Übernahmen durch ausländische Investoren werden für deutsche Unternehmen zum Normalfall werden.

Lange schon fand ein Ausverkauf deutscher Firmen an Ausländer statt - seit den Ölkrisen der 1970er und 1980er Jahre durchaus auch an arabische Potentaten. Was aber Gegenwart und Zukunft von der Vergangenheit unterscheidet ist, dass sich die ausländischen Kapitalisten nicht mehr nur mit der Rolle des stillen Geldgebers begnügen werden. Die Investoren aus aller Welt wollen bei der strategischen Ausrichtung und wohl auch im operativen Geschäft mitbestimmen. Sie wollen mit gestalten und nicht nur mit verdienen.

Neu ist auch, dass die Investoren nicht nur vermögende Privatpersonen, sondern die Interessen reicher Staatsfonds vertreten. So verfügt der weltweit größte Staatsfonds, Abu Dhabi Investment Authority in den Vereinigten Arabischen Emiraten, über ein Vermögen von mehr als 600 Milliarden US-Dollar. Ebenso gut gefüllt sind die Kassen staatlicher Einkäufer in China, Saudi-Arabien, Kuwait, Singapur, Russland und Katar.

Begehrte deutsche Technologie

Dass Araber, Inder und Chinesen beginnen Deutschland aufzukaufen, mag viele erschrecken. Befürchtet wird eine verstärkte Abhängigkeit vom Ausland. Produktionsstätten könnten dann in Deutschland nicht mehr alleine aufgrund von betriebswirtschaftlichem Gewinnstreben geschlossen werden. Vielmehr wäre es kaltes politisches Kalkül mit allerlei Maßnahmen die deutsche Wirtschaft zu schwächen, um dadurch die Staaten der Geldgeber zu stärken. Air Berlin würde demgemäß nicht gekauft, um die Fluggesellschaft profitmaximierend zu betreiben, sondern um sich einen Konkurrenten vom Hals zu schaffen, die Firma zu filettieren, die attraktiven Routen ins eigene Geschäft zu integrieren und die übrigen Aktivitäten stillzulegen oder zu verkaufen.

Vor allem der Technologietransfer ans Ausland verursacht den Deutschen Sorgen. Anstatt mehr oder weniger illegal Raubkopien zu erstellen, Patente zu kopieren und modernste deutsche Technik teuer erwerben zu müssen, kaufen sich Südostasiaten schlicht ganz günstig die deutschen Firmen. Damit erhalten sie als Mitgift völlig legal die gesamte Palette der Patente, der Technologie und auch gleich noch die Belegschaften mit all' ihrem Wissen und Können. Einfacher geht es nicht, an deutsche Technologie zu kommen!

Auch die Japaner haben uns nicht geschadet

Die Ängste über einen Ausverkauf deutscher Technologie gab es schon einmal. In der Zeit der ersten und zweiten Ölkrise waren es die Japaner, die das Trojanische Pferd des Firmenaufkaufs gesattelt hatten. Das tatsächliche Ergebnis war ein völlig anderes als befürchtet. Sicher gab es einen rascheren Technologietransfer. Der aber hat Deutschland nicht etwa geschadet. Der zweifelsohne härtere Wettbewerb hat die deutschen Automobil- und Maschinenbauer angestachelt, noch besser und innovativer zu werden. Und heute ist die deutsche Industrie unverändert die wettbewerbsfähigste der Welt (geblieben), währenddem sich Japan seit Jahren schwer tut.

Die Lehre ist also, dass ausländische Kapitalisten Deutschland nicht schwächen, sondern stärken. Des Rätsels Lösung liegt im verstärkten Einbezug der Geldgeber in die internationale Arbeitsteilung. Je intensiver der nämlich ist, um so mehr profitieren alle. Das ist die typische Win-Win-Situation der Spezialisierung und des Tausches. Dazu kommt, dass mit einer enger werdenden Verflechtung Länder wie China oder Russland ein größeres eigenes Interesse an einer funktionierenden Weltwirtschaft, an Fair Trade, einem Schutz geistiger Eigentumsrechte (Patente, Markenrechte) sowie einer Bestrafung von Piraterie, Raubkopien und illegalem Verhalten haben. Wer selber etwas besitzt, hat auch etwas zu verlieren, das er dann zu schützen bereit ist.

Das Spielfeld nicht den Asiaten und Arabern überlassen

Übernahmen und Beteiligungen ausländischer Investoren werden in den nächsten Jahren als eine der Folgen der Finanzmarktkrise häufiger werden. Die Hebel, mit denen Banken Fremdkapital vergeben können, sind schwächer geworden, weil sie künftig höhere Eigenkapitalquoten als Sicherheit vorhalten müssen. Deshalb dürfte Fremdkapital knapper und damit auch teurer werden. Auf der anderen Seite werden Unternehmen mehr Eigenkapital benötigen, um an Kredite heranzukommen. Die Zeiten, in denen in Deutschland mit wenig Eigenkapital viel günstiges Fremdkapital zu erhalten war, dürften für lange Zeit vorbei sein. Um der drohenden Kreditklemme zu entgehen, sollten sich deutsche Firmen somit nach Alternativen bei der Kapitalbeschaffung umsehen. Dazu gehört insbesondere das Kapital ausländischer Investoren.

Allerdings sollte man die Schnäppchenjagd nicht nur den Asiaten und Arabern überlassen. Auch viele deutsche Firmen schwimmen in Liquidität und wissen nicht so recht, wo sie ihr Geld anlegen sollen. Mittelständler, denen es gut geht, sollten ihre Liquidität und gegebenenfalls die niedrigen Zinsen nutzen, um über Käufe zu wachsen. Viele deutsche Firmen sind stark und liquide genug, um ebenfalls einzukaufen. Und zwar nicht nur in Deutschland. Auch im übrigen Euro-Raum sind als Folge von Finanzmarkt-, Staatsschulden- und Eurokrisen viele Betriebe billig zu haben. Deshalb sollten sich auch deutsche Unternehmen bei der Schnäppchenjagd im europäischen Firmen-Ausverkauf beteiligen.

  • Thomas Straubhaar