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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne zur Griechenland-Krise: Lagarde macht es sich zu einfach

IWF-Chefin Lagarde liest den Griechen die Leviten und spricht aus, was viele Deutsche denken. Doch einfache Rezepte greifen in der Euro-Krise zu kurz. Merkels Strategie ist zielführender.

Von Thomas Straubhaar

Was ärgern uns diese Griechen! Erst bitten sie um Hilfe. Haben sie unser Geld erhalten, wollen sie mehr und immer mehr. Wird den Unersättlichen ihr Wunsch nach ewiger Unterstützung verweigert, schlagen sie auf die Retter ein. Selbst der so kühlen Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, platzte ob soviel Undank, Uneinsicht und Unvernunft der Kragen. Ohne diplomatische Rücksicht forderte sie mit klaren Worten die Griechen auf, endlich auch selber zur eigenen Rettung beizutragen, Steuern zu bezahlen und die öffentlichen Finanzen zu sanieren.

Lagarde spricht aus, was Deutschland denkt. Hierzulande ist man des griechischen Theaters überdrüssig. Die Zeit sei gekommen, dem Spektakel ein Ende zu machen, so die öffentliche Meinung. Intelligente Leute präsentieren kluge Vorschläge, was nun zu tun sei, um die Euro-Krise zu beenden. "Werft die Griechen raus", ist die bildhaft einfache Version. "Greek Exit" klingt etwas komplexer und "Grexit" soll wohl originell sein. Andere schlagen einen "Geuro" vor, ein von den Griechen eigenständig gedrucktes Monopoly-Geld, mit dem künftig griechische Lehrer und Polizisten bezahlt oder Rentnerinnen und Arbeitslose unterstützt werden sollen. Kurzfristige Notfallpläne oder gut durchdachte Mehr-Punkte-Programme liefern mehr oder weniger pfannenfertige Auswege aus der europäischen Staatschuldenkrise. In immer rascherem Stakkato werden neue große Würfe präsentiert, wie der Gordische Knoten der Euro-Krise zu durchhauen sei, damit endlich alles gut werde.

Überhaupt nicht, oder wenn, so lediglich im Kleingedruckten findet sich bei den ökonomischen Therapievorschlägen der Hinweis, dass Risiken und Nebenwirkungen beträchtlich und - wie bei allen Medikamenten - "Dosierung" und "Timing" der Maßnahmen sehr wichtig sind. Höchstens am Rande wird darauf verwiesen, dass "eine Portion politischer Wille - und vor allem Mut, sich von konventionellen Denkmustern zu verabschieden" notwendig sei. Was aber, wenn es nicht nur "momentan" an Wille und Mut fehlt, sondern dauerhaft? Was, wenn vieles, das auf dem geduldigen Papier von Ökonomen vernünftig formuliert daherkommt, mit gesellschaftlicher Realität und politischer Praxis wenig bis nichts zu tun hat?

Es gibt nicht die eine richtige Lösung

Das wahre Leben ist komplexer als einfache Lehrbuch-Therapien vorgaukeln. Was ökonomisch richtig ist, muss politisch umsetzbar sein. Sonst ist es wie mit den Mäusen, die der Katze eine Glocke umhängen wollen, um rechtzeitig vor deren Annäherung gewarnt zu werden. Ein so einfacher wie nutzloser Vorschlag. Solange keine Maus in der Lage ist oder sein will, der Katze die Glocke umzuhängen, bleibt die gute Idee unpraktikabel. So ist es auch bei der Euro-Krise. In einer hoch verflochtenen Weltwirtschaft, in der alles mit allem zusammenhängt, gibt es keine einfachen, sondern nur komplexe Problemlösungen.

Was heißt schon "richtig" in einer Zeit, in der Globalisierung und Strukturwandel das politische, gesellschaftliche und ökonomische Spielfeld radikal verändert haben. Sie haben die Spielräume des Tuns und Lassens enorm vergrößert. Was früher lokal begrenzt war, ist heute global möglich. Was in der Vergangenheit regional mehr oder weniger abgeschlossene Wirtschaftsräume waren, sind in der Gegenwart offene, weltweit eng verflochtene Märkte mit global agierenden Spielern geworden. Was einst lange dauerte, ist heute in sekundenschnelle rund um die Erde verbreitet.

Der globalen Dimension entsprechend, steigt die Komplexität auf allen Ebenen - politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich - nicht zuletzt, weil das Tempo von Veränderung und Anpassung für soziale und ökonomische Prozesse unterschiedlich ist. In der Wirtschaft geht alles rasend schnell. Tageswerte und Quartalsbilanzen geben den Takt vor. In der Politik bremsen (Wut-)Bürger die Geschwindigkeit der Anpassung. Wahlzyklen bestimmten das Verhalten von Regierungen und Opposition. Gesellschaften benötigen jedoch Generationen, um Mentalitäten zu verändern. In dieser komplexer gewordenen Gemengelage gibt es weniger denn je einfache Patentrezepte auf neue Herausforderungen. Das gilt auch für die Euro-Krise.

Merkels Strategie folgen

Wer das heutige Griechenland mit dem Argentinien der Jahrhundertwende vergleicht, unterschlägt, dass die beiden bestenfalls wenig, wohl eher aber nichts wirklich gemeinsam haben. Deshalb sollten historische Erfahrungen wenn überhaupt, so nur sehr vorsichtig aus der Vergangenheit in die Zukunft und aus einem lateinamerikanischen auf einen europäischen Zusammenhang übertragen werden. Was für Argentinien vor zehn Jahren gültig gewesen sein mag, muss noch lange nicht für das Griechenland von morgen gelten.

Auch deshalb ist Vorsicht angezeigt, weil weder individuelles Verhalten noch makroökonomische Interaktionen exakten naturwissenschaftlichen Gesetzen folgen. Wenn der Apfel vom Baum fällt, zeigt sich für eine naturwissenschaftliche Theorie, ob sie in der Lage ist, diesen empirischen Vorgang "richtig" zu erklären. Die Gültigkeit ökonomischer Theorien hingegen ist immer an Raum und Zeit gebunden. Folglich kann es in der Ökonomik anders als in den Natur- oder Ingenieurwissenschaften - keine immer richtigen Naturgesetze oder abschließenden exakten Wahrheiten geben. Es gibt bestenfalls vorläufig gültige Einsichten. Mehr noch: Es gibt kein abschließendes "richtig" oder "falsch". Auf die in der Menschheitsgeschichte immer wieder gleichermaßen gestellten normativen Fragen nach Gerechtigkeit, Verteilung und sozialer Ordnung gab es von Gesellschaft zu Gesellschaft und von Periode zu Periode immer wieder andere "richtige" Antworten.

Das alles bedeutet nicht, dass für Griechenland "alles geht" und die übrigen Euro-Länder keine Handhabe haben, Griechenland auf die Einhaltung von gemeinsam akzeptierten Regeln und getroffene Vereinbarungen zu verpflichten. Aber die Komplexität möglicher Lösungen und deren Folgen verdeutlicht, dass es nicht genügt, auf dem Papier einfache Patentrezepte zu entwickeln, ohne sich über die (begrenzten) Möglichkeiten ihrer Umsetzung im Klaren zu sein.

Ein kluger ökonomischer Plan ist eben nur der zweite Schritt. Eine unverzichtbare Vorbedingung besteht in der gesellschaftlichen Akzeptanz und der damit verbundenen politischen Durchsetzbarkeit. Deshalb verspricht in der Tat die Strategie der deutschen Bundeskanzlerin vielleicht den besten Erfolg: "Vom Ende her denken" macht ein konkretes Vorgehen zwar langatmiger und schwieriger als scheinbar einfache Lösungen. Aber es erlaubt, das große Ganze nicht aus den Augen zu verlieren und im "richtigen" Moment das für die gegebene Situation "richtige" zu tun und alles andere zu lassen. Das ist vielleicht nicht so spektakulär wie "Greek Exit", "Grexit" oder "Geuro". Dafür aber vielleicht zielführender, kostenminimierender und damit letztlich erfolgreicher.